Smoky Mountains Dollywood und Bärenzuflucht

Majestätische Berge und Showbühnen: Der überlaufene Ort Pigeon Forge ist das Einfallstor zum meistbesuchten Nationalpark der USA. Wer aber die fünf Kilometer lange Fressmeile hinter sich lässt, kann im Great Smoky Mountain National Park echte Wildnis erleben.


Pigeon Forge - Knirschend öffnet sich die Holztür ins dämmerige Innere der alten Mühle. Mehlpuder und Staub hängen in der Luft, pfundweise ist das Mahlgut in Papiertüten gestapelt. Rasselnd mahlt der tonnenschwere Granitstein die gelb glitzernden Maiskörner zu feinem Grieß.

In der Mühle mit ihrem Restaurant, der Backstube und dem Kramladen, in dem Kuchen und hausgemachte Marmelade noch immer wie zu Omas Zeiten verkauft werden, könnte die Zeit stehen geblieben sein. Doch das coole T-Shirt des 24-jährigen Müllers Ryan Matthews zeigt, dass auch in Pigeon Forge am Rand der Smoky Mountains im US-Bundesstaat Tennessee das 21. Jahrhundert Einzug gehalten hat.

Die Mühle, die gerade 177 Jahre alt geworden ist, wird immer noch mit Flusswasser betrieben, aber nicht mehr mit dem Mühlrad, sondern mit Turbinen. Müller Matthews, der ein bisschen aussieht wie der junge Russell Crowe, hat den Aufstieg seines verschlafenen Dorfes zum Besucher-Magneten miterlebt: "Als ich klein war, gab's hier nur Maisfelder", sagt er und zeigt auf die Umgebung.

Nur einen Steinwurf entfernt ragen die Smoky Mountains in den Himmel. Der höchste Gipfel dort, der Clingmans Dome, ist 2025 Meter hoch. Die Berge gehören zum Great Smoky Mountain National Park, dem mit neun Millionen Gästen pro Jahr meistbesuchten Nationalpark der USA. Pigeon Forge ist das Einfallstor in das Naturschutzgebiet. Auf dem Marktplatz vor der Mühle werden Trödel und Kunsthandwerk verkauft.

Souvenirbuden bieten das Wahrzeichen - den Schwarzbären der Smoky Mountains - in verschiedenen Materialien und auf bedruckten T-Shirts feil. Der alte Marktplatz ist zugleich der "Hauptbahnhof" der kleinen Busse, die regelmäßig durch die Stadt pendeln, um sie auch Fußgängern zu erschließen. Denn Pigeon Forge ist ein langgestreckter Ort an einem sechsspurigen Parkway, an dem sich die Attraktionen aufreihen: Restaurants, Showbühnen, Einkaufszentren und Vergnügungsparks.

Die Rettung der Idylle

Rund 50 Kilometer südöstlich von Knoxville gelegen, ist Pigeon Forge noch recht jung: 1820 gründete der Pionier Isaac Love hier eine Schmiede (forge), zugleich war die Gegend die Heimat einer heute ausgestorbenen Taubenart (pigeon) - aus beidem zusammen ergab sich der Name.

Im Tal blühte bald die Landwirtschaft, und in den dahinter liegenden Bergen wurden ohne Rücksicht auf Verluste Kohle und Holz abgebaut. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Bergrücken fast kahlgeschlagen. Erosion verursachte Erdrutsche, und in den 1920er Jahren begann der Kampf zur Rettung der fast zerstörten Idylle.

Die Holzfäller zogen weg, als es nichts mehr abzusägen gab, das Land der Bergbevölkerung wurde aufgekauft. Die Familie Rockefeller spendete drei Millionen Dollar, und 1934 wurden die Great Smoky Mountains im Grenzgebiet zu North Carolina zum US-Nationalpark.

Pigeon Forge begann zu wachsen und 1961 als Stadt eingetragen. Als Knoxville 1984 die Weltausstellung austrug, kam der Tourismus in Gang. Er war ein Segen für die verarmte Gegend, zog Investoren an und gab den Südstaatlern Gelegenheit, ihre Gastfreundschaft zu beweisen. Heute nehmen die Menschen die Verwandlung ihrer Stadt gerne in Kauf. Europäische Urlauber mögen in Pigeon Forge vor allem ihre Klischees bestätigt finden - aber inmitten der grellen Unterhaltung zeigt der Süden hier sein freundliches, uramerikanisches Gesicht.

Elf Millionen Besucher strömen pro Jahr den Parkway entlang, sagt der Tourismusdirektor der Stadt, Leon Downey. Aus dem Mittleren Westen, den Ostküstenstaaten und aus dem Süden der USA rollen ganze Großfamilien in Autos, Minibussen und Wohnmobilen an. Die Hotels und Berghütten sind erschwinglich und die Natur der Smokys nur einen Katzensprung entfernt. "Die Leute lieben dieses Kontrastprogramm", meint Downey. Den Nationalpark erlebten sie allerdings leider "oft nur durch die Windschutzscheibe, weil sie die knappe Urlaubszeit nutzen wollen, um all die anderen Angebote hier wahrzunehmen."

Vergnügen und Völlerei

Achterbahnen und Autoscooter gibt es in Pigeon Forge an jeder Ecke. Die Rutschen im "Splash-Country Waterpark" wollen gerutscht sein, Oma zieht es in die Einkaufszentren, wo ständig Fabrikware im Ausverkauf verramscht wird.

Fünf Kilometer lang ist die Schlange der Restaurants mit Pfannkuchen-, Barbecue- und Fastfood-Menüs sowie manchmal singenden Kellnern. Am Parkway 441 muss für Vergnügen und Völlerei nur auf den Parkplatz abgebogen werden. Kinder geraten in der künstlichen Diamantenmine in den Gold-, Mütter in den Kaufrausch. Und Väter werden zu Helden, wenn sie für alles bezahlen.

"Es ist ein ganz bewusst auf die Familie abgestimmtes Programm, das die Generationen gemeinsam unterhalten soll", erklärt Deborah Fee Newsom, deren Firma Fee Hedrick Entertainment die Unterhaltungswelt in Pigeon Forge mit vier Showbühnen regiert. "Mit dem "Comedy-Barn" fing vor 20 Jahren alles an", erinnert sie sich. Dann kam das "Miracle Theater" hinzu, in dem die Geschichte von Jesus Christus als Musical mit Pferden, Eseln und Kamelen erzählt wird. "Wir haben auch eine Bären-Revue", erzählt die Geschäftsfrau.

Ihre neueste Errungenschaft ist eine Zaubervorführung mit einer Art David Copperfield für Arme: Terry Evanswood - ein sympathischer, aber auch aalglatter Entertainer mit dickem Make-up und lackschwarz gefärbten Haaren - sägt seine russische Assistentin auseinander und witzelt sich in die Herzen seines Publikums. "Gott hat mir meinen Traum erfüllt", bekundet er zum Ende der Show und zeigt damit deutlich, dass die Gegend zum "Bibelgürtel" im Süden der USA gehört.

Moral, Gottesfurcht und Patriotismus gehören in Pigeon Forge zum Menü. "In jeder unserer Shows werden Sie Elemente davon finden", verheißt Deborah Fee Newsom. Hier erlebe der Besucher ein Amerika, wie es früher war, meint sie: kulturell konservativ, musikalisch traditionell, religiös, aber politisch nicht unbedingt rechtsaußen. Auch wenn George W. Bush bei der Wahl 2004 hier mit 14 Prozent Vorsprung siegte: Tennessee war lange eine Hochburg der Demokraten.

Dolly Partons "Dollywood"

Mit Gott und Sternenbanner tritt auch die Country-Sängerin Dolly Parton in ihrer Heimat an. Parton stammt aus der kleinen Stadt Locust Ridge und wuchs in einer 14-köpfigen Familie in schwierigen Verhältnissen auf. Heute ist die 62-Jährige ein Superstar und versucht, ihrer einst bitterarmen Heimat zu helfen.

1986 machte sie aus dem Rummelplatz "Silver Dollar City" den Vergnügungspark "Dollywood". Auch die stampfende Pferde-Show "Dixie-Stampede" hat sie nach Pigeon Forge gebracht. In einer riesigen überdachten Arena rasen Büffel und Ferkel um die Wette, und tollkühne Reiter stellen den amerikanischen Bürgerkrieg nach. Bis zu dreimal am Tag führen Ross und Reiter 1400 Zuschauern ihre akrobatische Patrioten-Revue vor.

Wem der Rummel am Parkway zu viel wird, der kann in die Wildnis des Nationalparks flüchten. Dort lockt ein Wanderwegenetz von mehr als 1300 Kilometer Länge. Das einst beinahe abgeholzte Gebiet wurde wieder aufgeforstet, heute leben hier Bären, Adler, Rehe, Füchse und Salamander. Vor den Bären wird in den Besucherzentren gewarnt: "Nicht füttern, nicht fotografieren, nicht weglaufen", heißt es. "Auf jede Meile kommen zwei Bären", versichert John LaFevre, ein passionierter Bergwanderer aus der Gegend. "Aber Schwarzbären sind in der Regel scheu und meiden die Menschen, solange die ihren Müll aufräumen."

Alle Einheimischen und auch die Besucher sind froh, dass sich in den Bergen wieder so viele Tierarten tummeln. Vier Bären werden in Pigeon Forge allerdings auch als "Besucherattraktion" in einem armseligen Gehege gefangen gehalten. "Ein Schandfleck, den wir beseitigen wollen" versichert der Sprecher der Stadt, Tom Adkinson.

Beine in die Hand nehmen

Auf dem Gipfel des Mount Leconte lockt die einzige Besucher-Lodge im Nationalpark. "Es gibt Stockbetten und Eintopf zum Abendessen", erzählt LaFevre, aber die Hütte ist gefragt: Man muss Monate, wenn nicht sogar Jahre im Voraus buchen, um einen Platz zu bekommen. Knapp drei Stunden dauert der Gipfelsturm über schmale Pfade, durch Felstunnel, über kleine Brücken und in den Fels gehauene Stufen. Schon auf halber Höhe, beim Blick über die Gipfel und Täler der Smokys, scheint der Rummel von Pigeon Forge in weiter Ferne.

Auch Straßen führen durch den Nationalpark. Der "Newfound Gap" etwa schlängelt sich von Nord nach Süd durch die Wildnis und ist von Picknick- und Aussichtsplätzen gesäumt. "Quiet Trails", Rundwege von maximal einem Kilometer Länge mit vielen Informationstafeln, machen die Natur auch für ältere und nicht so athletische Gäste zugänglich.

Allerdings bergen Autoverkehr und Industrialisierung neue Gefahren für den Nationalpark. "Saurer Regen und verschmutzte Luft bleiben an den hohen Gipfeln hängen und zerstören die Bäume", klagt Tourismusdirektor Leon Downey. "Wir denken daran, Shuttlebusse einzusetzen, um die Leute in den Park zu bringen". Aber letztlich hilft den Besuchern von Pigeon Forge nur eines: Um nahe der mundgerecht servierten Unterhaltung auch die wahrhaft imposante Natur zu sehen, müssen sie die Beine in die Hand nehmen und wandern gehen.

Tina Eck, dpa



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