Kastenhotel an Dubais Flughafen Bed & Bildschirm

Stephan Orth

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Blaugrün leuchtendes Wasser, ein paar Wölkchen am Himmel, eine tropische Dschungelinsel: Die Aussicht durchs offene Fenster ist sensationell, besonders angesichts der Tatsache, dass ich mich auf einem Flughafen befinde.

Leider ist das Motiv nur aufgedruckt auf die Tapete, genau wie ein weiteres Holzsteg-Meerblick-Panorama neben dem Bett, so unecht wie die Plastikorchideen an der Rezeption.

"Willkommen im Snoozecube", sagte die dort sitzende Hotelangestellte. "Die Zukunft ist hier", behauptet der Flyer neben ihrem Tresen. Die Zukunft befindet sich demnach in Dubais Riesenflughafen im Terminal 1, ist durchnummeriert von eins bis neun und hat pro Zelle eine Grundfläche von 2,49 mal 1,40 Metern.

Für satte 16 Euro pro Stunde vermietet ein neuseeländisches Unternehmen neben Gate C22 winzige Zimmereinheiten mit falschen Fenstern, Türspiegel, Klimaanlage und einem kleinen TV-Bildschirm. Zum Zudecken dient eher eine Picknick- als eine Bettdecke. An der Wand hängen die Nutzungsbedingungungen, Regel Nummer zwei lautet "Defecating/Peeing in Cubes will not be tolerated". Damit auch der Letzte kapiert, dass Toilette und Bad nicht inklusive sind. Ebensowenig das Frühstück. Auf meine dementsprechende Frage deutet die träge Rezeptionistin den Gang runter, "bei C15 oder C20, Costas Coffee".

Es ist ziemlich ruhig hier, die Matratze ist in Ordnung, und es gibt zuverlässiges W-Lan, immerhin das ist Luxus. Denn Luxus ist relativ für Flugreisende, draußen schlummern Transit-Passagiere auf Wartesitzen oder auf dem Teppich mit Wüstensandmuster. Auch Enge ist relativ, schließlich liegen vor und hinter mir acht Stunden Fixierung zwischen zwei Economy-Class-Rückenlehnen. In einem Flugzeug wären 2,49 mal 1,40 Meter Platz ein Traum.

Ich mache die Tür zu, sitze an meinem falschen Fenster und fühle mich ganz weit weg vom Getümmel des Protz-Airports mit seinen Wasserspielen, Lichtkaskaden und "Final Call"-Durchsagen, mit seinen Sportwagen-Gewinnspielen und Golduhrenhändlern. Dubais Flughafen beweist, dass viel Geld (fast vier Milliarden Euro kostete der Neubau von Terminal 3) und viel Platz nicht zwangsweise Schönheit oder Komfort bedeuten.

Dagegen die Tropenkitsch-bepinselte Idylle einer dreieinhalb Quadratmeter großen Isolationszelle: Wahrscheinlich schlafe ich an einem der schönsten Flecken des Flughafens.

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13 Leserkommentare
murray_bozinsky 09.01.2014
bilderwelt 09.01.2014
Thorongil 09.01.2014
melblue 09.01.2014
wdiwdi 09.01.2014
bilderwelt 09.01.2014
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