Sokotra An den Hüter der Schönheit

Claus-Peter Lieckfeld hat sich verliebt - in Sokotra, eine Insel im Indischen Ozean. So sehr, dass er keine Reisereportage schreiben konnte. Stattdessen verfasste er einen Brief an den Präsidenten des Jemen - dem Land, zu dem das gefährdete Naturwunder gehört.


Sehr geehrter Herr Präsident der Republik Jemen, Ali Abdullah Salih,

dass ich mich auf diesem Weg an Sie wende, verlangt nach Erklärungen. Ich hätte da eine Handvoll anzubieten. Aber mehr noch drängt es mich zu einem Geständnis: Sie, Herr Präsident, und meine Wenigkeit, ein Vielreisender aus Deutschland, haben eine gemeinsame Liebe. Sie ist so verstörend schön, dass ich mich frage, wieso sie sich im islamisch geprägten Jemen so unverschleiert zeigen darf - wolkenfrei die meiste Zeit des Jahres. Ach, Sokotra!

Ihre Liebe zu Sokotra ist würdiger, wichtiger, sogar eine Haupt- und Staatssache. Schließlich trägt das Dekret Nummer 275 aus dem Jahre 2000 Ihre präsidiale Unterschrift. Ein Dokument, das einmal zu den Ruhmesblättern zählen wird, wenn das Goldene Buch des internationalen Naturschutzes geschrieben wird. Wann vor Ihnen hätte jemals ein Regierungsoberhaupt seine einzige große Insel mit einem Federstrich zu 72 Prozent dem Naturschutz anvertraut? Allenfalls Ecuador und der Galápagos- Archipel fielen einem da ein.

Ihre Unterschrift setzte einen Masterplan in Kraft, der aus der 130 Kilometer langen Insel größtenteils einen Nationalpark machen soll. Einige Bilder von meinem Besuch werden mir immer unvergesslich bleiben. Das Dihamri-Meeresrefugium zum Beispiel, im Nordosten der Insel gelegen, mit seinen Dünenrampen, die sich hundert Meter hoch gegen das Vorgebirge aufsteilen. Aus der Ferne betrachtet wirken sie wie Gletscherzungen, die ins Meer lecken, flirrend weiß. Und am Strand entdeckte ich dann diese kleine Steinhütte, die angeblich eigens für den Jemenfreund Günter Grass gebaut worden ist.

Mit Hai-Eingeweiden den Geruchssinn von Muränen kitzeln

Ich bin über die Felsen balanciert, die von der Flut überspült werden und in denen bei Niedrigwasser Tümpel zurückbleiben, die wie tausend Facetten im Sonnenlicht glitzerten. Ich habe die Grundel-Fischchen hüpfen sehen und den Makrelennachwuchs wimmeln zwischen rotschwarzen Steinen. Den Hemprich- Möwen habe ich zugeschaut, wie sie im Spülsaum Muscheln wenden. Und als ich mich schnorchelnd gegen schwingende Vorhänge aus Fischleibern treiben ließ, unter mir blaue Seesterne, locker drapiert über Korallenstöcke in maledivischer Vielfalt, neben mir fliegende Teppiche - Rochen mit lasziven Flügelschlägen -, spätestens da wurde mir klar, warum Sokotra den Ruf einer ungeplünderten Schatzkammer der Evolution hat.

Ein Glücksfall. Und das Glück im Glück liegt darin, dass hier die Schützer endlich einmal vor den Nützern am Zug waren. Mit "Nützern" meine ich die Spekulanten, die ihre Petrodollars normalerweise schneller in Anschlag bringen als Naturschützer ihre Daten. Nicht gemeint sind die Handvoll Fischer, die im Schutzgebiet weiterhin den Lebensunterhalt ihrer Familien sichern dürfen.

Einem habe ich zugeschaut, wie er mit Hai-Eingeweiden, die er durchs Wasser schwingen ließ, den Geruchssinn von Muränen kitzelte, um sie dann auf den Haken beißen zu lassen, versteckt in einem Fleischköder. Tief anrührend war das, wie der Alte mal um mal seine Finger riskierte, Zentimeter vor den schnappenden Hakenzähnen der muskulösen Jäger.

Ketten von Kormoranen

Die Schützer waren sicherlich gut beraten, die alten Fischrechte der Inselbewohner zu wahren; die überbordende Fülle verträgt kleine Eingriffe. Andererseits, Herr Präsident, werden auch Sie davon gehört haben, dass man rund um die Fischfabrik in Hadibu immer wieder verwesende Haileiber ohne Flossen findet. Haifischflossen gelten als Delikatesse in Japan und China, doch die barbarische Jagd im Auftrag fernöstlicher Großkunden soll auf Sokotra eigentlich verboten sein. Die Reisegruppe, mit der ich auf der Insel zu Gast war, hatte die Möglichkeit, auf den Dhaus zu fotografieren, den wunderbaren altertümlichen Fischerbooten: Dort an Bord haben wir als Fang nur sehr kleine Haie gesehen - ein sicheres Zeichen dafür, dass der Population der bedrohten Knorpelfische schon schwer zugesetzt worden ist.

Natürlich haben wir auch Erfreuliches beobachtet. Beispielsweise, dass die Planer der Küstenstraße die Trasse so verlegt haben, dass sie nicht durch die ökologisch wertvolle Qalansiyah- Region führt. Eine der weltschönsten Großlagunen wurde so gerettet. Hochbeinige Krebschen zucken dort über das Watt, mit aufgestielten Augen und wirbelnden Beinen. Wenn die tiefstehende Sonne den Sandrücken, der Meer und Achterwasser trennt, vor der Brandung des Indischen Ozeans rot aufleuchten lässt; wenn dann noch eine Kette von Kormoranen den Saum zwischen Meer und Himmel abfliegt und den Schlafplätzen in den westlichen Kliffen entgegenrudert; wenn das Kupfergrün des Küstengebirges im letzten Licht glimmt - dann ist das wie, wie … Rolf, der Vielreisende in unserer achtköpfigen Gruppe ( "Ich sag euch, Leute, das ist hier genau wie in..." ), wusste erstmals kein "wie". Und das sprach Bände.



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