Solartaxi in China Endstation Cyberspace

Das Solartaxi surrt durch die chinesische Provinz. Auf den schlaglochübersäten Bergstraßen ist das Fortkommen mühsam, die Autobahnen sind für Elektroautos verboten. Louis Palmer beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei.


Der angekündigte Taifun ist zwar ausgeblieben, doch der Himmel ist nun schon den dritten Tag verhangen mit dicken, grauen Wolken. Und es ist sehr kalt. Mein chinesischer Begleiter James und ich haben uns warm angezogen.

So surren wir über Berge, Berge, Berge. Nach Laos hatten wir uns schon zu früh auf etwas flacheres Gelände gefreut. Bergauf krieche ich in Rußwolken eingehüllt Lastwagen hinterher, und bergab holpere ich über endlose Reihen an Schlaglöchern. Während 17 Stunden Nonstopfahrt an einem Tag schaffe ich lediglich 210 Kilometer. Als die Nacht hereinbricht, ist die nächste Stadt immer noch 60 Kilometerweit entfernt. Die entgegenkommenden Lastwagen blenden mit ihrem Fernlicht, so dass ich voll auf die Bremse treten muss, denn sonst sehe ich weder die Schlaglöcher noch den Abgrund links von mir.

Irgendwann um 22 Uhr kommen wir in einer Stadt an, die gerade mit einem riesigen Feuerwerk ein Festival feiert. Erst nach drei Stunden finden wir zwei Hotelzimmer, wovon nur eines über Betten verfügt.

Die Freude ist unbeschreiblich, als wir endlich den Highway und etwas flacheres Gelände erreichen. Doch bei der ersten Einfahrt zum Highway schickt uns die Dame an der Mautkasse gleich zurück auf die alte Landstraße. "Elektroautos und Dreiräder sind nicht erlaubt!"

Ab jetzt folgt ein Katz-und-Maus-Spiel. Bei der nächsten Autobahnauffahrt versuchen wir's erneut. Die Dame im Häuschen fragt: "Ist dies ein Elektroauto?" James antwortet cool: "Nein, dies ist ein Solartaxi!" Die Dame nickt, und die Schranke geht auf. Diesmal hat's geklappt. Wir lachen uns krumm und surren mit 80 km/h über die menschenleere Autobahn. Echt bewundernswert, wo China überall top-moderne Autobahnen hinpflastert - nur oft fehlt in der Provinz der Verkehr.

"Stell dir vor, du hast zwei Söhne!"

Es bleibt genug Zeit für lange Gespräche mit James. China scheint mir bisher nicht gerade überbevölkert zu sein. Damit wären wir beim Thema "Ein-Kind-Politik". James klärt mich auf: "Ja, Han-Familien dürfen nur ein Kind haben, doch Minderheiten dürfen auch zwei haben." - "Und wenn nun doch ein Kind zu viel auf die Welt kommt?" James schüttelt den Kopf.

"Heute hat fast niemand mehr ein Kind zu viel. Nicht nur, weil er eine Buße zahlen muss. Wer einen Jungen hat, muss ihm später auch ein Haus oder ein Appartement kaufen. So ist es Brauch bei uns, und das ist noch viel schlimmer als eine Buße. Stell dir vor, wenn nun jemand zwei Söhne hat!" James verdreht die Augen. "Aber weißt du, nun haben wir viel zu viele alte Menschen. Um das Gleichgewicht zu wahren, dürfen solche Ehepaare, bei denen beide Ehepartner selbst Einzelkinder sind, zwei Kinder haben."

Wenig später umstellen uns bei einer Gaststätte drei Polizeiautos. "Bei der nächsten Ausfahrt müsst ihr die Autobahn verlassen", klärt uns der Polizeikommandant freundlich auf. Das machen wir gerne. Wir haben dank der Autobahn bereits 100 Kilometer Umweg über Schlaglöcher und Bergpässe eingespart. In der nächsten Stadt finden wir eine Absteige. Ein Einzelzimmer mit eigener Dusche und WC kostet drei Euro.

Kaum wird es dunkel, beginnt draußen das Leben: Ich beobachte Bananenverkäufer, dröhnende Traktoren, herumtollende Kinder und alte Männer beim Kartenspiel. Genau gegenüber finde ich ein Internet-Café, direkt über einem schmutzigen Treppenhaus, das mit Bananen- und Kopfsalat-Kartons versperrt ist. Hier ist die Jugend versammelt, vereinigt im Cyberspace. Außerdem 200 Breitbild-Bildschirme, modernste Designer-Sessel und junge Damen, die zwar kein Englisch sprechen, uns aber zu verstehen geben, dass jede angebrochene Stunde 20 Cents kostet.

Die Jugendlichen schreien und rauchen, reden mit sich selber und hauen nervös auf die Tasten. Im Cyberspace ist Chinas Alltag plötzlich weit, weit weg.

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