Solartaxi in Neuseeland Störenfriede werden aufgegessen

Auf der abgelegenen Südinsel Neuseelands brüten deutsche Forscher raffinierte und simple Lösungen aus, um die Welt zu verbessern. Und Louis Palmer sorgt sich derweil um den Fortbestand der neuseeländischen Tierwelt, die von Invasoren gefährdet ist.


Mit konventionellen Transportmitteln haben wir Dunedin im Süden Neuseelands erreicht. Thomas Bley, Fachbereichsleiter für Design an der Universität von Otago, war über SPIEGEL ONLINE auf uns aufmerksam geworden und hat uns herzlich eingeladen. Seine Spezialität: Er möchte ein abgasfreies Fahrzeug entwickeln, das so breit ist, dass es zwischen den Autokolonnen durchkommt und so den Staus in den Megastädten entwischen kann. "Pferdearsch" nennt er sein unkonventionelles Konzept und lacht. "So breit darf das Vehikel nämlich sein, genau 72,5 Zentimeter."

Erste Skizzen verraten, was man aus seinem Fahrzeug machen könnte: Paketpostfahrzeuge, Menschentransporter oder Ambulanzen. Ich staune über die Ideenvielfalt. Und wie einfach es eigentlich wäre, Probleme zu lösen und eingeschliffene Denkmuster zu verlassen. Bringen unkonventionelle Orte vielleicht eher unkonventionelle Ideen hervor?

Mit ihm und seinem Kollegen Chris Ebbert machen wir uns am nächsten Morgen früh in der Dunkelheit auf zu einer Pinguinkolonie, verlassen die Fahrbahn und rollen hinunter zum Strand. Da sehen wir im Scheinwerferlicht des Autos plötzlich schon das erste Tier vor uns, ganz grau und vom Format eines Waschbären: Chris klärt mich schnell auf: "Ein Opossum! Die Plage Nummer eins in Neuseeland. Gott alleine weiß, weshalb jemand diese Beuteltiere aus Australien nach Neuseeland eingeschleppt hat. Sie fressen nicht nur bestimmte Pflanzenarten, bis sie fast aussterben, sondern auch die Eier der Pinguine."

Ziegen aus dem Himalaja, Elche aus Nordeuropa

Ich erfahre, dass niemand weiß, wie man diese Plage wieder los wird. Immerhin zahle die Regierung jetzt zehn Neuseeland-Dollar (5 Euro) pro Fell. Und Experimente mit Gentechnik wie auch mit Gift seien Erfolg versprechend - obwohl das Gift auch für uns Menschen giftig sei. Na ja, vielleicht ein Anfang, denke ich. Es gilt immerhin, zwischen 60 und 80 Millionen dieser Tiere zu töten.

Doch das Opossum ist noch lange nicht das einzige eingeschleppte Tier, das zur Plage wurde: Wiesel, Igel, Marder, Ratten und Kaninchen sieht man ebenso überall, und in den neuseeländischen Alpen sind Bergziegen aus dem Himalaja genauso heimisch wie Gemsen, Wapitis und Rothirsche. Und mach einer munkelt, im südlichen Fjordland lebten noch ein paar Elche, die vor fast 200 Jahren ausgesetzt wurden. Nur hat seit 100 Jahren niemand mehr einen gesehen. Das sind hier die guten News.

Auf der Wanderung zu den Pinguinen, inmitten von Sanddünen, die von einem kräftigen Wind aufgeschichtet wurden, verrät mir Chris, an was er gerade arbeitet: an einem Haus mit zwei Windturbinen, die direkt zwei Kompressoren antreiben, die einen Druckbehälter mit Luft füllen. "Wenn diese Druckluft einen Generator antreibt, kann man das Haus mit Strom versorgen!" Ebberts Luftdruckspeicher, so einfach wie raffiniert, könnte vielleicht wirklich die Lösung für die Energiespeicher der Zukunft sein. Denn Wind gibt's überall.

Der Besuch bei den Pinguinen ist "wicked and awesome". Nix verstanden? Macht nix! Selbst viele Engländer verstehen die Kiwis nicht. Von den einst so zahlreichen Gelbaugenpinguinen gibt es weltweit vielleicht noch 3000 Stück, und hier leben noch etwa 60 Stück, die am Morgen vor unseren Kameras hinunterwatscheln zum Meer, wo schon die Seelöwen auf sie warten. Meistens schaffen sie's bis zum Meer. Falls sie nicht vorher zum Futter vom Rotfuchs werden. Denn auch der solle hier überall herumlaufen.

Opussums auf den Teller

Während ich aufs Meer hinausschaue, fällt mir ein, wo das Solartaxi gerade ist. Auf hoher See, unterwegs nach Sydney. Und so schön geputzt wie jetzt war es schon lange nicht - und zwar von den Behörden amtlich gereinigt mit einem Hochdruck-Dampfsprüher. Damit wir ja keine Mückenlarve von Neuseeland nach Australien einführen.

Ich reise weiter in die neuseeländischen Alpen, immer noch auf der Suche nach der Lösung zur Rettung der einheimischen Tierarten. Vielleicht hat Tim die Lösung. Der junge Koch in einem Restaurant erklärt mir, "Wild" sei der neue kulinarische Renner. Er bringe alles auf den Teller, egal, was auch immer einheimischen Jägern vor die Flinte komme. Wildschweine, Rehe oder Hasen. Und sogar - Opossums! Wenn jeder Neuseeländer pro Jahr 20 Opossums essen würde, so rechne ich schnell aus, wäre die Plage nach einem Jahr vorbei. Mir leuchten wohl die Augen bei dem Gedanken. Ob er mir denn ein Opossum bringen soll, fragt er mich schließlich. Was für ein Gedanke! Nun, das dann lieber doch nicht...



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