Solartaxi in Xinyu Trinkspiele und Tour-Theater

Berge, Täler, Tunnel - schier endlos erscheint der Besatzung des Solartaxis die Fahrt über chinesische Autobahnen. Für Abwechslung sorgen kurze Abstecher in die Dörfer und der Besuch einer Siliziumfabrik in Xinyu. Hier lernt Louis Palmer raue Trinksitten chinesischer Manager kennen.


Schnurgerade Autobahnen und kilometerlange Tunnel durchschneiden die sattgrüne chinesische Berglandschaft. Die Reisfelder, die chinesischen Dörfer, die Reiher und Wasserbüffel lassen sich von der Straße aus nur erahnen.

Für das Solartaxi-Team ist diese Autobahn zu öde. Während unser Tour-Guide James bei mir im Solartaxi sitzt, langweilen sich im Begleitbus fünf Mitfahrer, und so fahren die immer häufiger von der Autobahn ab, um Kinderchöre auf Marktplätzen zu zusammenzutrommeln, Szenen am Straßenrand für die Dokumentation zu drehen und spontane Filmsets in den Dörfern oder auf Reisfeldern und am Straßenrand aufzubauen. Die Menschen in den Dörfern haben viel Spaß daran, und es wird viel gelacht, auch wenn man sich selten versteht. Mancher wird die Solartaxi-Truppe für eine fahrende Theatergruppe halten.

Gewaltige Industrielandschaften

Das Ziel dieses Tages ist die Fast-Millionenstadt Xinyu. Die Anfahrt wirkt bedrohlich, aus der Entfernung denkt man eher an den Todesstern als an eine menschliche Siedlung.

Nur Schornsteine, riesige Stahlgerüste und aufflackernde Flammen sind zwischen den schwarzen Wolken zu erkennen. Wir durchqueren auf dem Weg ins Zentrum eine Industrielandschaft aus Stahl-, und Betonfabriken, Kraftwerken und Fabrikhallen mit Dimensionen, die man aus Europa nicht kennt.

Umso erstaunlicher ist der Empfang der Firma LDK in einem Hotel an einem kleinen künstlichem See im Zentrum der Stadt. LDK kämpft um die weltweite Führung bei der Herstellung von Silizium für Solarzellen. Die Firma ist an der New Yorker Börse gelistet, und vor allem ist LDK Sponsor unseres China-Abschnitts und Zulieferer unseres Hauptsponsors Q-Cells. Die Firma ist erst drei Jahre alt, aber im Begriff eine Fabrik zu bauen, die ein Drittel des Weltbedarfs der sogenannten Silizium-Wafer abdeckt. Das Unternehmen hat naturgemäß ein großes Interesse an der Ausbreitung der entsprechenden Technologie.

Das Team des Solartaxis wird also hofiert. Schon zum Frühstück sitzt Prominenz aus der Stadtverwaltung und der Partei sowie der Vorstand von LDK am Tisch. Zum Mittag werden von den Gastgebern die ersten Trinkspiele initiiert. Das Spiel heißt Gambé. Der Brauch fordert, das man genauso wie der Gegenüber, das Glas bis zum letzten Tropfen austrinkt, wenn einem der Zuprostende mit dem Wort Gambé dazu auffordert.

Wer im Mittelpunkt der Runde steht, muss am häufigsten spielen. Hochrangige Manager gehen sogar einmal herum, um jeden Teilnehmer der fremden Delegation jeweils einzeln herauszufordern. Am Ende wanken alle aus dem Saal. Ein wirklich ungewohntes Geschäftsdinner. Dass es ausgerechnet die wichtigsten Männer dieser Millionenstadt waren, die mit uns diese Spiele spielten, ist bizarr. Wer nicht trinkfest ist, scheint in China keine Chance auf einen hohen Posten zu haben.

Roter Teppich für das Solartaxi

Am nächsten Tag werden wir früh morgens mit der Polizeieskorte abgeholt und zur Universität gebracht. Die Sirenen sind angeschaltet, und alle Kreuzungen sind von der Verkehrspolizei abgesperrt. Den ganzen Tag werden wir so durch die Stadt geleitet. In der Heimat kennt man das nur vom Staatsbesuch. Nach einer Präsentation am College an einem Sonntag werden wir zur Stadtmitte gebracht. Dort wird das Solartaxi über einen roten Teppich geleitet und von Damen in folkloristischen chinesischen Gewändern eskortiert. 400 Studenten sind extra wegen uns heute zur Schule gekommen.

Vor einer Tribüne, auf der wahrscheinlich einige Tage vorher noch die 1.-Mai-Parade abgenommen wurde, kommt es zum Stillstand. Wir werden vom Bürgermeister, den Führern der Partei, dem Militär und den Geschäftsführern in Empfang genommen. Marschmusik, Luftballons, Konfettikanonen lassen das Solartaxi in Xinyu zu einem Stück Popkultur werden. Die Menge johlt und feiert mit und lauscht geduldig den Hymnen auf die sonnige Zukunft Chinas. Alle wollen ein Handfoto vom Solartaxi mit nach Hause nehmen. Das Gerangel um die besten Plätze ist groß.

Rasante Expansion

Abschluss des Tages ist eine Besichtigung der Hightech-Fabrik von LDK. Überall hängen die Pläne für eine Expansion, die kaum zu fassen ist. LDK soll eine ganze Stadt werden. Der CEO von LDK, der in den USA gelernt hat, möchte von Ausländern einfach nur Sam genannt werde. Sam vermittelt in bedachter und freundlicher Art: "Wir wollen das Tempo des bisherigen Wachstums halten. Innerhalb von zwei Jahren haben wir 8000 Leute beschäftigt. Innerhalb von drei Jahren ist LDK die Nummer zwei in diesem Segment geworden." Man möchte hoffen, dass sich LDK weiterhin auf Solarenergie konzentriert und weiterhin so schnell wachsen wird.

Wir gedenken also Deng Xiaoping, der schon in seiner Rede zur Einleitung der Marktwirtschaft sagte: "Armut ist nicht Sozialismus. Das Ziel des Sozialismus ist die Abschaffung der Armut", und wandeln es ab: "Die Ausbeutung der Erde ist nicht die Zivilisation, sondern das Ziel der Zivilisation ist es, die Ausbeutung der Erde zu beenden."



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