Foto: Annika Traser / Knesebeck Verlag

Gescheitertes Patagonien-Radabenteuer Dann eben zum Nordkap

Eine junge Berlinerin radelte zwei Jahre lang von Nord- bis Südamerika – dann kam die Pandemie und stoppte sie. Corona, der Abenteuerkiller? Nicht ganz!
Von Julia Stanek

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Eldorado. Ausgerechnet Eldorado heißt der Ort, an dem für Annika Traser ein Traum platzt. Eigentlich wollte die Berlinerin bis nach Patagonien radeln und Ushuaia erreichen, die südlichste Stadt Argentiniens. Sie hatte sich zwei Jahre zuvor ein Rad gekauft, es »Phileas« getauft – nach der Hauptperson in Jules Vernes Roman »Reise um die Erde in 80 Tagen« – und war in Ottawa aufgebrochen.

Was folgte, war ein Abenteuer, das die heute 28-Jährige einmal quer durch Kanada führte, die Westküste der USA hinunter bis nach Mexiko und dann durch Mittel- und Südamerika. In Nicaragua zeltet sie unterm Sternenhimmel, in Ecuador rauscht sie an kahlen Vulkanen vorbei, fährt durch tiefe Canyons und über reißende Flüsse hinweg.

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Radreise mit »Phileas«: Prärie, Peru und wilde Pisten

Foto: Annika Traser

Knapp 34.000 Kilometer in fast 700 Tagen wird sie am Ende unterwegs gewesen sein, 391 Tage davon auf ihrem Rad. Es ist eine beachtliche körperliche und mentale Leistung, eine Reise, die sich Traser so nicht mal vorgenommen hatte, wie sie sagt. Die studierte Gesundheitsmanagerin habe ursprünglich bloß ihren nach Kanada ausgewanderten Bruder besuchen wollen. Und als sie dort ein paar Wochen mit dem Rucksack unterwegs war, kam ihr die Idee.

»Andere Reisende erzählten mir von der Panamericana«, sagt Traser, von der Route durch Nord- und Südamerika. Die Radlerinnen und Radler schwärmten von den Anden und von der Atacama-Wüste. »Auf einmal gab's für mich nur noch diesen Plan.« Also feilte sie ihn für sich aus – einige Herausforderungen inklusive.

Denn ihr Weg wird über mehr Kopfsteinpflasterpisten, Schotter- und Mountainbike-Pfade führen als über echte Straßen. Nicht immer verlässt Traser die geplanten Wege mit Absicht. »Meist endet meine Irrfahrt mit einem frustrierten Zurückschieben, doch irgendwie finde ich immer wieder in die Zivilisation.« Traser hat kürzlich ein Buch über ihren Langzeittrip, der vor der Pandemie stattfand, veröffentlicht. »Hinter dem Asphalt beginnt das Abenteuer«, lautet der Titel.

Der Luxus einer Katzenwäsche

In Peru entscheidet sich Traser für eine berühmt-berüchtigte Folge von Schotterstraßen, die »Peru Divide«. Bis zu 5000 Meter über dem Meeresspiegel hoch führt diese Route, Traser hat mit Übelkeit zu kämpfen – und mit ihrem Rad. »Mit einer Reifenbreite von 1,4 Zoll hält es leider nicht so viel Matsch, Modder, Pfützen und Schlamm aus«, schreibt sie in ihrem Buch. Sie beißt sich dennoch durch, schließlich wartet der Titicacasee, den sie umrunden will. Er ist der größte Süßwassersee Südamerikas und fast so groß wie Korsika.

Warum tut sie sich das an?

»Für mich ist Radfahren ein großes Vergnügen«, sagt Traser. Sie liebt es, minimalistisch unterwegs zu sein, schätzt eine Katzenwäsche im Fluss genauso wie ein frisches T-Shirt, nachdem sie drei Tage lang ein und dasselbe getragen hat.

»Ultraleicht war ich nicht gerade unterwegs«, sagt sie. Dennoch ist in zwei Satteltaschen kein Platz für einen ganzen Hausstand. Eher für wenige Kleidungsstücke, Zahnpasta und -bürste, Seife, ein Solarpaneel, den Computer, Mückenspray und die Miniküche in Form von Gaskocher, Teller und Besteck. Dazu sind am Rad Zelt und Schlafsack drapiert – und ein paar Wasserflaschen. »Ich habe gelernt, Dinge mehr wertzuschätzen«, sagt Traser. Es sei befreiend, nicht vorm Kleiderschrank stehen zu müssen, vor Augen diese Berge von Klamotten. »Das, was ich bei mir habe, reicht mir.«

Und die körperlichen Strapazen? Natürlich gab es Etappen, an denen sich Traser fragte, wozu sie das alles macht. Doch sie sagt auch: »Die Flüche, die tagsüber den Weg über meine Lippen finden, sind am Abend vergessen.« Dass sie bei einer solchen Solo-Radreise auch an ihre physischen Grenzen kommt, weiß sie ohnehin von einer Australien-Tour, die sie nach dem Abitur unternahm. Damals, mit 19, radelte sie von Adelaide nach Perth durch das australische Outback.

»Ich bin der Teufel, Überträger eines Virus«

In Argentinien holt die Pandemie Traser ein. »Nach zwei Jahren ultimativer Freiheit stellt ein Virus mein Leben auf den Kopf.« Und auch das Leben jedes einzelnen Bürgers auf dieser Welt. Traser wundert sich zunächst, warum Freunde und Familie in Deutschland sich Sorgen um sie machen, sie glaubt, sie könne ihre Reise noch beenden. Doch sie wird weder Paraguay noch die Iguazú-Wasserfälle noch Ushuaia sehen.

Es ist Mitte März 2020. In Europa breitet sich das neuartige Coronavirus rasant aus. Argentinien meldet erst ein paar Dutzend bestätigte Fälle, doch dann steigen die Zahlen, vor allem auch im Nachbarland Brasilien. Provinzen werden abgeriegelt, Grenzen geschlossen, es gibt auf einmal Ausgangssperren. Traser gerät erstmals auf der Reise ernsthaft in Sorge. »Ich darf nicht mehr campen, mich nicht ohne Grund draußen aufhalten. Ich darf nicht mehr Radfahren.« Alles, woraus ihr Leben seit zwei Jahren besteht, ist nun verboten.

Die Regeln sind streng, das Militär überwacht ihre Einhaltung. Aber das Schlimmste: Erstmals seit langer Zeit erfährt Traser Vorbehalte und Ablehnung. Zuvor war ihr auf der ganzen Reisen nichts als Neugierde, Respekt, Gastfreundschaft entgegengebracht worden.

Auf Vancouver Island hatte sie eine Mandelentzündung bei Freunden von Menschen auskuriert, die sie in einem Park kennengelernt hatte. In Kolumbien hatten sie Wildfremde bei einer Panne in den nächsten Radladen begleitet. In Kalifornien hatte ihr jemand einen zerknüllten Zehn-Dollar-Schein ans parkende Rad gesteckt, als sie kurz im Supermarkt einkaufen war. Sie hatte zuvor einen Small Talk mit einem Obdachlosen gehalten. »Mein Gefühl sagt mir, dass er es war, der mich unterstützen wollte.«

Nun, in Argentinien, wird Traser nur noch als »die weiße Frau auf dem Fahrrad« betrachtet. »Ich bin nicht nur eine Ausländerin, nein, ich bin der Teufel, der Überträger eines Virus.« Man sieht ihr schließlich nicht an, wie lange sie bereits auf dem Rad unterwegs ist, und dass sie das Virus zumindest nicht aus Europa einschleppen kann.

Traser will nicht einsehen, welche Gefahr von ihr ausgeht – von »einer im Zelt lebenden Radfahrerin, die sich schon zu Zeiten, als noch niemand von Social Distancing sprach, ganz freiwillig distanziert hat«. Das Virus hat es geschafft, auch ihre »relativ sorgenfreie Welt zum Stillstand zu bringen«, so empfindet sie es. Zugleich weiß sie, wie privilegiert sie ist.

Angst vorm Abschied

Als Traser klar wird, dass sie in Südamerika festsitzt, dass bald nicht mal mehr ein Hotel sie aufnehmen wird, kontaktiert sie Gustavo, ihren Gastgeber aus einem Dorf namens Corrientes. Der nennt ihr als neuen Kontakt Carlos, der sie in seinem Haus aufnimmt. Es liegt in Eldorado, es grenzt an einen Wald. Dort läuft Traser tagsüber über Wurzeln und Gestrüpp, barfuß, hin und her.

Sie findet Gefallen an den heimlichen Spaziergängen. »Aber dennoch, es fühlt sich an, als würde ich auf der Stelle laufen.« Erst recht nach all den Monaten, in denen sie täglich enorme Strecken zurückgelegt hat, fast jeden Abend woanders schlief.

Entsprechend schwierig wird für die Abenteurerin die Entscheidung, vor der sie nun steht: Die Bundesregierung startet die »größte Rückholaktion der deutschen Geschichte«, will Anfang April 2020 Hunderttausende Landsleute nach Hause holen, die nach Schließung der Flughäfen im Ausland stranden. Soll sie sich auch ausfliegen lassen?

Sie hadert damit, dass ein Krankheitserreger ihre Pläne zunichtemacht. Monate später, zurück in Berlin, wird sie sich fragen, wie sie nur zögern konnte. »Wahrscheinlich hatte ich Angst, nicht abschließen zu können, was noch nicht erledigt war.« Nach Telefonaten mit der Botschaft und einer schlaflosen Nacht entscheidet sie sich für die Rückreise.

Fahrrad statt Koffer auf dem Trolley: Annika Trasers Rückreise

Fahrrad statt Koffer auf dem Trolley: Annika Trasers Rückreise

Foto: Annika Traser / Knesebeck Verlag

Traser schraubt ihr Fahrrad auseinander, wickelt Pappe und viel Klebeband drumherum – und fährt nach Buenos Aires zum Flughafen.

Die Reise geht weiter

»Wenn mich das jahrelange Reisen auch nur eine Sache gelehrt hat«, notiert Traser in ihrem Buch, »dann ist es der ruhige Umgang mit Ausnahmesituationen.« Auf dem Rad gebe es keinen Plan, keine Sicherheit, tagein, tagaus seien da neue Situationen, mit denen sie sich auseinandersetzen müsse: angefangen von platten Reifen und gebrochenen Speichen bis hin zum fast schon abgelaufenen Visum kurz vor einer Grenze.

»Ungewissheit ist mein ständiger Begleiter.« Ist das zwingend negativ? Keinesfalls, urteilt Traser. »So etwas stärkt die eigene Resilienz.«

Angekommen in Deutschland, gelingt es Traser zunächst kaum, wirklich anzukommen. Ihr fehlt »die tägliche Dosis Fremdheit«, wie sie sagt. Sie trauert Ushuaia nach, dem nicht erreichten Ziel ihrer Reise. »Es geht mir beim Radfahren prinzipiell nicht um einen Wettkampf«, sagt Traser. Aber ein gewisser Ehrgeiz, so sagt sie, packe sie dabei schon.

Mit eigener Muskelkraft von Kanada aus bis zur südlichsten Stadt der Welt zu radeln – diesen Traum musste Traser aufgeben. Gibt es einen neuen Plan? Klar. Weiterreisen. Und wenn nur für ein paar Wochen im Jahr.

Nach ihrer Rückkehr im Frühjahr 2020 macht Traser bald »Phileas« fit – und radelt durch Deutschland. Und auch in diesem Jahr, im nun schon zweiten Corona-Sommer, ist sie mit ihrem Rad unterwegs. Ihr Ziel: das Nordkap, der nördlichste vom Festland aus per Straße erreichbare Punkt Europas. »Südamerikas Südspitze habe ich ja nicht geschafft.«

Als sie in Norwegens Norden ankommt, scheint die Sonne. »Ein magischer Ort«, schreibt Traser auf Instagram . Es fühlte sich großartig an, »mit der Kraft meiner Beine« bis hierhergekommen zu sein. »Und mit meiner Willensstärke.«

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