Spitzbergen Atemlos in der Arktis

Gigantische Gletscher, außerirdische Felslandschaften: Spitzbergen lockt Kreuzfahrer und Individualtouristen – sofern sie das nötige Kleingeld besitzen. Wer sich allein in die Wildnis traut, sollte jedoch eine großkalibrige Waffe dabeihaben – hungrige Eisbären meinen es nicht Knut mit Besuchern.

Schwarzer Schnee in Barentsburg: "Lebensumstände sind fundamental unterschiedlich"
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Schwarzer Schnee in Barentsburg: "Lebensumstände sind fundamental unterschiedlich"

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Mit zehneinhalb Knoten tuckert die "MS Polargirl" gemächlich durch den Isfjord. Links und rechts ziehen gelegentlich kleine Eisberge am roten Schiffsrumpf vorbei. Vor kurzem passierte sie den Esmark-Gletscher. Das atemlose Staunen an einer blassblau leuchtenden, schroffen Gletscherkante dürfte wohl zum Standardprogramm jedes Spitzbergen-Besuchers gehören.

Und auch jetzt, nur wenig später, ist schon wieder Atemlosigkeit angesagt. Doch aus anderem Grund. Unser Schiff nähert sich Barentsburg, der einzigen noch verbliebenen russischen Siedlung auf der Inselgruppe. Und am Rand des Ortes steht ein stinkendes Heizkraftwerk, das mit seinen schwarzen Rauchschwaden so gar nicht in die arktische Idylle passen will. Auf den Felsen oberhalb des Ortes prangt noch eine Parole aus früheren Zeiten: "Miru Mir - Frieden für die Welt”, steht dort aus Holzplanken zusammengezimmert unter einem Sowjetstern. Fern hinter uns liegen die vergletscherten Berge der Insel Prins Karls Forland.

Oleg, unser ukrainischer Guide, steht schon auf den Betonplatten der Mole. "Willkommen in Barentsburg", ruft er uns freundlich zu - um uns nur wenig später die gut 260 Holzstufen vom Hafen ins Stadtzentrum hinauf zu scheuchen. Dabei ist der Ausdruck Stadt vielleicht auch nicht ganz passend. Nicht mehr. Denn nur noch 300 Menschen leben in Barentsburg; 250 Männer und 50 Frauen. Zu besseren Zeiten waren es einmal zehnmal so viele, die alle auf der Gehaltsliste der Kohlegesellschaft "Arcticugol" standen.

Die besseren Zeiten waren die, in denen in Moskau das Geld für die arktische Dependance noch etwas lockerer saß - und in denen Kohle aus Barentsburg auf dem Weltmarkt geschätzt wurde. Doch das ist beides längst vorbei, auch wenn die grimmig dreinblickende Lenin-Büste im Stadtzentrum die Erinnerung an die Vergangenheit noch ein wenig wach hält.

Moskaus trotziger Vorposten

"Vergangenen Herbst war ein Schiff aus Rotterdam da, um Kohle mitzunehmen", sagt Oleg mit einem Lächeln. Er meint das wohl als Erfolgsmeldung. Doch gerade einmal 120.000 Tonnen Kohle pro Jahr kratzen die Kumpel von Barentsburg in ihren Sechs-Stunden-Schichten noch aus dem Berg. Das ist ein Fünfundzwanzigstel von dem, was ihre norwegischen Kollegen in der benachbarten Mine "Sveagruva" produzieren. Außerdem geht der Großteil der Förderung in Barentsburg für den Betrieb des stinkenden und rauchenden Kraftwerksmonstrums am Ortsrand drauf.

Russland leistet sich das Abenteuer Barentsburg, um mit allen Mitteln auf Spitzbergen präsent zu bleiben. Die Inselgruppe steht nach einem Vertrag aus dem zwanziger Jahren zwar unter norwegischer Verwaltung, doch auch rund 40 andere Nationen dürfen hier siedeln und Rohstoffe abbauen. Doch neben Norwegen ist Russland das einzige Land, das auch tatsächlich eine dauerhafte Präsenz auf dem arktischen Archipel unterhält - aus geostrategischen Gründen. Und nach dem russischen Rückzug aus dem Ort Pyramiden ist Barentsburg der einzige trotzige Vorposten Moskaus hier geblieben.

Ein Vorposten, in dem das Konsulat der mit Abstand repräsentativste Bau ist, aber viele andere Häuser längst leer stehen. Wie zum Beispiel der große gelbe Neubaublock, der mit einer überdimensionalen Trachtenträgerin als Dekoration versehen ist. Für die verbliebenen Bewohner sieht die Lage nicht gerade rosig aus: Noch drei Ärzte und vier Krankenschwestern arbeiten im Krankenhaus von Barentsburg - mit einer Ausstattung, die sie als Spende von ihren norwegischen Kollegen in Tromsö bekommen haben. Die Lebensmittelversorgung ist ebenfalls alles andere als üppig: Gerade einmal 90 Schweine stehen noch in den Ställen.

Und so muss jeder, der als Gast im Hotel von Barentsburg absteigt, selbst zusehen, woher er sein Essen bekommt. Doch allzu viele Gäste kehren hier ohnehin nicht ein: Außer Besuchen im Souvenirladen "Polar Star" und dem "Pomor"-Museum gibt es für Touristen in Barentsburg nicht allzuviel zu tun. Und die einzige, mit Betonplatten ausgelegte Straße des Ortes mit ihren Mülleimern in Pinguin-Form ist man auch binnen wenigen Minuten hoch und wieder hinunter gelaufen.



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