Spitzbergen Atemlos in der Arktis

Gigantische Gletscher, außerirdische Felslandschaften: Spitzbergen lockt Kreuzfahrer und Individualtouristen – sofern sie das nötige Kleingeld besitzen. Wer sich allein in die Wildnis traut, sollte jedoch eine großkalibrige Waffe dabeihaben – hungrige Eisbären meinen es nicht Knut mit Besuchern.
Schwarzer Schnee in Barentsburg: "Lebensumstände sind fundamental unterschiedlich"

Schwarzer Schnee in Barentsburg: "Lebensumstände sind fundamental unterschiedlich"

Foto: FRANCOIS LENOIR/ REUTERS

Mit zehneinhalb Knoten tuckert die "MS Polargirl" gemächlich durch den Isfjord. Links und rechts ziehen gelegentlich kleine Eisberge am roten Schiffsrumpf vorbei. Vor kurzem passierte sie den Esmark-Gletscher. Das atemlose Staunen an einer blassblau leuchtenden, schroffen Gletscherkante dürfte wohl zum Standardprogramm jedes Spitzbergen-Besuchers gehören.

Und auch jetzt, nur wenig später, ist schon wieder Atemlosigkeit angesagt. Doch aus anderem Grund. Unser Schiff nähert sich Barentsburg, der einzigen noch verbliebenen russischen Siedlung auf der Inselgruppe. Und am Rand des Ortes steht ein stinkendes Heizkraftwerk, das mit seinen schwarzen Rauchschwaden so gar nicht in die arktische Idylle passen will. Auf den Felsen oberhalb des Ortes prangt noch eine Parole aus früheren Zeiten: "Miru Mir - Frieden für die Welt”, steht dort aus Holzplanken zusammengezimmert unter einem Sowjetstern. Fern hinter uns liegen die vergletscherten Berge der Insel Prins Karls Forland.

Oleg, unser ukrainischer Guide, steht schon auf den Betonplatten der Mole. "Willkommen in Barentsburg", ruft er uns freundlich zu - um uns nur wenig später die gut 260 Holzstufen vom Hafen ins Stadtzentrum hinauf zu scheuchen. Dabei ist der Ausdruck Stadt vielleicht auch nicht ganz passend. Nicht mehr. Denn nur noch 300 Menschen leben in Barentsburg; 250 Männer und 50 Frauen. Zu besseren Zeiten waren es einmal zehnmal so viele, die alle auf der Gehaltsliste der Kohlegesellschaft "Arcticugol" standen.

Die besseren Zeiten waren die, in denen in Moskau das Geld für die arktische Dependance noch etwas lockerer saß - und in denen Kohle aus Barentsburg auf dem Weltmarkt geschätzt wurde. Doch das ist beides längst vorbei, auch wenn die grimmig dreinblickende Lenin-Büste im Stadtzentrum die Erinnerung an die Vergangenheit noch ein wenig wach hält.

Moskaus trotziger Vorposten

"Vergangenen Herbst war ein Schiff aus Rotterdam da, um Kohle mitzunehmen", sagt Oleg mit einem Lächeln. Er meint das wohl als Erfolgsmeldung. Doch gerade einmal 120.000 Tonnen Kohle pro Jahr kratzen die Kumpel von Barentsburg in ihren Sechs-Stunden-Schichten noch aus dem Berg. Das ist ein Fünfundzwanzigstel von dem, was ihre norwegischen Kollegen in der benachbarten Mine "Sveagruva" produzieren. Außerdem geht der Großteil der Förderung in Barentsburg für den Betrieb des stinkenden und rauchenden Kraftwerksmonstrums am Ortsrand drauf.

Russland leistet sich das Abenteuer Barentsburg, um mit allen Mitteln auf Spitzbergen präsent zu bleiben. Die Inselgruppe steht nach einem Vertrag aus dem zwanziger Jahren zwar unter norwegischer Verwaltung, doch auch rund 40 andere Nationen dürfen hier siedeln und Rohstoffe abbauen. Doch neben Norwegen ist Russland das einzige Land, das auch tatsächlich eine dauerhafte Präsenz auf dem arktischen Archipel unterhält - aus geostrategischen Gründen. Und nach dem russischen Rückzug aus dem Ort Pyramiden ist Barentsburg der einzige trotzige Vorposten Moskaus hier geblieben.

Ein Vorposten, in dem das Konsulat der mit Abstand repräsentativste Bau ist, aber viele andere Häuser längst leer stehen. Wie zum Beispiel der große gelbe Neubaublock, der mit einer überdimensionalen Trachtenträgerin als Dekoration versehen ist. Für die verbliebenen Bewohner sieht die Lage nicht gerade rosig aus: Noch drei Ärzte und vier Krankenschwestern arbeiten im Krankenhaus von Barentsburg - mit einer Ausstattung, die sie als Spende von ihren norwegischen Kollegen in Tromsö bekommen haben. Die Lebensmittelversorgung ist ebenfalls alles andere als üppig: Gerade einmal 90 Schweine stehen noch in den Ställen.

Und so muss jeder, der als Gast im Hotel von Barentsburg absteigt, selbst zusehen, woher er sein Essen bekommt. Doch allzu viele Gäste kehren hier ohnehin nicht ein: Außer Besuchen im Souvenirladen "Polar Star" und dem "Pomor"-Museum gibt es für Touristen in Barentsburg nicht allzuviel zu tun. Und die einzige, mit Betonplatten ausgelegte Straße des Ortes mit ihren Mülleimern in Pinguin-Form ist man auch binnen wenigen Minuten hoch und wieder hinunter gelaufen.

Advokat der Eisbären

Das Leben auf Spitzbergen ist teuer

Anders sieht die Welt in Longyearbyen aus, dem norwegischen Zentrum der Inselgruppe. Obwohl auch hier die Spuren des Bergbaus omnipräsent sind, hat der Ort trotz seiner nur 1500 Einwohner alle Annehmlichkeiten einer norwegischen Kleinstadt zu bieten - einer Kleinstadt mit Flughafen und Universität. Inmitten der herbstbunten Holzhäuser gibt es sogar eine Fußgängerzone: Rund um das grimmig dreinschauende Bergarbeiterdenkmal sind mehrere kleinere Läden, Post und Bank verstreut. Und natürlich die "Svalbardbutikken", so heißt der einzige Supermarkt der Insel.

Im Prinzip sind es zwei Arten von Touristen die nach Longyearbyen kommen: Die einen quellen alle paar Tage aus dem Bauch eines Kreuzfahrtschiffes, kaufen hektisch die Souvenirstände leer und sind nach ein paar Stunden wieder verschwunden. Die anderen kommen, weil sie einen Eindruck von der fast außerirdisch anmutenden Landschaft aus Felsen, Fjorden und Gletschern auf Spitzbergen bekommen wollen.

Longyearbyen ist Ausgangspunkt für Gletscher-Bestauner und Trekking-Gruppen, für Fossiliensucher und Seekajak-Fahrer. Beide Arten von Touristen haben indes eines gemeinsam: Sie sind meist nicht ganz arm, denn das Leben auf Spitzbergen ist teuer. Und Luxus gibt es in den seltensten Fällen: Wer nicht gerade im angeblich nördlichsten Luxushotel der Welt absteigt, der wohnt normalerweise in ausgedienten Bergarbeiterunterkünften.

Das soll aber bei weitem nicht heißen, dass man in Longyearbyen nicht gut leben kann. Unter anderem liegt das auch an einem Haus, das aus Barentsburg hierher gekommen ist. Die bei Einheimischen wie Touristen beliebte Kneipe "Kroa" stammt ursprünglich aus dem Nachbarort. Das Holzhaus wurde vor knapp zehn Jahren an seinen neuen Platz verpflanzt, die schneeweiße Lenin-Büste hinter der Bar inklusive. Doch obwohl Barentsburg nur rund 60 Kilometer entfernt ist, erscheint es von hier aus wie eine andere Welt: Zwischen beiden Orten gibt es keine Straße, die Entfernung wird stattdessen mit gelegentlichen Schiffs- und Hubschrauberverbindungen überbrückt - und im Winter mit dem Motorschlitten.

Eisbär-Advokat gegen Jäger

"Die Lebensumstände sind fundamental unterschiedlich", sagt Per Sefland. Er ist der "Sysselmann", der von Norwegen bestellte Inselgouverneur und residiert – natürlich - in Longyearbyen. Zwar ist die Aufschrift auf seiner Visitenkarte zweisprachig Norwegisch und Russisch, doch wer Sefland unter dem Bild des norwegischen Königspaares sitzen sieht, weiß, dass er in seinem hellen Büro mit Blick auf den Adventfjord Oslo um Lichtjahre näher ist als Moskau.

Der Sysselmann ist Chef von zwei Dutzend Beamten und die oberste Autorität auf der Insel. Er wacht auch über Umweltregeln und die Entwicklung des Tourismus auf der Inselgruppe. Jeder, der sich außerhalb der sogenannten Management Area 10, dem Gebiet um die menschlichen Siedlungen auf der Insel, bewegt, benötigt eine Genehmigung des Sysselmanns. Und die gibt es nur, wenn man erstens verspricht, sich an die strengen Umweltregeln zu halten, und wenn man zweitens eine nicht eben billige Rückholversicherung abgeschlossen hat.

Besonders delikat ist das Verhältnis der Touristen zum Eisbären, dem Wappentier von Spitzbergen. Auf der einen Seite sind alle Menschen auf der Insel angehalten, sich außerhalb der Siedlungen zur eigenen Sicherheit nur mit großkalibrigen Waffen zu bewegen. Ein Zusammentreffen mit einem ausgehungerten Eisbären könnte tödlich sein. Auf der anderen Seite strengt der Sysselmann nach jedem Fall, in dem ein Eisbär erschossen wurde, eine Untersuchung der Umstände an. Der Gouverneur übernimmt dabei die Rolle des Eisbär-Advokaten.

Die Touristen - beziehungsweise ihre Tourguides - müssen nachweisen, dass es absolut lebensnotwendig war, den Eisbären zu erschießen, sonst droht ihnen eine saftige Strafe. Doch trotz Eisbärengefahr und strenger Regeln stellt Sefland klar, dass Besucher auf der Inselgruppe sehr willkommen sind: "Wir können durchaus noch einige zusätzliche Touristen verkraften."

Auf dem Tisch des Gouverneurs liegen derzeit übrigens Pläne der Russen, das Kraftwerk in Barentsburg umzubauen. Statt mit der bisherigen Dreckschleuder sollen Strom und Wärme eines Tages umweltfreundlich mit Gas erzeugt werden. Doch wegen Finanzknappheit in Moskau ist das Projekt bereits mehrere Male verschoben worden. Und so wird die arktische Atemlosigkeit der eigenwilligen Art die Besucher Spitzbergens wohl noch einige Zeit befallen - jedenfalls wenn sie in die Nähe von Barentsburg kommen.

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