Line Nagell Ylvisåker
Line Nagell Ylvisåker
Foto: Ragnhild Utne

Spitzbergen und der Arktistourismus »Menschen zahlen viel Geld, um Gletscher schmelzen zu sehen«

Line Nagell Ylvisåker lebt auf Spitzbergen im hohen Norden Norwegens – und ist dort Zeugin des Klimawandels. Sie erklärt, wie dramatisch sich ihre Heimat verändert und was Reisen damit zu tun hat.
Ein Interview von Anne Haeming

SPIEGEL: Frau Ylvisåker, Sie leben seit mehr als 15 Jahren in Longyearbyen auf Svalbard, der norwegischen Inselgruppe kurz vor dem Polarkreis. Wie sind Sie dort gelandet?

Ylvisåker: Ich kam 2004 wegen eines Zeitungspraktikums, ein Jahr später bin ich ganz hierhergezogen. Einer der besten Gründe, auf Spitzbergen zu leben, ist die Natur. Der stahlblaue Himmel, Belugawale im Fjord, Sturmvögel, die den Booten folgen, Berge, die sich wie Tempel vor dem Horizont erheben, und das Licht, das alle Linien kristallklar hervortreten lässt. Und ich mag die Menschen und dass es ein einfaches Leben ist. Staus gibt es hier nicht.

SPIEGEL: Wir sehen uns gerade über einen Videostream, Sie sind in Ihrem Arbeitszimmer mit Fernsicht – was sehen Sie, wenn Sie aus dem Fenster schauen?

Ylvisåker: Moment, ich drehe meinen Bildschirm mal um. Ich schaue auf den Adventfjord. Gegenüber ist der Berg Hiorthfjellet. Links in der Ferne sehe ich Gletscher. Der Fjord ist nicht zugefroren, aber es gibt Eisnebel. Und es ist ein kleines bisschen kalt: minus 17 Grad Celsius. Letzte Woche war es sehr mild, nur null Grad. Aber solange der Fjord offen ist wie jetzt und das Wasser die Luft erwärmt, wird es nicht wirklich kalt.

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Spitzbergen: Line Nagell Ylvisåkers bedrohte Welt

Foto: Nagell Ylvisåker

SPIEGEL: In Ihrem Buch »Meine Welt schmilzt« beschreiben Sie eindringlich die Folgen des Klimawandels in Ihrer Heimat. Gleichzeitig zeigt das Cover, wie schön es bei Ihnen ist. Können Sie nachvollziehen, dass Menschen Kreuzfahrtschiffe und Flugzeuge besteigen, um die Arktis zu bereisen?

Ylvisåker: Es ist ein Paradox: Menschen zahlen viel Geld und kommen teils von weit her nach Spitzbergen, um Gletscher schmelzen zu sehen. Zugleich sorgen sie mit ihren Reisen dafür, dass die Schönheit noch stärker bedroht ist. Beim Schreiben meines Buches habe ich die Brille abgenommen, mit der ich all das sonst ausblende. Es hat mich wirklich deprimiert. Ich empfinde große Trauer, wenn ich daran denke, was wir verlieren könnten und wie sehr sich die Natur verändert hat.

SPIEGEL: Der CO2-Ausstoß pro Person und Flug von Oslo nach Spitzbergen zerstört Ihren Recherchen zufolge einen Quadratmeter Sommerpackeis.

Ylvisåker: Zu dem Befund  kam ein Wissenschaftler  vom Max-Planck-Institut für Meteorologie, der einen Beitrag für die Zeitung, für die ich arbeite, geschrieben hat. Spitzbergen ist eine alte Kohlestadt. Als die Politik beschloss, die Kohleförderung zu reduzieren, wurde diskutiert, wie sich die Jobverluste ausgleichen ließen – etwa über mehr Tourismus. Als ich 2004 nach Spitzbergen kam, zählte man hier 93.100 Reisende. Im Jahr 2017 kamen 169.278. Für den Boom, der einsetzte, waren wir nicht bereit.

SPIEGEL: In den vergangenen Jahren entwickelte sich der »last chance tourism«, eine Art Klimakatastrophen-Tourismus, zum Trend. Wie erleben Sie die Touristen und Touristinnen?

Ylvisåker: Viele haben Entdeckerbücher gelesen und suchen nun selbst das Abenteuer. Nur: Es sind eben auch schon 3000 andere Touristen da. Für mich ist es geradezu klaustrophobisch, wenn die Kreuzfahrtschiffe im Sommer ankommen. Dann sind die Straßen voll und ich meide die Cafés. Einmal waren meine Familie und ich übers Wochenende in einer Bucht, als ein Kreuzfahrtschiff anlegte. Wir wurden angeglotzt und fotografiert. Das war unangenehm.

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SPIEGEL: Wie könnte man das ändern?

Ylvisåker: Natürlich gibt es Überlegungen, wie wir den Tourismus hier nachhaltiger machen können. Sei es durch ein Schwerölverbot, das verhindern würde, dass bestimmte Schiffe überhaupt hier einlaufen. Oder indem man nachdenkt, wie viele Leute überhaupt kommen dürfen. Und wie man sie auf den Klimawandel und den ökologischen Fußabdruck aufmerksam machen könnte. Damit es sich lohnt, dass sie hier waren und sie etwas in ihrem Leben ändern. »Die Menschen schützen, was sie lieben«, sagte Jacques Cousteau.

SPIEGEL: Auf Spitzbergen vollzieht sich, was Sie »Klima auf Speed« nennen. Wie macht sich das in Ihrem Leben bemerkbar?

Ylvisåker: Wir haben hier so viele Naturkatastrophen, sie betreffen inzwischen fast alle Inselbewohner. Der Grund: Warme Luft kann mehr Feuchtigkeit aufnehmen. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit für alle Arten von Erdrutschen. Seit 2015 haben Lawinen schon zweimal Häuser zerstört, dabei starben auch Menschen. Deswegen werden nun bestimmte Gebiete bei Lawinen- oder Erdrutschgefahr evakuiert und für die Bewohner außerhalb der Gefahrenzonen Häuser gebaut. Der Friedhof braucht daher auch einen neuen Platz, und Schutzmauern gegen Erdrutsche werden errichtet.

SPIEGEL: Sie erwähnten vorhin die aktuelle Temperatur – bei wie viel Grad machen Sie sich Sorgen?

Ylvisåker: Ich erinnere mich an Winter, in denen wir wochenlang minus 30 Grad hatten. Aber in den vergangenen mehr als hundert Monaten gab es nur einen einzigen, der kälter war als normal. Im Juli hatten wir sogar einen Hitzerekord auf Spitzbergen: 21,7 Grad Celsius, also wirklich warm.

SPIEGEL: Wie war das?

Ylvisåker: Als wir morgens die Tür aufmachten, sagte meine Tochter: »Wow, der Wind riecht anders, und die Luft ist dick!« Sie konnte den Unterschied fühlen. Zum ersten Mal in ihrem Leben trugen meine Kinder im Haus nur T-Shirts und draußen kurze Hosen. Am nächsten Tag zogen wir wie geplant los zu einem kleinen Hüttenurlaub. Ich hatte für einen normalen Sommertrip gepackt: dünne Wollpullis, Mützen, Handschuhe, Daunenjacken. Alles natürlich viel zu warm. Wir hatten weitere drei Tage über 20 Grad. Wir haben draußen gefrühstückt und saßen dort auch abends noch lange zusammen. Das war sehr seltsam.

SPIEGEL: In Mitteleuropa würden alle sagen: Super, warm genug für T-Shirts. Konnten Sie den Trip überhaupt genießen?

Ylvisåker: Ich beschloss, ihn zu genießen. Zugleich sagte mir mein Bauchgefühl, wie falsch das alles ist.

SPIEGEL: Eine Studie über die Bedeutung des Packeises  für den Arktistourismus auf Spitzbergen kommt zu dem Schluss: Der Klimawandel sei ein Problem – für die Kreuzfahrtindustrie, weil die Hauptattraktion nicht mehr garantiert sei.

Ylvisåker: Wir müssen grundsätzlich überlegen, wie wir leben wollen, wie oft wir reisen müssen. Vielleicht wäre es am besten, wir würden uns wieder dem Leben unserer Großeltern annähern – die waren vor allem dort unterwegs, wo sie lebten. Es ist zwar wichtig, die Welt zu sehen. Aber wir müssen vielleicht nicht so oft reisen. Und wenn, dann nicht nur für einen Kurztrip.

SPIEGEL: Wie hat sich denn Ihr eigenes Reiseverhalten verändert?

Ylvisåker: Als ich aufwuchs und anfing zu arbeiten, war ich stolz darauf, es mir leisten zu können, zu fliegen und die Welt zu sehen. Ich fliege immer noch, aber viel weniger. Ich denke darüber nach, wie wir Menschen die Natur und das Klima beeinflussen. Auch wegen der Art, wie wir reisen. Aber die einzige Möglichkeit, unsere Familie auf dem Festland zu besuchen, ist mit dem Flugzeug. Es ist verrückt, dass wir überhaupt hier leben. Das Beste wäre, die Natur in Ruhe zu lassen. Im Januar 2020 waren wir auf den Kanaren, die dunkle Jahreszeit belastet. Aber letztes Jahr konnte ich die Auszeit nicht wie sonst genießen.

SPIEGEL: Warum nicht?

Ylvisåker: Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Immer wenn ich fliege, denke ich an den Verlust an Sommereis, den ich mitverschulde. Ich glaube nicht, dass wir so einen Urlaub noch einmal machen werden. Die Pandemie hat für viele Menschen existenzielle Folgen – dennoch lässt mich der weltweite Lockdown hoffen, dass wir alle einen besseren Weg für unsere Umwelt finden. Wir haben uns für den Sommer ein Segelboot gemietet und hoffen, dass das trotz Corona klappt.