Spurensuche in Namibia Es waren einmal Diamantenjäger

1956 verließ der letzte Diamantenschürfer das ehemalige deutsche Kolonialstädtchen Kolmanskuppe, 16 Kilometer südöstlich der Hafenstadt Lüderitz. Mitten in der Wüste erinnert ein Freiluftmuseum an die fremden Schatzsucher in Namibia.

Kolmanskuppe - Im Haus des Rechnungsmeisters ist lange nicht mehr gekehrt worden. Ein Drittel der guten Stube steht schon unter Sand. Der Wind hat darauf Wellenmuster hinterlassen. Die ehemals schmucke Jugendstil-Villa steht seit Jahrzehnten leer - und die Wüste Namibias eroberte ihr Terrain zurück. Gespenstische Ruinen ragen aus dem Sandmeer.

Wer das Freilichtmuseum der legendären deutschen Geisterstadt - samt Hospital, Kegelbahn, Grundschule, Strom- und Eisfabrik - besuchen möchte, muss sich in einem der Reisebüros in Lüderitz einen Erlaubnisschein besorgen. Gut bewacht liegen die Siedlungs-Überbleibsel hinter Stacheldraht im Sperrgebiet der "Namdeb Diamond Corporation", die rund um das versinkende Musterstädtchen noch immer hochkarätige Diamanten fördert. Zentnerschwer drücken die Sandmassen auf wacklige Häuserwände. Feine Körnchen fressen sich durch jede Ritze. Dabei hatten Glanz und Gloria des Pionierstädtchens doch ausgerechnet mit deutscher Reinlichkeit begonnen.

Im Auftrag der Reichsbahn fegte der schwarze Bahnarbeiter Zacharias Lewala im April 1908 bei Grasplatz - nur zwei Schmalspurbahn-Haltestellen von Lüderitz entfernt - den Flugsand von den Gleisen und fand dabei einen Glitzerstein.

Der ehrliche Finder ahnte wohl, was er da gefunden hatte und übergab die funkelnde Kostbarkeit pflichtbewusst seinem Chef. Bahnmeister August Stauch, ein begeisterter Hobby-Mineraloge, ließ sich den aufregenden Verdacht von einem Labor in Windhoek bestätigen und behielt den Diamanten erst einmal für sich. Dann legte der Thüringer mit eingeweihten Freunden Geld zusammen, kaufte die Schürfrechte für ein großes Gebiet um Grasplatz und begann mit dem systematischen Abbau. Auf einer windigen Anhöhe gründete Stauch sein Hauptquartier: Kolmanskuppe.

In einem kleinen Museum ist die Entdeckungsgeschichte nachzulesen: Der 1996 als Ausstellungssaal restaurierte ehemalige Tante-Emma-Laden des Örtchens wartet mit historischen Einzelheiten auf.

Schon im September 1908 streckte die deutsche Regierung ihren langen Arm nach den kostbaren Mineralien aus. Ein breiter Küstenstreifen vom 26. Breitengrad bis zur Oranje-Mündung wurde zum Sperrgebiet erklärt. Hier durfte fortan nur die "Deutsche Koloniale Gesellschaft für Südwestafrika" Diamanten ernten. Die Woermann Reederei schipperte staatlich beauftragte Diamantensucher nach Namibia. Und um diese bei der mühseligen Diamanten-Gewinnung in der Gluthitze bei Laune zu halten, reisten auch deren Familien mit nach "Deutsch-Südwest". Während die Sprösslinge begeistert im größten Sandkasten aller Zeiten buddelten, sollte es auch der gnädigen Frau an nichts fehlen.

Mit ein bisschen Phantasie lassen sich die nackten Ruinen der luxuriösen Villen ausschmücken: In einigen hohen Räumen sind die prächtigen Stuckdecken noch erhalten. Bruchstücke der kunstvoll geschnitzten Holzmarkisen prangen als zierliche Sonnenblenden vor brüchigen Buntglas-Scheiben. Die Veranden waren sorgsam verglast, damit der Dame des Hauses zur Kaffeestunde kein Wüstensand ins Meißener-Porzellantässchen flog. Metallschilde schützten gepflegte Vorgärten vor Verwehungen.

Blümchen-Linoleum und geschmiedete Kaminsimse, Fransenlampen, Wäschepressen und Badewannen aus Marmorsplitter-Mosaik - sämtliche Einrichtung war aus der Heimat importiert. Auch die mächtige Stahlstruktur samt Kegelbahn für das imposante Soldaten-Kasino dampfte aus Deutschland heran.

Bis 1914 waren in Kolmanskuppe mehr als eine Tonne Diamanten gefördert worden - damals 20 Prozent der Weltproduktion. Doch mit dem Ersten Weltkrieg verlor das Deutsche Reich Kolonie und Schürfrechte. Nachfolger-Gesellschaften beurteilten Kolmanskuppe 1931 als zu 95 Prozent ausgebeutet. Die Kleinstadt diente nur noch als Frachtdepot entlang der Schmalspurbahn. Mit der neuen Brücke über den Oranje wurde der Umweg über die Wüstenstadt überflüssig. 1954 entließ das Hospital seinen letzten Patienten. Zwei Jahre später zogen die letzten sieben Familien fort.

1988 entschloss sich dann der Namdeb-Vorläufer Consolidated Diamond Mines, der Wüste die Stirn zu bieten. Zur Rettung der Jugendstil-Oase griffen Restauratoren zu Schaufel und Besen, reparierten erste Gebäude und kauften Originalmöbel aus Privatbesitz zurück. Inzwischen rollen wieder Ebenholzkugeln über die alte Kegelbahn. Die antike Blockeis-Anlage ist entsandet. Und das Haus des Rechnungsmeisters steht ganz oben auf der Renovierungsliste. Noch fegt allerdings nur der Wind durchs Wohnzimmer.

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