Streiff-Züge (Teil 4) Stierfleisch schmeckt den Ladies nicht

Auf den argentinischen Estancien findet einmal im Jahr die "Yierra" statt. Dann kommen alle Gauchos zusammen und machen die Mammut-Arbeit des Jahres. Und 'Luca' durfte helfen beim Kastrieren von Kälbern.

Von Lukas F. Streiff


Also: um sechs Uhr hoch, aufs Pferd und ab zur Manga, in der schon die Herde mit den Kälbchen seit einem Tag herummuhte. Dann ging es los: Wir hüpften ins Gatter und trillerten die Kühe in Bewegung - jedes Tier musste durch die Manga.

Auch wenn es bisweilen etwas ruppig zugeht, auf den riesigen argentinischen Estancien leben noch glückliche Kühe
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Auch wenn es bisweilen etwas ruppig zugeht, auf den riesigen argentinischen Estancien leben noch glückliche Kühe

Das Problem war nur, dass einige der Tiere so sorglos einsam in den Weiten der Steppe aufwachsen, dass sie Menschen kaum kennen. Wenn jetzt so ein Viech richtig sauer wurde, rannte es mal eben mit gesenktem Kopf auf uns zu! Wir sprangen alle zwei Minuten auf die Zäune, und einmal schwang eine Kuh ihre Hufe mit Vollgas von hinten auf mich zu - ein Gaucho konnte gerade noch "Guarda, Luca!" schreien, ich knallte das Tor hinter mir zu und das gigantische Gerät knallte mit dem Kopf gegen das Gittertor, wo ich gerade noch gestanden hatte. Der Gaucho warf mir eine Zigarette zu und wir lachten gemeinsam...

Die Fleischindustrie ist äußerst feministisch! Stierfleisch schmeckt den Ladies in den Restaurants der Welt nicht, also werden alle jungen Stiere ihrer Männlichkeit beraubt, sobald sie gerade mal stolz sein können auf zwei kleine Murmeln! Also mussten wir Ochsen machen.

Ich bekam ein Lasso in die Hand gedrückt und staunte erst einmal, wie dermaßen falsch ich mir als Kind ein Lasso vorstellte! Die Schlingen sind riesig und kompliziert geschlungen, und man versucht nicht den Hals, sondern die Beine zu erwischen! Ein Kalb wurde durch das Tor gelassen und zwei Gauchos und ich schwangen unsere Lassos.

Ich fing mich selber öfter als das Kälbchen, und während ich mich enthedderte, sprangen die Gauchos zum Kalb, zogen am Lasso und am Schwanz, warfen es um und sich drauf. Einer stemmt sein Bein gegen ein Hinterbein auf dem Boden und zieht das andere nach hinten. Einer kniet sich auf die Seite des Tieres und hält sein Vorderbein fest. Nummer Drei kommt, zieht sein Messer und schlitzt über die Hoden, drückt die Bälle raus und trennt die Samenleiter ab. Zack-zack! Die Männlichkeit wird elegant in eine alte Dose geschleudert. Der Ex-Mann wird desinfiziert und rappelt sich auf.

Ja, die ersten 20 Mal drehte sich mir der Magen um, aber man gewöhnt sich dran. Und die Tiere spüren angeblich kaum etwas. Sie hassen es mehr, mit dem Lasso gefangen zu werden, als das kastrieren selber. Fünf Minuten später legen sie sich gemütlich hin und sehen für ein ganzes Jahr keinen Menschen mehr. Nein, eins wurde mir in den Wochen auf den Estancien klar: Es gibt keine glücklicheren Kühe als die Argentiniens!

Als ich so langsam mutiger wurde, nahm ich auch den Kampf mit den Machos auf und merkte, wie verdammt stark diese kleinen Viecher sind! Judo-Pillepalle ist nichts gegen diese Arbeit! Noch nie habe ich mich so auf das Mittagessen gefreut! Und was gab's? Fleisch! Und zwar mittags und abends! klodeckelgroße Fladen wurden auf den Grill gehauen, alte Mutter-Kühe, auch fast so zäh wie Klodeckel. Dazu Wein, Salat und Brot. Und es schmeckte wie Haute-Cuisine mit dem Hunger eines Gauchos! In der langen Siesta verpennte ich sogar ein Erdbeben, so fertig war ich.

Nach einem Wochenende war die Yierra getan, und ich konnte zwei Tage nicht mehr laufen vor Muskelkater.

So, mein Bus nach Santiago de Chile fährt bald los, ich muss noch was zu essen auftreiben - hasta pronto!



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