Streit in Namibia Lüderitz oder !Nami¿nûs?

Stück für Stück trennt sich Afrika von seiner kolonialen Vergangenheit. Dazu gehört es, koloniale Stadtnamen durch eigene zu ersetzen. In Namibia stößt die angedachte Umbenennung von Lüderitz auf Widerstand - man fürchtet ums Geschäft.
Bilderbuchsiedlung: Das pittoreske Lüderitz gehört zu den entlegensten und trotzdem bekanntesten Reisezielen in Namibia

Bilderbuchsiedlung: Das pittoreske Lüderitz gehört zu den entlegensten und trotzdem bekanntesten Reisezielen in Namibia

Foto: imago

Es ist fast ein Déjà-vu: Wie schon im Jahr 2013 kocht zurzeit in Namibia die Frage wieder auf, ob man Lüderitz in !Nami‡nûs umbenennen sollte. Die seltsame Zeichenfolge umschreibt ein Wort, das neben Vokalen und Konsonanten auch sogenannte Klicklaute umfasst. Die sind in vielen Sprachen des südlichen Afrika bedeutungstragend und haben daneben vor allem eine Eigenschaft: Sie gelten als extrem schwer lernbar für europäische Kehlen.

Und weil das auch für die europäischstämmigen Bewohner Namibias gilt, sorgt der erstmals 2013 von Präsident Hifikepunye Pohamba vorgebrachte Vorschlag gerade wieder für Stürme der Entrüstung.

Pohamba hatte bei einer Festveranstaltung, in deren Verlauf der bis dahin Caprivi genannte Landstreifen im Nodosten des Landes in Sambesi umbenannt wurde, fast beiläufig auch erwähnt, dass eine solche Umbenennung auch für Lüderitz anstehe. Er fühlte sich da wohl auf sicherer Seite, fand doch die Tilgung kolonialer Namen bis dahin jede Menge Zuspruch.

Blutige Kolonialvergangenheit

Den so eindeutig deutschen Namen bekam das später so hübsche Städtchen durch die Aktivitäten des Bremer Tabakhändlers Adolf Lüderitz. Der ließ ab 1892 seine Agenten durch das heutige Namibia ziehen, um dort möglichst viel Land einzuheimsen, das er prompt nach sich benannte. Von Bescheidenheit hatte der zeittypisch skrupellose Geschäftemacher so wenig Ahnung, wie er Unrechtsbewusstsein besaß: Er betrog den einheimischen Vorbesitzer, und auch später zeigte er wenig Skrupel im Umgang mit der eigentlichen Bevölkerung.

Lüderitz selbst verschwand 1886 auf mysteriöse Weise - möglich, dass er aus Rache ermordet wurde. Doch als seine kolonialen Konsorten ab 1919 ihre Besitzungen in Afrika aufgeben mussten, hinterließen sie Namibia nicht nur ein absurd europäisch geprägtes Örtchen an der Südwestküste.

Sie hatten auch mit der Einführung von Konzentrationslagern und Völkermorden an mehreren Ethnien höchst unrühmliche Geschichte geschrieben. Das Volk der Nama, die von Lüderitz um ihr Land gebracht worden waren, hatten die Kolonialherren auf knapp die Hälfte ihrer Population dezimiert. Beim Genozid an den Herero, von denen ursprünglich 80.000 in "Lüderitzland" lebten, waren die Kolonialherren noch gründlicher: Gerade 20 Prozent überlebten Deutschlands kurze Kolonialgeschichte.

Es gäbe also gute Gründe, sich von den kolonialen Namen zu trennen. "In Deutschland", schrieb ein Leser am Freitag ins Forum der namibischen Newsseite "New Era" , "hat man sich im Rahmen der Entnazifizierung rigoros von allen Symbolen der Horrorjahre unter Hitler getrennt. So sollte man auch die Umbenennung von Lüderitz zu !Nami‡nûs sehen."

Es ist das meistgenannte Argument für die Umbenennung: Die ehemaligen Unterdrücker sollte man nicht ehren. Ihren Namen und Symbole seien den nachfahren der Europäer vertraut, aber für Afrikaner klängen sie "nur nach Unterdrückung".

Eine Business- und Kulturfrage

Rund sieben Prozent aller Namibia-Touristen besuchen Lüderitz, obwohl das 20.000-Seelen-Nest verkehrstechnisch ungünstig in entlegener, landschaftlich wie klimatisch nicht unbedingt günstiger Lage liegt. Über 60 Prozent dieser Besucher sind Deutsche, so wie es in Namibia auch noch immer eine kleine deutsche Minderheit gibt. Ein Name, den Touristen weder verstehen noch aussprechen könnten, glauben die Gegner, könne diese Erfolgsgeschichte zunichte machen.

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Namibia: Kolonialnamen von der Landkarte getilgt

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Noch schwerwiegender dürfte allerdings sein, dass auch Teile der Einheimischen mit den Klicklauten nichts anzufangen wissen: Englisch, Afrikaans und auch Deutsch werden von vielen Europastämmigen gesprochen, "schwarze" Sprachen hingegen deutlich seltener.

Am Namensstreit bricht also einmal mehr auch der Kulturkonflikt zwischen den Nachkommen der Kolonialherren und der afrikanischen Bevölkerung auf. Die Europäer fürchten, dass ihr Einfluss noch weiter schwindet. Viele Afrikaner aber empört deren Festhalten an den Relikten und Symbolen des Kolonialen.

Ulf Grünewald, der Sprecher der Geschäftsleute von Lüderitz behauptet, die Mehrheit der örtlichen Bevölkerung sei gegen die Umbenennung. Auch Bürgermeisterin Susan Ndjaleka sieht, dass die Bevölkerung in dieser Sache gespalten sei. Aber: Es sei ja auch noch nichts entschieden.

Bevor es dazu kommt, haben vor allem die europäischstämmigen Bewohner von Lüderitz auf Vollopposition gestellt. Bei einer Veranstaltung am Freitag sprachen sich 200 von ihnen öffentlich gegen die Umbenennung ihrer Stadt aus: "Es mag eine sehr sensible Angelegenheit sein", zitiert die deutschsprachige namibische "Allgemeine Zeitung"  einen der Anwesenden, "aber niemand von uns hier in Lüderitzbucht hatte was damit zu tun. Es ist doch schon Geschichte."

Manche der Umbenennungsgegner haben nicht dagegen , dass der Landstrich, den Adolf Lüderitz einst betrügerisch dem Volk der Nama abgetrickst hatte, in !Nami‡nûs umbenannt wird. Nur die Stadt selbst solle weiter so heißen wie gehabt: Das Land, auf dem sie erbaut wurde, sei regulär erworben worden, und vorher habe es dort keine Siedlung gegeben. Sie Lüderitz sein zu lassen, nutze dem Tourismus und auch dem lieben Frieden.

Auf ein gütliche Einigung vertrauen die Hardliner beider Fraktionen nicht. Die Geschäftsleute von Lüderitz, berichtete am Samstag "The Namibian" , verlangten nun nach einem Referendum. Wie man die dafür nötigen Stimmen zusammenbekommt, wissen sie noch aus dem Jahr 2013: Die "Allgemeine Zeitung" veröffentlichte bereits am Mittwoch einen Aufruf, die damalige SMS-Protestkampagne  wieder aufzunehmen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version haben wir den ehemaligen Caprivi-Streifen als "Küstenstreifen" bezeichnet. Die Region - heute Sambesi - liegt allerdings im Nordosten des Landes. Den Fehler bitten wir zu entschuldigen.

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