Südafrika Auf Trekkingtour durch die Drakensberge

Ihr Rücken erinnert an den eines Drachen, ihre Flanken sind überzogen von wundersam samtigem Grün: Die Drakensberge liegen weitab vom Großstadtgetümmel Durbans oder Johannesburgs und waren einst die Heimat der San, der Buschmänner des südlichen Afrikas.

Von Detlef Berg


Drakensberge: Das Hochgebirge zieht viele Aktivurlauber ins Hinterland von Südafrika
Foto: GMS

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Jeder Schritt fällt schwer, das Herz hämmert wild und der Rucksack drückt. Höchste Zeit für eine Pause. Den Sonnenhut tief ins Gesicht gezogen, das schweißgetränkte Hemd weit aufgeknöpft, atmet auch unser Guide Stef Steyn im Schatten eines Felsvorsprungs tief durch. Noch einmal setzt er die Wasserflasche zum Trinken an. Dann drängt er zum Aufbruch. Die Eile ist berechtigt. Immerhin wollen wir bis ganz nach oben auf den Gipfel des Cathedral Peak, der mit seinen 3004 Meter Höhe einen herrlichen Panoramablick über die Drakensberge vom Mont-aux-Sources bis zum Champagne Castle bietet.

Der Gebirgszug erstreckt sich vom Krüger-Nationalpark im Norden bis zur Garden Route im Süden auf eine Länge von rund 960 Kilometern. Die eigentliche Heimat der Namen gebenden Drachen ist aber die Gegend zwischen Sentinel und Rhino Peak, wo sich die Berge über hundert Kilometer hinweg eine durchschnittliche Höhe von 3050 Metern haben und erhaben aus den Midlands, jener Region zwischen der Küstenstadt Durban und den Bergen selbst mit ihren sanften grünen Gipfeln, aufragen. Die schroffen Bergspitzen ähneln in der Gesamtansicht tatsächlich dem gezackten Rücken eines Drachens. In der Sprache der Zulu fand das Panorama den ebenfalls zutreffenden Ausdruck "Ukhahlamba" - "Barriere aus aufgerichteten Speeren".

Geschützt: In dem höchsten Gebirge des südlichen Afrikas erhalten sich viele seltene Pflanzen und Tiere
Foto: GMS

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Auf unserer Tour zum Cathedral Peak begegnen uns nur wenige Wanderer. Zwar sind die Drakensberge nur 400 beziehungsweise 150 Kilometer von den Millionenmetropolen Johannesburg und Durban entfernt und ein beliebtes Ausflugsziel der Großstädter, doch verteilen sich die Besucherströme im weitgefächerten und gut markierten Wegenetz. Zumeist sind es kleine Gruppen, die mit einem Führer auf dem Weg zum Gipfel sind. "Auf jeden Fall sollten sich Touristen einem erfahrenen Guide anschließen", meint Stef. "Viele Wanderer unterschätzen nämlich den steilen Weg oder bekommen auf dem letzten Abschnitt Höhenangst." Eine geführte Tour hat zudem auch den Vorteil, dass man eine Menge Wissenswertes über die Natur der Region erfährt. So erzählt Stef, dass die Western Natal Green Snake - sie wird knapp einen Meter lang und sieht der Grünen Mamba täuschend ähnlich - völlig harmlos ist. Das beruhigt uns ungemein.

Natürlich können neben der neunstündigen Tour zum Cathedral Peak, die Schreibtischtäter überfordern könnte, auch kleinere Wanderungen unternommen werden, zum Beispiel zu den Doreen Wasserfällen oder ins Umhlonhlo-Tal. Idealer Ausgangspunkt ist dafür das 1936 erbaute Cathedral Peak Hotel. An dem riesigen Modell der Drakensberge im Foyer des Traditionshauses können die Gäste ihre Touren nachvollziehen.

Spektakulärster Teil der Drakensberge aber ist das Amphitheatre im Royal Natal National Park: Über die 500 Meter hohe, steil abfallende Felswand zwischen Sentinel und Eastern Buttress stürzt der Tugela-River 850 Meter tief in fünf Stufen zu Tal. Den Wasserreichtum der Landschaft symbolisiert schon der Name des höchsten Gipfel des Plateaus, des 3282 Meter messenden Mont-aux-Sources - Berg der Quellen -, der nach den nicht weniger als acht hier entspringenden Flüssen benannt wurde.

Königsprotea: Das Silberbaumgewächs ist nur in Südafrika und Australien heimisch
Foto: GMS

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Fast die gesamte Gebirgskette ist Nationalpark-Gebiet, besonders geschützt wegen seiner zahlreichen seltenen Tier- und Pflanzenarten. Sie haben sich in dieser einmaligen Kombination aus reißenden Bergflüssen, die tiefe Schluchten in die Erde gefressen haben, Wasserfällen, die in schmale Canyons stürzen, und pilzartigen Bergkegel, die aus den Tälern wachsen, angesiedelt und erhalten. So gelten die Drakensberge als einer der ganz wenigen Plätze der Erde, an denen sich noch Bartgeier in freier Wildbahn beobachten lassen. An die 90 Prozent der Tageslichtzeit verbringen sie im Flug und legen dabei an einem einzigen Tag bis zu 700 Kilometer zurück - unsere Wanderetappen-Bilanz sieht wesentlich bescheidener aus.

Lohnenswert ist auch ein Ausflug zur Ndedema-Schlucht. Rund vier Stunden dauert die Fahrt im allradgetriebenen Jeep vom Cathedral Park Hotel über den Mike's Pass bis zum Ausgangspunkt der eigentlichen Tour, der schon auf immerhin 1870 Meter Höhe liegt. Von Arendsig geht es dann zu Fuß weiter in eine knapp sechs Kilometer lange, tief eingeschnittene Schlucht und damit in das größte geschlossene Waldgebiet der Drakensberge. Die Höhlen dieser Region sind eine wahre Fundgrube für Archäologen: Allein in der Sebayani Cave finden sich mehr als tausend Buschmann-Zeichnungen, in der gesamten Ndedema-Schlucht sollen es an 17 Stellen mehr als 3900 Darstellungen sein, die das mystische Weltbild der sich selbst San nennenden Buschmänner, die einst im ganzen südlichen Afrika zu Hause waren, symbolisieren.

Das höchste Pub Afrikas: Bei einem kühlen Pils vergisst man die Strapazen des Aufstieges
Foto: GMS

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Schon lange vor der Ankunft der weißen Kolonialisten hatten die San wegen der Expansion schwarzafrikanischer Völker die Besiedlung dieses Gebiets aufgegeben - sie wurden in immer entlegenere Gebiete abgedrängt, und heute gibt es nur noch wenige hundert der Nomaden im südlichen Afrika. An sie erinnert in dieser Region nur noch die einzige Straße, die den Hauptgebirgszug überwindet: der Sani-Pass. Heute ist dieser Pass die einzige Verbindung der südafrikanischen Provinz KwaZulu-Natal mit dem Gebirgskönigreich Lesotho. Im immer enger werdenden Tal des Flusses Mkomazana windet sich der Pass bis auf eine Höhe von 2873 Metern, und man kann sich leicht ausmalen, welche Strapazen früher Händler auf sich genommen haben, die Maismehl, Kleidung, Decken nach Lesotho schafften und gegen Pelze, Mohair und normale Wolle tauschten. Später wurde der primitive Pfad ausgebaut, und 1948 schaffte das erste Auto den Weg auf die Passhöhe.

Wer heute hinauf will, braucht seinen Reisepass für den Übergang nach Lesotho und kann zwischen der Fahrt mit einem allradgetriebenen Jeep oder einem gut dreistündigen Aufstieg zu Fuß wählen, der - oben angekommen - mit einem kühlen Bier im höchstgelegenen Pub Afrikas mit der Aussicht auf den höchsten Berg im südlichen Afrika, dem 3482 Meter hohen Ntlenyana, belohnt wird. Seit 1962 gibt es dieses Chalet, erfahren wir vom Besitzer Jonnathan Aldous. Zunächst hatte das Gebäude nur die Funktion einer Poststation und einer Schutzhütte für Bergsteiger. Später kamen immer mehr Touristen. Heute muss man lange im Voraus buchen, um einen der 30 Schlafplätze zu bekommen. Für die Bewohner der nur drei Autostunden entfernten subtropischen Metropole Durban am Indischen Ozean ist dies eine konkurrenzlos preiswerte Möglichkeit zum Wintersport.



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