Südafrika-Bilder Wildnis, Einsamkeit, Gewalt

In Durban wurde vor seinen Augen ein Mensch ermordet, an der Wild Coast entdeckte er die schönste Landschaft der Erde: Fotograf Jörn Vanhöfen hat 15 Jahre nach Ende der Apartheid Südafrika bereist. Im Interview spricht er über seine beeindruckenden Bilder und ein zutiefst zerrissenes Land.


SPIEGEL ONLINE: Sie haben insgesamt ein halbes Jahr in Südafrika verbracht - mit welchem Eindruck kamen Sie nach Hause?

Vanhöfen: Ich habe noch nie ein Land erlebt, das mir so offen begegnet ist und dessen Natur mich so sehr beeindruckt hat - ich habe aber auch kein Land gesehen, das zugleich derartig brutal sein konnte. Die Schönheit und das Erschrecken, das war das Grundprinzip meines Buchs.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Bildband "Südafrikas Küsten" ist nicht das Südafrika der sattsam bekannten Klischees, sondern stille Landschaften und öde Städte zu sehen.

Vanhöfen: Ich bin ein politischer Landschaftsfotograf, und mein Verleger Nikolaus Gelpke wollte das politische, kulturelle, gesellschaftliche Leben nach der Apartheid zeigen. Er wusste, dass ich immer versuche, mehrdeutige Bilder zu schaffen. Ich will den Betrachter damit zwingen, die Bilder nicht nur zu konsumieren, sondern wirklich zu lesen.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich Ihnen das Post-Apartheid-Südafrika gezeigt?

Vanhöfen: Ich war sehr erschreckt, wie stark die Apartheid noch vorhanden ist, wie hoch das Gewaltpotential ist und wie groß die kulturellen und wirtschaftlichen Unterschiede zwischen Schwarz und Weiß sind.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen von Schönheit und Erschrecken. Was waren Ihre schönen Erlebnisse?

Vanhöfen: Die Wild Coast südlich von Durban ist der schönste Flecken Erde, den ich jemals in meinem Leben gesehen habe. Um an die Wasserfälle zu kommen, musste ich vier Tage wandern. Immer parallel zur Küste, an die fünf Meter hohe Wellen schlagen. Durch Schluchten, lange Flusstäler und über Grassteppen-Landschaften. Ich bin auch Tieren begegnet, auf die man nicht treffen möchte - wie Black Mambas.

SPIEGEL ONLINE: Kommt man dort als Normaltourist auch hin?

Vanhöfen: Ja, in Dörfern mit Rundhütten kann man übernachten und wird liebevoll bekocht. Diese traumhaften Touren werden von den Einheimischen selbst mit Hilfe der EU organisiert, aber kaum jemand nimmt daran teil. Die Touristen bleiben lieber an der Garden Route oder in Kapstadt, weil die ehemalige Transkei, das Homeland, als gefährlich gilt.

SPIEGEL ONLINE: Was waren die erschreckenden Begegnungen?

Vanhöfen: In Durban ist direkt vor mir jemand getötet worden. Ich fotografierte von einer Brücke herunter einen Markt, als es plötzlich laut wurde: Da wurde jemand mitten in der Menschenmenge erschossen. Ich fand das sehr bedrohlich. Denn die Leute hatten gesehen, dass ich fotografiere, und zeigten mit den Fingern auf mich.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie sich gerettet?

Vanhöfen: Ich habe noch auf der Brücke die Kleidung gewechselt und bin so schnell wie möglich verschwunden. Ansonsten war ich oft in Situationen, die bedrohlich hätten sein können, in denen ich aber nie Angst gehabt habe. Ich wurde als Weißer auch nie bedroht.

SPIEGEL ONLINE: Wo haben Sie eine derartige Situation erlebt?

Vanhöfen: Im Township Khayelitsha bei Kapstadt. Dort hat mich die Liebenswürdigkeit der Menschen mir gegenüber sehr beeindruckt. Ich war eine Woche dort und wurde beschützt, informiert und liebevoll behandelt. Für mich war es unglaublich, wie Leute, die seit Generationen versklavt und gepeinigt wurden und endlich an der Macht sind, ein positives Lebensbild ohne Hass entwickeln können. Eigentlich müssten sie jeden Weißen hassen - das tun sie aber nicht. Dagegen waren in weißen Vierteln, wo ich fotografiert habe, kritische Distanz und Skepsis sehr groß.

SPIEGEL ONLINE: Sie zeigen keine Porträts, Menschen kommen nur vereinzelt auf Ihren Bildern vor - warum?

Vanhöfen: Ich beobachte aus einer gewissen Distanz. Ich maße mir nicht an, einzelne Protagonisten auszuwählen und die stellvertretend etwa für die Post-Apartheid-Politik sprechen zu lassen. Im Journalismus gibt es ja diese Betroffenheits-Bilder, die Leid ausdrücken wollen, es aber nicht tun. Sie sind nur eine Metapher. Eine Frau, die schreit, sagt nichts über Elend aus - sie schreit. Die Wirklichkeit in Südafrika ist zu komplex, um sie in einem halben Jahr verstehen zu können. Deswegen gehe ich in die Distanz und versuche, die Mehrschichtigkeit in der Landschaftsfotografie deutlich zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Wie zum Beispiel?

Vanhöfen: Wenn ich ein Township fotografieren möchte, frage ich mich: Was ist wichtig, und welche Elemente möchte ich einbinden, wie zum Beispiel die Werbetafel, die für Alkohol wirbt, und den Marktplatz davor. Durch die vielen Informationen, die das Bild transportiert, entsteht dann die Vielschichtigkeit. Landschaften möchte ich als eine Auseinandersetzung über kulturelle Eigenarten darstellen: Warum gibt es dort eine Autobahn, wie sieht der Laden aus, wie ist die Textur der Kleidung?

SPIEGEL ONLINE: Wie schaffen Sie die Distanz?

Vanhöfen: Schon durch die Wahl meiner Kamera - eine 6 mal 7 Plaubel Makina - und durch ihre Langsamkeit bin ich gezwungen, Abstand zu wahren. Ich kann mit ihr nicht schnell scharfstellen. Daher muss ich die Situation viel länger beobachten und viel bewusster meinen Standpunkt einnehmen. Mein Kamerastandpunkt ist mein innerlicher Standpunkt - und auf Distanz und Vielschichtigkeit programmiert

SPIEGEL ONLINE: Ihre Fotos sind sehr reduziert in ihrer Farbigkeit, oft fast sepiafarben. Wieso?

Vanhöfen: Ich möchte, dass der Betrachter sich auf die Bilder einlässt und nicht auf die Oberflächlichkeit der Farben. Ich möchte, dass es keine Wertigkeit, keine Eindeutigkeit durch Farbe gibt, sondern dass die Landschaft als Ganzes wahrgenommen wird. Viele Bilder, die wir kennen, zielen gerade auf diese Überfarbigkeit ab. Es hat etwas von Effekthascherei.

Auf den Wunschzettel

Nikolaus Gelpke (Hrsg.), Jörn Vanhöfen, Zora del Buono: "Südafrikas Küsten". marebuchverlag; 136 Seiten; 49 Euro.
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SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Vorbilder?

Vanhöfen: Es gibt eine Richtung in der amerikanischen Farbfotografie der siebziger Jahre, die genau diese Reduktion gesucht hat: die New Color Photography, deren Vertreter etwa Stephen Shore oder Joel Sternfeld waren. Durch sie bin ich in meiner Ausbildung geprägt worden.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die Reduziertheit erreicht?

Vanhöfen: Ich habe zu Tageszeiten fotografiert, zu der das Licht nicht so grell war und die Farben nicht so leuchtend. Außerdem benutze ich nur bestimmte Filme.

SPIEGEL ONLINE: Und Filter?

Vanhöfen: Nein, keine Filter, keine Weitwinkel- oder Teleobjektive - nur Normalbrennweite.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt dann frühes Aufstehen?

Vanhöfen: Ich bin ein halbes Jahr lang um 4, 4.30 Uhr aufgestanden, bin dann eine Stunde gefahren, habe zwischen 5.30 und 7.30 Uhr fotografiert. Dann bin ich wieder sechs Stunden Auto gefahren oder habe unter einem Baum ein Buch gelesen. Abends zwischen 17 und 18 Uhr habe ich wieder fotografiert.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Buch kommt ohne Afrikas Tiere aus - nur ein ausgestopfter Löwe ist verewigt.

Vanhöfen: Zum einen bin ich kein Tierfotograf. Zum anderen müssen Sie, um wilde Tiere zu sehen, zu einem umzäunten Park gehen. Warum soll ich das fotografieren und so tun, als ob die Tiere in freier Wildbahn sind, wenn sie eigentlich kaserniert sind? Letztendlich ist Wildlife in Südafrika nur ein Business. Löwen zu schießen kostet 20.000 Dollar, ausstopfen 10.000 Dollar. Und wenn es nur ein Business ist, dann fotografiere ich es auch so, als das, was es ist, nämlich töten.

Das Interview führte Antje Blinda



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