Südkorea Wandertour am Todesstreifen

Gratwanderung zwischen Bunkern und Blumen: Auf den kürzlich eröffneten Wegen in der Nähe der Grenze zwischen Süd- und Nordkorea können Wanderer Kriegsgeschichte und Naturidylle erleben. Gleichzeitig sollen sie über die Einheit des Landes nachdenken.

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Seoul - Einige Studenten jubeln begeistert, als sie den Gipfel erklimmen. Viele der jungen Leute machen Fotos von der Aussicht. Was wie eine normale Bergtour wirkt, ist bei näherer Betrachtung eine historische Gratwanderung. Denn der Pfad führt unweit der Grenze zu Nordkorea durch unbesiedeltes Terrain in Südkorea, das seit dem Korea-Krieg vor 60 Jahren fast unberührt blieb. Vor dem Hintergrund zunehmender Spannungen strömen seit der Öffnung der Wege im Mai Tausende Südkoreaner in die Grenzregion, um wenigstens aus der Ferne einen Blick auf das entfremdete Nachbarland zu werfen.

Quer durch die koreanische Halbinsel zieht sich seit der Teilung der Halbinsel eine vier Kilometer breite, schwerbewachte und entmilitarisierte Zone. Südlich davon erstreckt sich ein Streifen Land, für den Zivilpersonen eine spezielle Genehmigung brauchen. Fauna und Flora gedeihen prächtig in dem menschenleeren Gebiet an der Grenze. Deshalb beschlossen die Behörden der Grenzprovinz Gyeonggi um Seoul, es für Wanderer zu öffnen.

Vor zwei Monaten wurden 182 Kilometer Wanderwege am Rand des Grenzstreifens eröffnet. Seither wanderten rund 10.000 Menschen auf den Wegen, angezogen von der Schönheit der Natur, von den Relikten des Krieges und der Aussicht auf eine Gelegenheit, im Dunst am Horizont Nordkorea zu sehen. Es gibt zwölf verschiedene Strecken zwischen 8 und 21 Kilometern Länge, die von verschiedenfarbigen Bändern an Bäumen markiert werden. Langfristig sollen die Wanderwege von der West- bis an die Ostküste ausgebaut werden.

Über Koreas Einheit nachdenken

Der für das Projekt verantwortliche Beamte Han Bae Soo betont die politische Dimension der Wege. "Beim Wandern können die Leute über die angespannte Situation auf der koreanischen Halbinsel und über Koreas Einheit nachdenken, vor allem nach dem Vorfall mit der "Cheonan". Die "Cheonan", eine südkoreanische Korvette, war nach Überzeugung der Regierung in Seoul von einem nordkoreanischen Torpedo versenkt worden. 46 Seeleute kamen dabei ums Leben.

Als Reaktion auf den Untergang halten die USA und Südkorea seit Sonntag Militärmanöver im Japanischen Meer ab. Pjöngjang bestreitet jegliche Verwicklung und lehnt eine Entschuldigung ab. Um ihre Solidarität zu bekunden, besuchte US-Außenministerin Hillary Clinton vergangene Woche das Dorf Panmunjom an der Grenze.

Auch Wanderer können jetzt einen Blick auf nordkoreanisches Territorium werfen, vor allem von der Bergfestung Munsu zum Aegibong-Gipfel. "Hier erleben die Leute sowohl Freude als auch Trauer, weil sie nordkoreanische Dörfer mit bloßem Auge erkennen", heißt es auf der Website der Provinz. In den Dörfern bilden schmucke Häuser mit Gärten einen scharfen Kontrast zu den Symbolen des Krieges: Hier und da sind alte, überwucherte Bunker aus alten Reifen und Sandsäcken zu sehen.

Auch Byun Mi-Sook aus Seoul wandert an der Grenze entlang. "Es ist komisch, die Realität in Korea zu erleben", sagt er. "Ich wünschte, es würde diese Dinge nicht geben, aber man muss vorsichtig sein, der Krieg ist noch nicht vorbei."

Nam You-Sun, AFP



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