Ungskär in Südschweden Eine Schäre als Schatz

Er ist der letzte Fischer von Ungskär, einer entlegenen Insel im Schärengarten Südschwedens: Viel herumgekommen ist Arne Nordström nicht - und doch weiß er mehr über die Welt als viele andere.

Oliver Lück

Von Oliver Lück


Wer nach Ungskär kommt, wird an Arne Nordström kaum vorbeikommen. Das mag vor allem an seiner Statur liegen. 1,90 Meter ist er, eher mehr. Seine Gummistiefel haben Größe 47. Und wenn Arne in seinem Fischerboot steht, wirkt es sehr klein, weil er so ein stämmiger Kerl ist.

Alles ist gewaltig an diesem Mann. Seine Hände, sein Bauch, der Appetit, die buschigen Augenbrauen, der lange, wild und in alle Richtungen wachsende Vollbart, der mal pechschwarz gewesen und bald vollständig ergraut ist. Arne muss schon bärtig auf die Welt gekommen sein.

45 Minuten, so lange braucht das weißblaue Fährschiff für die Fahrt vom Festland durch den steinernen Irrgarten aus Inseln und Halbinseln. Es ist eine kurze Reise, die einen weit weg bringt.

Es gibt Tausende Schären an der zerklüfteten Südküste. Wie viele es genau sind, weiß niemand. Die wenigsten sind bewohnt, manche nicht größer als Verkehrsinseln. Es ist eine windgepeitschte Landschaft hier draußen. Der Grund aus Granit. Vom Meer poliert. Schroff und schön. Mit grünen Moosen und gelben Flechten. Nur vereinzelt ein paar Bäume und Büsche. Und alle Wege enden am Wasser.

Ungskär ist eine der letzten Inseln Schwedens. Oder eine der ersten. Sie liegt zwischen Schärengarten und offener See. Vom einen zum anderen Ende sind es einen Kilometer, maximal 500 Meter geht es in die Breite. 40 Holzhäuser stehen auf dem schmalen Südzipfel. Dazwischen verläuft ein sandiger Fußweg. Das ist alles.

Das ist Ungskär, wo mehr Katzen als Menschen leben. Dazu ein Fuchs, der vor einigen Wintern über das Eis gekommen ist und sich manchmal im Dorf blicken lässt.

Keine Arbeit, nur Zeit

Es gab Zeiten, Ende des 19. Jahrhunderts, da lebten fast 500 Menschen auf der Insel. Viele Fischerfamilien. Bauern und Jäger. 1955 war die Bevölkerung auf weit unter hundert geschrumpft. 1977 auf 30. 1995 dann 17. Bis 2011 waren es noch acht. Heute sind das gesamte Jahr über noch fünf Menschen da.

"Morgen", sagt Arne, "werden wir vielleicht noch vier sein. Nächstes Jahr zwei. Die Perspektive ist schlecht. Es gibt keine Arbeit. Es gibt nur Zeit. Das, was sich viele wünschen, aber nicht bekommen, weil Zeit ja Geld ist. Andere haben Geld und keine Zeit. Wir haben Zeit und kaum Geld." Das ist der Unterschied.

Oliver Lück
Arne ist 1955 geboren. Auf Ungskär. Seinen Vater hat er nie kennengelernt. Schon sein Ururgroßvater war Fischer auf der Insel. Arne wird der letzte sein. Er hat keine Kinder. Er hatte nie eine Frau. Verwandte hat er auch keine mehr. Seine Eltern sind tot. Seine jüngere Schwester Britt-Marie starb mit 16 an Krebs.

Da ist niemand mehr außer Arne. Doch wer allein ist, muss nicht einsam sein. Da gibt es Unterschiede. Wer Arnes Geschichte kennt, könnte sich schnell ausmalen, wie furchtbar einsam das Leben auf einer entlegenen Insel sein kann. Doch Arne sagt: "Langweilig wird mir hier nicht. Langeweile ist ein Luxusproblem."

Andere sagen über Arne: "Diese Schäre ist sein größter Schatz."

Arne ist noch nie bei Ikea gewesen. Noch nie ist er geflogen. Er hat auch nie Stockholm besucht. Einmal Göteborg. Einmal Kalmar. Einmal Kopenhagen. Alle fünf Jahre findet ein Lehrgang für Küstenfischer statt. Dort fährt er hin.

Er war 18, als er seine Insel das erste Mal länger verließ. Weil er musste: Militärzeit in Karlskrona. Für neun Monate ans Festland. Er war froh, wieder zu Hause zu sein. Zu seinem 60. Geburtstag luden ihn Freunde auf die große Passagierfähre ein, die von Karlskrona nach Gdingen in Polen fährt und sich zweimal am Tag in Sichtweite an Ungskär vorbeischiebt. Einen Tag hin, einen zurück. Wie das war? "Schön", sagt Arne, "aber zu Hause ist es schöner."

Sein Name ist wie geschaffen für einen Fischer: Nordström. Das braucht man nicht übersetzen. Auch seine Hände verraten viel mehr über ihn und seinen Alltag als viele Worte. Die Arbeit hat Spuren hinterlassen, hat Furchen hineingegraben und Schwielen entstehen lassen. Netze sortieren. Netze flicken. Rausfahren und Netze setzen. Rausfahren und Netze bergen. Den Fisch ausnehmen. Räuchern. So vergehen die Tage auf Ungskär.

Der Doppelgänger von Bud Spencer

Heute ist Arne der Hafenmeister. Und das auch schon seit ein paar Jahren. Er kassiert die Liegegebühren der Sommersegler. Er sorgt dafür, dass alles sauber ist, schöpft das Regenwasser aus den Booten. Er ist keiner der Hafenmeister, wie man sie aus deutschen Häfen kennt, wo Menschen, die eine kleine Macht bekommen, zu ganz großen Bestimmern werden. Arne ist so ganz anders: Er ist entspannt. Er räuchert Fisch für die Touristen. Er redet mit jedem.

Er mag diese Momente und Begegnungen, von denen er im Sommer so viele hat. Er sagt: "Ich lerne Menschen kennen und muss meine Insel nicht verlassen." Und den Seglern prägt sich das Bild von Arne ein. Vielleicht machen sie sogar ein Foto von ihm und zeigen es Freunden, wenn sie zu Hause von ihrem Schweden-Urlaub und dem Doppelgänger von Bud Spencer erzählen. Arne muss einen besonderen Eindruck bei ihnen hinterlassen: Einmal bekam er zu Weihnachten mehr als hundert Grußkarten. Jetzt sind es jedes Jahr noch um die 40.

Oliver Lück
Arne gibt nun eine kleine Führung. Er zeigt das Haus, in dem er geboren ist. Er zeigt den ehemaligen Laden, der 1975 dicht machte, das Jahr, in dem auch die Schule schließen musste. An der Ostküste, nicht weit entfernt vom alten Schulhaus findet er meist Treibholz für den Ofen. Das ist die blank gewetzte Seeseite der Insel mit rund geschliffenen Granitbuckeln, rot schimmernden Quarzbändern und kleinen Teichen in Steinnischen mit allerlei Getier darin. Dicke Schiffstaue und Baumstämme liegen herum, die komplette Flaschenauswahl eines Supermarktregals.

Auch auf Ungskär lassen sich angeschwemmte Dinge finden, die man nicht unbedingt erwarten würde. Eine volle Tüte Pommes. Ajax-Reiniger für die Küche. Eine aufblasbare Puppe. Und Flaschenpost. Arne hat sie nie gezählt und weiß auch nicht, wo sie alle geblieben sind. Aber er schätzt, dass es über hundert Briefe gewesen sein müssen, die er aufgelesen oder in seinen Netzen herausgezogen hat. Von Frischverliebten. Von Seglern. Von Kindern. Er hat allen geantwortet.

Einmal steckte in einer Flasche keine Nachricht, aber ein Rubbellos. Arne rubbelte und gewann 50 Kronen. Dann fand er den Brief einer Sechsjährigen aus Südschweden. Sie hatte einen Wunschzettel an den Weihnachtsmann geschrieben und von einem Segelboot geworfen. Sie wollte eine neue Barbie. Gleich am nächsten Tag fuhr Arne los, kaufte eine Puppe und schickte sie dem Mädchen. Ausgerechnet Arne, der große Mann mit dem langen Bart und dem Bauch.

Und manchmal bekommt er tatsächlich Post, die "An den Weihnachtsmann von Ungskär" adressiert ist. Mehr steht nicht drauf. Jeder weiß, wer gemeint ist.

Der Artikel ist ein gekürztes Kapitel aus dem Buch "Flaschenpostgeschichten" von Oliver Lück.

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
aurichter 31.03.2016
1. Ungskär
sieht toll aus ! Ob man dort wohl günstig ein Haus kaufen kann, könnt mir schon gefallen ?{°¿°}?
HH-Hamburger-HH 31.03.2016
2. Schön,...
... dass es so ein entschleunigtes Lebens noch gibt! Es sollten sich viel mehr Menschen darauf besinnen, dass "Wachstum" kein Allheilmittel ist und auf Dauer nur zu Hektik, Stress und vor allem einen unersetzlichen Verlust an natürlichen Ressourcen führt.
jujo 31.03.2016
3. ...
Zitat von aurichtersieht toll aus ! Ob man dort wohl günstig ein Haus kaufen kann, könnt mir schon gefallen ?{°¿°}?
Ein Haus bekommen Sie dort nachgeschmissen, (wenn jemand verkaufen will?) nur muss man wissen, das man mit ziemlicher Sicherheit, stärkeren Renovierungsbedarf hat. So wie ich es einschätze ist man "all in" mit 25-35 tsd. € dabei.
kenterziege 31.03.2016
4. Schöne Geschichte....
....und ein toller Typ. Welch ein Unterschied zu den Pressesprecherinnen der Bundesregierung und des auswärtigen Amtes hier an gleicher Stelle!
i-geldon 31.03.2016
5.
Beneidenswert !!!
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