Südseeinsel Palau Der Wert der Frau

Auf der Südseeinsel Palau hat das schwache Geschlecht eine starke Währung: Münzen aus dem Panzer der Meeresschildkröte sind Mitgift, Bußgeld, Aktienfonds - und Jetons im Spiel um die Macht.

Von Dimitri Ladischensky und Jodi Bieber, Fotos


Leben und Tod

Als das Weinen vorbei war und der Zorn fortgestoßen, stand Schweigen zwischen beiden. Stille ist Vorspann eines Anfangs, aber keine wollte ihn machen. Keine Hand sich strecken, kein Blick sich treffen. Die Mutter des Mörders biss sich auf die Lippen, die Mutter des Opfers hielt sich aufrecht am Türknauf. Man sei gekommen, sagte die eine, um Schuld zu begleichen. Das Leben des Sohnes zurückzuzahlen, das man der anderen genommen hatte.

Frau von Palau: Der Einzelne wird nicht als Individuum, sondern als Mitglied eines Klans geboren
Jodi Bieber

Frau von Palau: Der Einzelne wird nicht als Individuum, sondern als Mitglied eines Klans geboren

Es war Zahltag auf Palau. Ganz Koror strömte nach der Arbeit auf die Straßen. Man tanzte und vergaß, dämpfte seinen Frust über den kargen Lohn, schaffte das Ärgernis flaschenweise aus der Welt. Adrian schlenderte gerade heimwärts, als jemand ihn anherrschte: "Zahltag, unser ganz privater!" Brian schwankte aus dem Schein der Straßenlaterne. Vielleicht nach Hause, um sich wieder ins Gleichgewicht zu trinken. Vielleicht, um sich noch weiter in Wut zu schaukeln, bis der Faden riss, der ihn noch hielt. Adrian fiel nichts Besseres ein, als sich ins Dickicht zu schlagen. Nach einer Weile fuhr der Strahl einer Taschenlampe durch das nasse Gebüsch. Tropfen blitzten auf. Wie leicht, in dem Funkeln zwei Augen zu übersehen! Doch Brian nahm Maß und stach zu.

Die Mutter des Mörders hatte versucht, die Tränen der anderen zu weinen, aber ihre Augen waren schon leer. Auch sie hatte ihr Kind verloren. Was bleibt von einem Leben noch am Leben hinter Gittern? Sie war nicht gekommen, um aufzurechnen. Der Kodex verlangt, um Entschuldigung zu bitten, so wie er auferlegt, sie anzunehmen. Mörder werden weggeschlossen. Aber zwischen den Familien sollen keine Mauern stehen. Was geschehen war, hat auseinander geführt. Damit die Mütter wieder zueinander finden, wird Tngakireng gezahlt, Geld, das den Boden neu pflastert.

5000 Dollar und ein fingernagelgroßes gelbes Tonstück, palauanisches Steingeld. Rund ist es, heißt Gesicht und soll der Familie den Sohn zurückgeben. Das Ganze gebettet in zehn Schälchen vom Panzer der Karettschildkröte, Toluk. Ohne Toluk wären die Dollar geschmacklos. Und die Entschuldigung keine von Herzen. Alles wird nun sein wie vorher, nur dass man jetzt im Supermarkt über den gemeinsamen Sohn redet. Solange der Mörder im Gefängnis sitzt, vertreten ihn seine Brüder im Haus der Geschädigten. Sie spielen Fußball mit den Kindern, helfen bei den Hausaufgaben, bringen Fisch, tun, was der neue Vater und die neue Mutter von ihnen erwarten. Die Eltern des Opfers weinen um den verlorenen Sohn, aber kein Amt stirbt mit dem Inhaber.

Der Klan und die Frauen

Dienst an der Familie ist höhere Pflicht jedes Palauaners. Der Einzelne wird nicht als Individuum geboren, sondern als Mitglied eines Klans. An dessen Spitze stehen immer Frauen, sie verfügen über den Landbesitz des Klans, kontrollieren das Geld und die Tauschwirtschaft. Männer sind Wolkenschieber, stark darin, heiße Luft von sich zu geben. Männer, sagen Frauen, sind nichts als ein Furz im Wind.

Geld und Tausch

19000 Menschen leben auf der 200 Kilometer langen Inselkette im Westpazifik. Das Archipel umfasst acht große Inseln und Hunderte kleiner, steil aufragender Felsen im Meer. Los Palos, Pfähle, sagten die Spanier, Palau wurde daraus. Die Republik hängt seit vielen Jahren am Tropf der Vereinigten Staaten. Die Amerikaner geben Dollar und nehmen im Gegenzug politischen Einfluss auf die Geschicke der Inseln. Vieles in Palau erinnert an den großen Vormund: Vollschlanke mit Shorts und Baseballkappen, Internetcafés und Pick-ups, Burgerbrater und sogar ein Nachbau des Capitols. Allerdings, trotz aller Amerikanisierung des öffentlichen Lebens haben sich die Palauaner eine ganz eigene Kultur bewahrt.

Drei Währungen gibt es in Palau: abgesehen von den Dollar noch das Steingeld Udoud, das um den Hals getragen wird; vor allem aber die Toluk - Schildpattmünzen aus dem Panzer der Karettschildkröte - sind weit verbreitet. Die ovalen Schälchen in schwarzbrauner bis rötlicher Schattierung sind zu groß für herkömmliche Portemonnaies. Die palauanische Geldbörse ist eine Plastiktüte. Aufbewahrt werden die Toluk in Stahltresoren, alle einzeln mit Etiketten beklebt, beschriftet mit Stammbaum und Namen der Vorbesitzer.

Der Dollar ist Arbeitslohn und offizielles Zahlungsmittel. Steingeld und Toluk sind Währungen in einer Art Schattenwirtschaft zwischen den Klans, in einem über Jahrhunderte gewachsenen Tauschsystem. Nehmen wir die Hochzeit. Sie ist Geschäftsbeginn zwischen zwei Klans. Die eine Seite gibt Toluk, Steingeld und Dollar, die andere Partei stellt die Ehefrau. Immer wenn die einen zahlen, arrangieren die anderen Festessen. Bonus erfolgt bei Geburt, die Bezahlung des Bauches. Die letzte Rate bei Tod oder Scheidung. So gesehen ist ein Klan mit vielen Töchtern reich, weil mit jeder Heirat Geld einfließt.

Bruder und Schwester

Wenn einige Palauanerinnen auswandern, liegt es daran, dass Frausein auf den Inseln nicht nur bedeutet, Geld zu bekommen, sondern auch, beträchtliche Summen zu zahlen. Die Schwestern haben für ihre Brüder aufzukommen, notfalls müssen sie einen Kredit bei der Bank aufnehmen. Heiratet der Bruder, wird er Vater oder Witwer, so trägt die Schwester den Löwenanteil am Finanztransfer von Klan zu Klan. Als Lastenausgleich jagt ein Bruder seiner Schwester ein Leben lang Schildkröten und sorgt so für steten Toluk-Nachschub. Außerdem bekommt die Schwester ein Mitspracherecht bei der Auswahl der Braut. Meist heiratet der Bruder die Frau ihres Herzens. Die Auswahl der Schwägerin ist deshalb entscheidend, weil sie für den Klan wichtige Dienste leistet. Wann immer eine Hochzeit, Geburtsfeier oder Beerdigung ins Haus steht: Die Schwägerin kocht für die Schwester. Und für Hunderte von Gästen.

Der Münzpräger: Roy gilt als bester Tolukmacher von Palau
Jodi Bieber

Der Münzpräger: Roy gilt als bester Tolukmacher von Palau

Dafür erhält sie Toluk. Wie viele, entscheidet die Schwester. Von den Münzen kann sich die Schwägerin kein Auto kaufen, keinen Whopper im Drive-in, keine Zahnpasta. Sie braucht Schildkrötengeld für den eigenen Bruder. Als Ehefrau kassiert sie, als Schwester investiert sie. Je mehr Toluk sie hat, umso attraktiver erscheint ihr Bruder anderen Klanfrauen und umso einträglicher der Bund fürs Leben mit der angeheirateten Küchenhilfe.

Toluk gehen nur von Frau zu Frau; etwa von der Schwester an die Schwägerin. Das Steingeld darf auch durch Männerhand gehen: Ein Gatte, dem seine Ehefrau lieb und teuer ist, zahlt mit Bus, Stein, der die Herzen umarmt. Dollar verdienen beide Geschlechter in ihren Jobs, die Männer geben den Verdienst meist der Ehefrau, die es in den Tausch einbringt. Nur selten kursiert Steingeld. Es ist viele tausend Dollar wert. Toluk ist Kleingeld und deshalb weit gebräuchlicher.

Die ältesten Stücke würden bis zu 500 Dollar einbringen, sind aber unverkäuflich. Man muss sie sich verdienen, etwa durch Küchendienste. Frisch geprägte Toluk kann die Palauanerin gegen Dollar kaufen, doch dazu später.

"Toluk und Dollar sind wie Hose und Hemd", erklärt eine Klanpatronin. Allerdings, ohne Hemd kann man sich auf Festen eher blicken lassen. Kein Toluk, kein Tausch, keine Dollar. Toluk ist vielen Palauanerinnen die liebste Währung. "50 Dollar sind 50 Dollar, aber ein Toluk macht mich zur palauanischen Ehefrau." Übrigens, wer den Überblick verloren hat, warum er wem und wann etwas zu zahlen hat, hört Radio: Die Welle WWFM sendet einen Veranstaltungskalender für Tauschfeste, damit alle Verwandte über ihre Pflichten im Bilde sind.



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