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Tuvalu: Dem Untergang geweiht?

Foto: Corbis

Südseeinsel Tuvalu Trip mit Katastrophen-Flair

Die winzige Inselgruppe Tuvalu könnte in wenigen Jahrzehnten versinken, wenn der Meeresspiegel weiter steigt. Darum tummeln sich hier Katastrophen-Touristen und Klimaforscher, die Uno schickt viel Geld - doch selbst ein Staatssekretär gibt zu: "Wir sensationalisieren das Thema."
Von Anke Richter

Was sie in das viertkleinste Land der Welt führt? "Iko", erklärt eine junge Japanerin dem Beamten an der Passkontrolle lächelnd. Sie schwitzt in der Hitze des Bretterverschlages. Iko? "Eco-Tourist", sie nickt. Drei Tage hat die Studentin, um Südseekultur mit Katastrophen-Flair zu erleben. 3800 Dollar hat sie für den Kurzausflug bezahlt: einmal im Leben nach Tuvalu, bevor es verschwunden ist.

Zweimal in der Woche landet ein Flugzeug aus Fidschi auf dem Atoll Funafuti, das wie eine Kette aus Smaragden im Ozean liegt. Reisende verirrten sich bis vor kurzem kaum hierher. Jetzt kommen immer mehr Fremde. Scharen von Forschern und Helfern nehmen ein Volk unter die Lupe, das es angeblich bald nicht mehr geben wird. Die Insulaner, die neben der Flughafenbaracke warten, würdigen die Besucher kaum eines Blickes. Zu viele haben sie in den letzten Jahren kommen und gehen sehen. Was den Rest der Welt plötzlich nach Tuvalu zieht, lässt vor Ort die meisten kalt: das Untergangsszenario durch den Anstieg des Meeresspiegels.

Die Japanerin und ihre Reisegruppe checken ins einzige Hotel der Insel ein. Hinter der Terrasse gammelt Müll zwischen den Steinen. Es stinkt nach Fäkalien. Im lauwarmen Wasser der Lagune liegen zerbrochene Flaschen und Blechdosen. Öko und Tourismus - nichts liegt diesem schwülen, trägen Ort auf den ersten Blick ferner.

5000 Menschen leben dicht an dicht auf den weniger als drei Quadratkilometern von Fogafale, der bewohnten Insel des Atolls Funafuti. Die restlichen 5000 Tuvaluaner verteilen sich auf die weiteren Atolle und Inseln, die nur per Schiff zu erreichen sind.

Beton statt Kokospalmen

Fast ein Drittel von Fogafale füllt die geteerte Landebahn aus. Kokospalmen wurden gefällt, um Platz für schlichte Betonhäuschen zu machen. Dazwischen drängen sich Wassertanks, Satellitenschüsseln und Schweinegehege. Nirgendwo ist man mehr als einen halben Kilometer vom Ufer entfernt.

Mit dem Flugzeug ist auch ein amerikanischer Wissenschaftler gelandet. Er ist schon zum dritten Mal hier. Fragebögen will er diesmal verteilen. Außerdem braucht er noch einen Fischer. "Und irgendwas mit Kultur. Alte Leute oder so." Die Climate-Change-Beauftragte von Tuvalu telefoniert und organisiert die Interviews. Es sind immer die gleichen Gestalten, die als Darsteller im Klimawandel-Drama dienen müssen. Denn wer in diesen Zeiten beruflich nach Tuvalu reist, hat stets ähnliche Anliegen: eine Studie, ein Interview, ein Projekt. Da niemand in Tuvalu direkte Not leidet, wirkt der Einsatz umso bemühter.

Die Japaner brechen zur ersten Besichtigung auf. "Erosion" heißt die Sehenswürdigkeit am Ufer. Je höher und stärker die Flut, desto entblößter sind hier die Wurzeln der Bäume. Wie gefällte Riesen liegen graue Palmen auf dem Korallenkies. Leichenberge, zum Gruseln. Winzige Digitalkameras glitzern in der Nachmittagssonne.

Nirgendwo hat Tuvalus Schicksal so viel Medienecho gefunden wie in Japan. Jedes Jahr im Februar, wenn die jährliche Springflut droht und Teile der Insel kurzfristig unter Wasser stehen, rückt pro Woche ein asiatisches Kamerateam an. "Sie filmen immer das Gleiche, sie stellen immer die gleichen Fragen", sagt Shozo Tsunashima, der für eine japanische NGO in Tuvalu arbeitete. "Doch der ganze Hype geht komplett an der Wirklichkeit vorbei."

Die erhoffte Katastrophen-Stimmung wird den Besuchern nicht geboten. Ob bei den Jugendlichen auf ihren klapperigen Mopeds, die amüsierte bis verlegene Blicke wechseln, oder den Frauen, die am Ufer Kleidung waschen und ratlos die Schultern zucken: Die Fragen nach der momentanen Stimmungslage will keiner mehr hören.

Religion gegen Flutangst

Daran ist nicht zuletzt die Religion schuld. Tuvalu ist zutiefst christlich. In der Bibel verspricht Gott Noah, keine weitere Flut auf die Erde zu senden. Vor allem bei den Älteren lässt der Glaube die Furcht vor einer Überschwemmung nicht zu. "Erst wenn ich nie mehr einen Regenbogen sehe", so hat es mal einer der alten Männer ausgedrückt, "werde ich mich gegen den Klimawandel wappnen." In ihrem kleinen Büro neben dem Internetcafé koordiniert Pasemeta Talaapa die Entwicklungshilfe der EU. "Niemand hier fühlt sich akut bedroht - das ist Unsinn. Wir wollen alle einfach nur ein normales Leben führen", sagt die resolute Dame.

Die aktuellen Probleme seien ganz andere: Alkohol, Diabetes, Gewalt. Umweltverschmutzung, Überbevölkerung. Korruption. Dass alle nur auf Almosen warten. "Wer geht denn noch fischen oder pflanzt etwas an?" Sie klingt resigniert. "Eine Dose zu öffnen ist leichter." Die Situation von Tuvalu in den Zeiten des Klimawandels, so beschrieb es ein Beobachter, sei die eines Krebspatienten im Endstadium, der sich um Aids sorge. Die "Coca-Kolonialisierung" hat auf die Lebensqualität der Tuvaluaner eine unmittelbar schädlichere Auswirkung als der CO2-Ausstoß. Doch davon hört man auf der internationalen Tribüne wenig.

Stattdessen wird der mediale Mitleidskreuzzug geführt. Die Propaganda-Maschine läuft. Vor vier Jahren behauptete der damalige Premierminister Tuvalus vor der Uno-Vollversammlung, die klimatische Bedrohung sei für sein Volk "eine langsame und heimtückische Form von Terrorismus". Einer seiner Vorgänger sprach vom "Genozid durch Umweltzerstörung".

Polemik ist die beste Waffe im Kampf um Aufmerksamkeit. "In 50 Jahren heimatlos" ist das Mantra, das Tuvalus Oberste stets herunterbeten - auch wenn diese Prophezeiung ernsthaften Schätzungen nach unhaltbar ist. Aber wer streitet schon mit Ertrinkenden um 100 oder 200 Jahre?

"Wir sensationalisieren das Thema"

In den vergangenen 60 Jahren sind viele der Inseln jährlich sogar um zwei Millimeter gestiegen, statt zu sinken. In der gleichen Situation wie Tuvalu sind all die anderen flachen Atolle, deren höchste Erhebungen keine fünf Meter betragen. Doch niemand schlägt in Tokelau, Kiribati oder auf den Marshall-Inseln Alarm - was auch daran liegt, dass die Tuvaluaner die ersten mit Internetzugang waren. Mit dem Verkauf der "tv"-Domain wurde der Beitritt in die Uno gezahlt.

Afafoa Irata, Staatssekretär im Außenministerium, gibt freimütig zu: "Wir sensationalisieren das Thema." Was er sich davon verspreche? "Geld und Pässe." Denn die Emigration in reiche Nachbarstaaten ist auch dann für viele Insulaner attraktiv, wenn keine Evakuierung droht. Wer darüber negativ berichte, so Irata, komme auf eine schwarze Liste.

Am zweiten Tag der Untergangstour geht es für die japanischen Besucher einmal per Boot quer über die Lagune nach Tepuka Savilivili, an den Ground Zero der Südsee: ein Flecken, kahl wie eine Mondlandschaft. Nur ein Stück Styropor bleicht in der Sonne auf den Korallen. Drei Zyklone machten im Jahr 1997 die Vegetation des Inselchens zunichte. 200 Dollar kostet die Fahrt nach Tepuka Savilivili, am Katastrophen-Tourismus lässt sich gut verdienen.

An allem ist plötzlich der Klimawandel schuld

"Natürlich ist der Klimawandel ein riesiges Problem", sagt Arthur Webb, Küsten-Spezialist bei der geowissenschaftlichen Organisation Sopac in Fidschi. "Aber das ist nicht alles, was in Tuvalu passiert. Es ist nur ein Teil davon." Er spricht über Tiden-Zyklen, die über Jahrzehnte und Jahrhunderte verlaufen. Über Erosion als natürlichen Prozess, den es immer schon gab: Das Meer nimmt Strand an einer Stelle weg und häuft ihn woanders wieder an. "Atolle verändern sich ständig. Da wird so vieles durcheinandergebracht. Alles heißt jetzt plötzlich climate change."

Die schlimmsten Schandflecken Tulavus sind die borrow pits - Löcher am Straßenrand von der Größe eines Tennisplatzes. Sie wurden im Zweiten Weltkrieg von den Amerikanern gegraben und nie wieder aufgefüllt. Jetzt sind sie giftige, brackige Müllkippen und für Funafuti momentan eine größere ökologische Katastrophe als ein Ansteigen des Meeresspiegels. Die Hydrologie des Bodens ist dadurch schwer gestört. Im versalzenen Grundwasser sterben Pflanzen ab. Aber solche Fakten sind im PR-Krieg nicht unbedingt erwünscht. Sopac-Experte Webb sieht es pragmatisch: "Tuvalus starke Stimme hilft der ganzen Pazifikregion. Die Bedrohung ist real."

Es ist Abreisetag auf Funafuti. Die Japanerinnen kaufen vor der Flughafenbaracke Muschelketten und fotografieren sich gegenseitig. Der kalifornische Wissenschaftler strahlt, schüttelt Hände. Die Fragebögen für die Datenbank seien so gut wie fertig, verkündet er. Ein großer, schwerer Mann im frisch gebügelten Hawaiihemd checkt sein Gepäck ein: Der Finanzminister Tuvalus muss zu einer Konferenz nach Brüssel. Danach wird er sich um den "Global Environmental Fund" kümmern, den die Vereinten Nationen den 14 vom Klimawandel betroffenen Pazifikstaaten als Geldspritze zukommen lassen. Wie viel davon erhält Tuvalu? "Wir sollten an der Spitze stehen", sagt der Minister.

Das Flugzeug landet. Es spuckt wieder Weiße aus. Ein Fotograf, eine Soziologin, zwei Volunteers, die Bäume pflanzen wollen. The show must go on.

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