Surferfotograf Tim McKenna "Es ist erstaunlich, dass nicht mehr passiert"

Perfekte Welle Teahupoo: Fotograf Tim McKenna hat sich auf Bilder todesmutiger Surfer spezialisiert. Im SPIEGEL ONLINE-Interview erklärt er, wie er mit den Risiken seines Berufs umgeht, warum er für eine Welle nach Tahiti zog – und wo er in Deutschland surfen geht.

Frage: Herr McKenna, was macht Ihre Lieblingswelle Teahupoo so besonders?

McKenna: Wellen faszinieren mich seit meiner Kindheit, doch als ich Teahupoo zum ersten Mal sah, wusste ich sofort, dass es eine ganz besondere Welle ist. Es war quasi Liebe auf den ersten Blick. Die Farben, diese Tube, und dazu landwärts als Kontrast die grün bewachsenen, schroffen Vulkanfelsen. Das ist atemberaubend.

Frage: Sie sprechen von der Tube - ein Begriff, den nicht jeder kennt.

McKenna: Die Tube ist der Tunnel, der sich in der brechenden Welle bildet. In diesem Tunnel zu surfen - das ist der ultimative Kick. Es sind vielleicht nur zwei Sekunden, in denen die Wassermassen über den Kopf des Surfers rollen, doch es fühlt sich an wie zwei Minuten. Das Adrenalin schießt in den Körper und verzerrt die Wahrnehmung. Meine Bilder sprechen da hoffentlich für sich.

Frage: Sie schwärmen ja in den höchsten Tönen...

McKenna: Ich glaube, Teahupoo ist der Platz auf der Erde, der dem Paradies am nächsten kommt.

Frage: Wie haben Sie dieses Paradies überhaupt entdeckt?

McKenna: Ich sollte Surffotos für einen meiner Auftraggeber schießen. Einer der Surfer war Tahitianer. Er führte uns an einem herrlichen Tag zu Teahupoo. Das ist jetzt rund zehn Jahre her und ich staunte damals nur: Wie kann ein so schöner Ort so einsam sein? Außer uns war damals niemand im Wasser, obwohl man vom Flughafen in Papeete nur rund 45 Minuten fahren muss.

Frage: Bei aller Schönheit der Welle - in ihr hat auch schon ein Surfer den Tod gefunden.

McKenna: Ja leider. Brice Tarea. Es passierte 2000, ich war an dem Tag nicht da. Allerdings habe ich schon einige üble Unfälle, sogenannte "Wipe-Outs" mitgekriegt. Leute, die am Riff aufgeschlitzt wurden und heftig bluteten. Es ist erstaunlich, dass nicht schon mehr passiert ist. Die Top-Surfer, die sich in die großen Wellen trauen, können das Risiko Gott sei Dank ziemlich gut kalkulieren.

Frage: Kelly Slater, der neunfache Surfweltmeister, ist genau wie Sie total von Teahupoo fasziniert.

McKenna: Das stimmt. Kelly hat 1998 mit dem professionellen Surfen aufgehört. Er hatte alle Titel der Welt gewonnen, war schon fünf Mal Weltmeister und sah keine sportliche Herausforderung mehr. Dann wurde Teahupoo populär und es gab dort einen Wettkampf. Das reizte ihn und so kehrte er zurück. Das war Ehrensache.

Frage: Sie haben Slater, Laird Hamilton und viele andere Stars in der Welle fotografiert - steigen Sie auch selber noch aufs Brett?

McKenna: Ich habe die Welle gesurft - an Tagen, wenn sie nicht so gigantisch ist. Aber mir hängen dann zu viele Surfer in der Brandung rum. Ich bin mit dem Fotografieren glücklich.

Frage: Wieso haben Sie sich auf Surffotografie spezialisiert?

McKenna: Zunächst mal war ich selbst begeisterter Surfer. Außerdem haben mich die Fotos in Surfmagazinen fasziniert. Große, packende Bilder. Nichts hat auf mich vergleichbare Anziehungskraft. Fußball- oder Basketballfotos stecken natürlich auch oft voller Dynamik, aber an Surffotos kommt nichts heran.

Frage: Wann wurde Ihnen klar, dass Sie mit Ihrer Leidenschaft Ihren Lebensunterhalt verdienen können?

McKenna: Das hat ein bisschen gedauert, denn ich wollte eigentlich Französischlehrer werden. Ich bin in Frankreich aufgewachsen und habe an den Universitäten von Bordeaux und später im australischen Queensland studiert. Als ich fertig war, wurde mir schnell klar, dass ich mein Leben nicht im Klassenzimmer verbringen wollte.

Frage: Sondern in den großen Wellen der Welt?

McKenna: Ich hatte Glück, dass die Abenteuersportarten boomten, als ich vor 20 Jahren meine Fotos Magazinen und Agenturen anbot. Auch viele Firmen wuchsen damals, und sie brauchten Bilder. Die Marke Oxbow hat mich damals engagiert - sie schickten mich um die ganze Welt. Das war der Startschuss für meine Karriere.

Frage: Wenn man Ihre Bilder sieht, glaubt man, dass sich auch der Fotograf in Lebensgefahr begibt, um nah genug dran zu sein...

McKenna: Natürlich ist es gefährlich, aber ich entscheide je nach den Bedingungen, ob ich mit dem Motorboot raus fahre, aus dem Hubschrauber fotografiere oder selbst in die Welle schwimme. In diesem Fall ist meine Kamera in einer leichten, wasserdichten Box, und ich kann sie wie eine Pistole in die Richtung des Surfers halten. Ich verwende dann ein Fischauge als Objektiv, so dass von zwei Metern bis Unendlich alles scharf ist. So entsteht diese Nähe. Während ich auslöse denke ich allerdings ständig daran, wie ich unbeschadet aus der Welle heraus tauchen kann.

Frage: Haben Sie schon wertvolles Material verloren?

McKenna: Schon, aber nicht in Teahupoo. Ich habe großen Respekt vor dieser Welle und bin dort besonders vorsichtig. Andere Fotografen haben dort schon alles Mögliche verloren, Foto-Ausrüstung für mehrere tausend Dollar.

Frage: Was war für Sie der gefährlichste Moment Ihrer Karriere?

McKenna: Im April hat eine Welle mich und zwei andere auf einem Boot vor Tahiti versenkt. Die Welle kam aus dem Nichts. Einer meiner Freunde wurde bei dem Unfall schwer verletzt, ich hatte Glück. Einige Jetskifahrer haben uns aus dieser unangenehmen Lage gerettet. Das ist unser Berufsrisiko.

Frage: Bei aller Gefahr - Sie lieben diese Welle so sehr, dass Sie mit Ihrer Frau von Australien nach Tahiti gezogen sind...

McKenna: Die Welle hat mich immer wieder magisch angezogen, und mittlerweile leben wir seit fünf Jahren in ihrer Nähe. Wir wollten Kinder, und da ich beruflich jedes Jahr drei bis vier Monate auf Tahiti verbrachte, war dieser Schritt nur konsequent. Meiner Frau war der Umzug sowieso Recht. Sie stammt von der Insel La Réunion, sie ist ein Inselmädchen und das ist ihre Welt.

Frage: Was macht die Mentalität der Menschen in dieser Welt aus?

McKenna: Tahiti ist nichts anderes als ein Vulkan mitten im Ozean. Die Menschen, die dort überlebten, mussten sich über Jahrhunderte mit den Naturgewalten arrangieren. Das hat ihre Kultur geprägt. Sie sehen die Welt mit eigenen Augen, erklären sie mit ihren Göttern. Meine eigene Lebenseinstellung finde ich bei ihnen besser wieder als in irgendeiner reichen Nation der Ersten Welt.

Frage: Die Industriestaaten beeinflussen das Weltklima. Wie nah geht Ihnen der Klimawandel?

McKenna: Ich lebe seit 20 Jahren mit und in der Natur. In meinem Buch zeige ich einen winzigen, sehr schönen Ausschnitt davon. Je mehr schöne Ausschnitte man von unserem Planeten kennt, umso klarer wird, wie wichtig es ist, seine Existenz zu schützen. Natur ist vergänglich, aber wir müssen alles dafür tun, diesen Prozess der Vergänglichkeit aufzuhalten.

Frage: Sie haben viele Extremsportgebiete der Welt bereist - wo muss man unbedingt mal gewesen sein?

McKenna: Es gibt zu viele schöne Flecken, um sich auf ein, zwei zu reduzieren. Meine Heimat Australien bietet unheimlich viel, ich kann aber auch beim Snowboarden im Kaukasus oder in Kanada großes Glück empfinden. Wenn man mit ein paar einheimischen Guides via Helikopter auf einen schneebedeckten Gipfel irgendwo im Nirgendwo geflogen wird, ist das immer atemberaubend. Und man muss die Welle von München gesehen haben.

Frage: Die Welle von München?

McKenna: Ja. Ich habe vor ein paar Tagen die Welle im Eisbach gesehen und bin begeistert. Im Ozean wartet man manchmal eine Ewigkeit, um eine tolle Welle zu reiten. Im Eisbach können die Surfer jeden Tag stundenlang an Ihrer Technik feilen. Die Welle von München ist toll!

Das Interview führte Patrick Kiefer

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