Interview mit Survival-Trainer "In der Wildnis lernt man, einfache Dinge zu schätzen"

Feuer, Schutz, Wasser und Nahrung - das benötigt man in der Natur zum Überleben. Sagt Creek Stewart. Der US-Survival-Trainer über die Entfremdung von der Natur, den größten Fehler und die wichtigste Fähigkeit in der Wildnis.
Creek Stewart

Creek Stewart

Foto: Creek Stewart
Zur Person
Foto: Creek Stewart

Creek Stewart, Jahrgang 1976, wurde in Indiana, USA geboren und lehrt seit 21 Jahren Survival-Kurse, in denen er Menschen beibringt, in Extremsituationen zu überleben. Im US-TV läuft derzeit die zweite Staffel seiner Serie "SOS: How to Survive".Creek Stewart 

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie ein MacGyver-Fan?

Creek Stewart: Als Kind habe ich die TV-Serie geliebt, ich bin damit aufgewachsen.

SPIEGEL ONLINE: Sie basteln zum Beispiel aus einem Strohhalm einen Fischköder und nutzen so - ähnlich wie der TV-Star - Alltagsgegenstände, um sich in schwierigen Situationen zu helfen.

Stewart: Genau, "survival"- also die Überlebenskunst, die ich lehre - hat sehr viel mit Improvisation und Kreativität zu tun. Du benutzt, was du hast, um zu bekommen, was du brauchst. Um mich herauszufordern, bin ich immer wieder in die Natur gegangen mit nur drei von den vier überlebenswichtigen Dingen: Feuer, Schutz, Wasser und Nahrung. Das jeweils Fehlende musste ich dann immer finden.

Fischköder aus Plastikstrohhalm

Fischköder aus Plastikstrohhalm

Foto: Creek Stewart

SPIEGEL ONLINE: Seit 21 Jahren bringen Sie Menschen bei, in der Natur zu überleben: Was fasziniert Ihre Schüler am "survival"?

Stewart: Sobald du aus deiner Komfortzone heraus trittst, passiert etwas Gutes. Viele meiner Kursbesucher wollen aus ihrer Routine heraus. Raus aus der Alltagsumgebung, raus aus dem Büro, raus aus der Stadt. Die Natur gibt ihnen neue Energie. Heute kommen wir überhaupt nicht mehr in Kontakt mit ihr, haben keine Ahnung von grundlegenden Survival-Kompetenzen und bezahlen Leute für Wasser, Nahrung und Unterkunft. In der Wildnis zu sein lehrt dich, einfache Dinge zu schätzen.

SPIEGEL ONLINE: Was genau bewirkt das Survival-Training?

Stewart: Zeit in der Natur zu verbringen, ist immer gesund - das ist mein körperliches Training. Survival-Trips schärfen deine Sinne, deine Muskeln und deine Disziplin. Außerdem erfüllt es dich, nicht den Wasserhahn zu öffnen, um Wasser zu trinken, oder Speisen aus der Mikrowelle zu holen. Baust du aber draußen deinen eigenen Unterschlupf, entzündest ein Feuer und suchst dir Wasser und Nahrung, gehst du mit dem erfüllten Gefühl schlafen, dass du etwas geleistet hast. Wirklich für sich selbst zu sorgen, ist sehr ermächtigend.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht sehr unwahrscheinlich, überhaupt mal in so eine Extremsituation zu geraten?

Stewart: Ich habe eine TV-Show, in der wir Überlebensszenarien analysieren, die wirklich passiert sind. Nehmen wir beispielsweise Naturkatastrophen: Sie können Menschen aus dem Nichts aus der modernen Gesellschaft in ein solches Szenario werfen. Grundlegende Survival-Kompetenzen werden also wichtiger. Nicht für drei Wochen in der wilden Natur, aber für das Überleben von kurzzeitigen Extremsituationen von ein paar Stunden oder Tagen, die immer wieder passieren.

SPIEGEL ONLINE: Ist so ein Survival-Kurs nicht trotzdem eher etwas für Menschen, die einfach nur Lust auf Abenteuer haben?

Stewart: Survival macht auch Spaß. Und wenn ich ehrlich bin, wollte ich anfangs auch nur wie Rambo durch den Wald rennen. Was ich aber lehre, sind echte Kurzzeit-Szenarien, echte Fähigkeiten. Es ist wie beim Laufen: Du kannst einen Marathon im Kopf so oft laufen, wie du willst, aber für einen echten musst du viel üben. Aber klar, andere Teile der Survival-Industrie leben von dieser Kindheitsfantasie oder auch von Ängsten rund um Verschwörungstheorien und angeblichen Bedrohungen aus dem All.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange würde ich als verwöhnter Durchschnittseuropäer denn in einem Überlebensszenario durchhalten?

Stewart: Die meisten denken als Erstes: Wie soll ich bloß Nahrung in der Natur finden. In Extremsituationen können Menschen aber drei Wochen ohne Nahrung überleben, aber nur drei Stunden ohne Schutz und drei Tage ohne Wasser. Um diese drei Dinge zu finden, brauche ich natürlich bestimmte Kompetenzen. Diese kann ich nicht intuitiv, ich muss sie lernen. Ein Durchschnittseuropäer würde also nicht sehr lange in extremen Bedingungen - etwa in der Wüste oder im Schnee - überleben. Maximal ein paar Tage.

SPIEGEL ONLINE: Welche Fehler begehen Menschen am häufigsten in Notsituationen?

Stewart: Sie irren umher. Man sollte erst mal bleiben, wo man ist, und auf Hilfe warten. Bewegt man sich weiter, kann man sich verletzen, noch mehr verlaufen und man wird schwieriger gefunden. Aber auch wenn ich an einem Ort bleibe, brauche ich Fertigkeiten, um für Schutz, Wasser und Essen zu sorgen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Survival-Anleitungen klingen ungemein kompliziert: Welche Fähigkeit ist am wichtigsten?

Stewart: Feuer machen. Feuer hält dich warm, und du brauchst erst mal keine Unterkunft. Es säubert unreines Wasser, kocht Nahrung und spendet Licht in der Nacht. Wenn du aber in den Wald gehst und zwei Stöcke aneinander reibst, kannst du lange auf Funken warten. Das braucht jahrelange Übung und passende äußere Umstände. Ich zeige so etwas nur, damit die Leute realisieren, dass sie niemals in eine Situation geraten sollten, in der sie auf diese Kunst angewiesen wären. Deshalb ist der simpelste Trick gute Vorbereitung. Man sollte immer einen Notfallrucksack mit Wasser, Essen, Messer und Feuer zu Hause parat oder auf einem Trip dabei haben.

Video: Der Waldwanderer

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