Swinda Unzipped "Ich kann mich erfinden"

Früher machte sie Kleider aus Kresse, heute sind es Mäntel aus Reißverschlüssen und Kostüme für Independent-Film-Produktionen: Die Designerin Swinda Reichelt aus Babelsberg liebt ihr neues Zuhause in Los Angeles. Es sei ein bisschen so, wie früher im Osten.

Von Henryk M. Broder


"Swinda unzipped": Reißverschluss-Kreationen für 2000 Dollar das Stück
Henryk M. Broder

"Swinda unzipped": Reißverschluss-Kreationen für 2000 Dollar das Stück

An dem Tag, an dem in Berlin die Mauer aufging, saß Swinda Reichelt im Neuen Theater in Halle und schaute sich eine Aufführung des Dramas "Bernarda Albas Haus" von Federico García Lorca an, in der Regie von Frank Castorf, ein Stück über eine despotische Mutter, die ihre fünf Töchter im Haus einsperrt.

"Plötzlich wurde die Vorstellung unterbrochen, Peter Sodann, der Intendant, kam auf die Bühne und sagte: Die Schauspieler sind nicht in der Lage weiter zu spielen." Im Raum war Stille. "Man hörte nur ein paar Leute schluchzen. Keiner bewegte sich." Dann gingen alle heim, Swinda und ihre Freunde trafen sich in der Theaterkneipe "Striese", um "auf die Freiheit anzustoßen".

Das ist jetzt fast 15 Jahre her, wir sitzen in der "Jin Patisserie" in Venice beim "Afternoon Tea" mit Scones, Tartlets und Pastries und können es nicht fassen. 15 Jahre!

Von Krankenschwester zur Designerin

Swinda, 1966 ("im Jahr des Schwarzen Pferdes") in Babelsberg geboren, wurde von ihrer Mutter nach der Gotenkönigin Amalaswintha genannt. "Ich weiß nicht, was sie sich dabei gedacht hat. Vielleicht: 'Alles, nur nicht Rosa oder Klara'." Swinda wollte nach der Polytechnischen Oberschule Schauspielerin werden, machte dann aber eine Ausbildung zur Krankenschwester ("Kinderdiakonin") im Bodelschwinghaus in Wolmirstedt bei Magdeburg und anschließend gleich noch eine Lehre als Gewandmeisterin bei einem privaten Schneidermeister.

Designerin Swinda Reichelt: "Ich liebe Mäntel, das Wehende, das hat was Majestätisches"
Henryk M. Broder

Designerin Swinda Reichelt: "Ich liebe Mäntel, das Wehende, das hat was Majestätisches"

Seit 1986 arbeitete sie frei in einem Beruf, den es in der DDR so nicht gab: als "Designerin"; sie entwarf "verrückte Röcke und Mantel in knalligen Farben, um etwas Abwechslung ins Leben zu bringen". Ihre Abnehmer waren private Boutiquen und kleine Theatergruppen. Nebenbei stand sie Nacktmodell an der Kunsthochschule, "das wurde damals gut bezahlt".

Ihren ersten spektakulären Auftritt nach der Wende hatte sie im Sommer 1991 bei der "Avantgarde-Modenschau in Westberlin", wo sie Hüte und Kleider aus Kresse präsentierte, die zu Gunsten der Aids-Hilfe versteigert wurden. "Die Leute sind von den Stühlen gefallen." Sie machte in Kreuzberg eine Boutique unter dem Namen "Swinda" auf, in der sie "relativ normale und tragbare Sachen" anbot, vor allem Mäntel. "Ich liebe Mäntel, das Wehende, das hat was Majestätisches."

Tagsüber schneiderte sie und nachts kellnerte sie in einer Kneipe am Görlitzer Bahnhof. "Ich hatte schon als Kind gelernt, mich durchzuschlagen." Sie war vier Jahre alt, als sie die Mutter eines anderen Kindes im Kindergarten fragte: "Möchtest du meine Mutter werden?" Die Frau, Inge Götze, eine Professorin an der Kunstakademie, war so beeindruckt, dass sie "Ja" sagte. "Ich wurde ihr drittes Kind. Inges Haus war bunt, voller asiatischer und orientalischer Dinge."

Kostüme für die Gay Parade

Ungefähr so, wie das Haus, das Swinda mit ihrem Mann Simon jetzt in Venice bewohnt. Das Haus ist kaum größer als eine Datsche, dafür stehen Palmen im Garten, zum Pazifik sind es fünf Minuten zu Fuß und anders als in Halle scheint fast jeden Tag die Sonne. "Ich liebe es hier!"

 "Brunch-Sale" in Swindas Garten: "Die Amis lieben so was, es bleibt nichts übrig"
Alexander Gorski

"Brunch-Sale" in Swindas Garten: "Die Amis lieben so was, es bleibt nichts übrig"

1992 kam Swinda zum ersten Mal in die USA, um bei einer Freundin ihrer Mutter in Berkeley Kinder zu hüten. Außer "Hallo" und "Thank you!" sprach sie kein Wort Englisch. "Die Kinder haben mir die Sprache beigebracht, und ich sang ihnen ostdeutsche Kinderlieder vor."

Dann übte sie mit den Kindern kleine Stücke im Kindergarten ein und bastelte dazu die passenden Bühnenbilder und Kostüme. So fing alles an. "Es sprach sich rum, was ich machte. Das geht schnell in Amerika." Bald machte sie Kostüme für Halloween und die Gay Parade in San Francisco.

Nach einem Jahr, Mitte 1993, fuhr sie zurück nach Berlin. "Ich habe es bitter bereut. Ich war in Deutschland nicht mehr zu Hause." Aber sie blieb, schneiderte Kostüme für Off-Off-Bühnen und kellnerte, wenn das Geld nicht reichte. Jedes Jahr kam sie für ein paar Wochen nach Amerika, reiste kreuz und quer durch das Land und lernte 1998 in einem Café in Los Angeles Simon kennen, einen Australier, der vor über 20 Jahren eingewandert war. "Er macht funktionale Kunst am Bau, im Bau, um den Bau herum."

Am letzten Tag des Jahres 2000 heirateten Swinda und Simon. Inzwischen versteht er ein wenig Deutsch und sie spricht fließend Englisch. Arbeit hat sie mehr als genug, sie entwirft Kostüme für Independent-Filme. Obwohl es Low-Budget-Produktionen sind, wird sie ordentlich bezahlt. Und einmal im Jahr macht sie in ihrem Garten einen "Brunch-Sale", lädt alle Nachbarn, Freunde und Bekannten ein und verkauft die Kleider und Kostüme, die als Requisiten ausgedient haben. "Die Amis lieben so was, es bleibt nichts übrig."

Brautkleid aus Reißverschlüssen

Vor zwei Jahren fuhr sie nach Australien, um die Familie ihres Mannes kennen zu lernen. Und als die wieder nach Los Angeles kam hatte sie "zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl: Das ist jetzt mein Zuhause".

Swinda mit ihren Kreationen: Kostüme für Independent-Filme
Henryk M. Broder

Swinda mit ihren Kreationen: Kostüme für Independent-Filme

Was ist es, das dieses Gefühl auslöst? "Ich weiß es nicht. Es sind nicht die Amerikaner, obwohl sie nett und hilfsbereit sind." Auch nicht die Politik der Bush-Regierung. "Grauenhaft. Ich bin sprachlos." Von der deutschen "Community" hält sie sich auch fern. "Wenn ich Bratwürste und Sauerkraut lieben würde, wäre ich nicht hergekommen."

Wahrscheinlich ist es dies: Sie kann machen, was sie will, was ihr Spaß macht und davon leben. Die Hüte und Kleider aus Kresse waren nur eine verrückte Idee, die Mäntel aus Reißverschlüssen, die sie jetzt macht, sind das auch, aber für solche Produkte gibt es in LA ein Publikum. Die Reißverschluss-Kreationen ("Swinda Unzipped") werden in der Galerie "Sculpture To Wear" (Skulpturen zum Tragen) ausgestellt, drei wurden schon verkauft, für 2000 Dollar das Stück. Ein neues Museum für Handwerk und Design in San Francisco hat sie eingeladen, sich an einer Ausstellung zum Thema "Hochzeit" zu beteiligen. Sie wird ein "weißes Brautkleid aus Reißverschlüssen" ausstellen.

Swinda ist zufrieden. "Ostalgie" ist ihr ein Fremdwort, "Jammerossi" auch. "Es ist so: Ich kann einen Mantel erfinden, ich kann ein Kleid erfinden, ich kann mich erfinden. Ein bisschen so, wie früher im Osten."



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