Sydney Road in Melbourne Wo Vintage-Träume wahr werden

Ein Minikleid in Orange, glitzernde Boots oder ein Kimono? In der Sydney Road von Melbourne gibt es alles - als Secondhand. Neues interessiert die Shopper hier nicht. "Zu clean", sagen sie.

Carolin Wahnbaeck

"Dieser Kimono ist wunderschön, den muss ich haben!", ruft Paige Dabonde aus und hält das Teil hoch - es leuchtet in allen Farben des Regenbogens. Die junge Frau ist mit ihrer Schwester und einer Freundin auf dem Weg zum Grampians-Musikfestival in der Nähe von Melbourne und auf der Suche nach ein paar ausgefallenen Klamotten.

"Hier auf der Sydney Road gibt es einfach die beste Auswahl", sagt Paige und läuft zur Kasse. Zehn australische Dollar, umgerechnet gut sechs Euro - und der Kimono ist ihrer. So wie sie sind in der Straße im Melbourner Stadtteil Brunswick viele "op-shoppers" unterwegs, also Leuten, die nach günstigen Vintage-Klamotten, abgelegten Designerkleidern oder einfach umweltfreundlicher Secondhandmode suchen.

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Sydney Road: Das Vintage-Paradies von Melbourne

Im Vinnies, wo Paige fündig wurde, bietet schon der Zwei-Dollar-Ständer alles, zumindest alles für einen sehr eigenen Stil. "Mix'n Match" ist hier die Devise: bronzefarben glitzernde High Heels zu blumigen Röcken - klar geht das. Aber schwere Boots zu schwarzer Jeans genauso. "Unser Konzept ist 'pre-loved to re-loved' - Kleidung, die geliebt wurde, bewahren wir hier vor der Müllkippe", sagt Morteza Raffei.

Der Rentner mit schwarzer Brille und türkisfarbenem Schal zu kariertem Hemd arbeitet als Freiwilliger in dem Laden, der von der kirchlichen St. Vincent de Paul Society betrieben wird. Die Profite der rund 650 australischen Vinnie-Läden gehen an Flutopfer in Queensland, Feuersbrunst-Obdachlose auf Tasmanien oder die unter Dürre leidenden Bauern Australiens.

Das nachhaltige Fashion-Utopia

Längst gilt die Textilbranche mit ihrem gigantischen Verbrauch an Fasern, Wasser, Chemie und Energie als eine der schmutzigsten Industrien der Welt. Die überwiegend billige Fast Fashion wird im Schnitt lediglich zwei- bis dreimal getragen und dann meist weggeworfen. Ein Ende ist nicht in Sicht: Der Report "Pulse of the Fashion Industry" schätzt, dass der Kleidungskonsum bis 2030 weltweit um 63 Prozent zunehmen wird.

Dagegen nimmt sich Sydney Road zwischen Brunswick Road und Victoria Street wie ein nachhaltiges Fashion-Utopia aus: Hier reihen sich auf wenigen Hundert Metern mehr Secondhandläden aneinander als solche mit neuer Kleidung. Dazwischen gibt es jede Menge Cafés mit wackelnden Flohmarkttischen, Bars mit Livemusik, italienische Lebensmittelläden und arabische Metzgereien.

Junge Leute drängeln sich auf den schmalen Bürgersteigen, mal sind sie kahl rasiert, mal sind ihre Haare grün gefärbt, in Stricktops, gepunkteten Hosen oder barfuß. Nur Anzüge sieht man nicht - höchstens bei Immobilienmaklern, die Brunswick ebenfalls entdeckt haben. Aber noch leidet die Energie der Sydney Road nicht an Gentrifizierung.

Im nächsten Schaufenster hängen eine Buchstabengirlande, die den Namen des Shops bilden: "Brunswick Style" - und bunte Hawaii-Herrenhemden für umgerechnet 22 Euro. "Wir versuchen, auch für die Männer etwas anzubieten", sagt Cameron Graetz, einer der Eigentümer des Ladens. "Und zwar bunte, bedruckte Sachen. Denn einfarbig gibt's überall." Doch auch Kleider, Blusen, Röcke hängen zu Hunderten auf den Ständern.

In einer Ecke zieht sich Logan Trask ein mit Rüschen besetztes, rosafarbenes Nachthemd über. "Vintage-Kleider haben einfach alle eine Geschichte. Neue Sachen interessieren mich nicht mehr, die sind mir zu clean", sagt die junge US-Amerikanerin. An der Kasse nimmt Graetz sogar die winzigen Papier-Preisschilder ab, um sie wiederzuverwenden. "Wir versuchen, so nachhaltig wie möglich zu sein", sagt er.

Secondhandshop im Boutique-Style

Ein paar Meter weiter hat Anfang Februar "Mutual Muse" aufgemacht - und wirkt im Vergleich geradezu leer. Weiße, leere Wände, Betonboden, übersichtlich bestückte Kleiderständer: je einer mit blauen Jeanshemden, mit weißen Blusen, mit dunklen Hosen oder edlen Kleidern. Sieht eher nach Boutique aus - eine Boutique der Gebrauchtwaren.

"Wir haben vor allem australische und neuseeländische Designer. Und wir wollen kein Polyester, sondern eher Baumwolle oder holzbasierte Fasern, wegen der Umwelt und des Tragekomforts", sagt Emma Barton, die hinter der Kasse steht. Die Preise sind dementsprechend höher: Blusen und Hosen ab umgerechnet 20 Euro, Kleider eher doppelt so viel.

"Buy - Trade - Sell" ist das Konzept des Ladens: Jeder kann hier Käufer und Verkäufer zugleich sein. Wer seine aussortierte, saubere Kleidung vorbeibringt, erhält entweder sofort 30 Prozent auf den Verkaufspreis der akzeptierten Stücke - oder 50 Prozent als Gutschein im Laden.

Ein ganz anderes Konzept verfolgt "Scavengers" - übersetzt etwa "Lumpensammler". Das Ladenschild wirkt handgemalt, die blau gestrichenen Wände auch. Schrille Kleider in Pink, Rot oder Metallic-Blau hängen unter der Decke, neben einem sehr perlenreich besetzten Brautkleid. Gebrauchte Stehlampen werfen gemütliches Licht auf Stiefel und Fußballschuhe, Upcycling-Ohrringe und Kunstledertaschen.

"Wir kaufen unsere Ware auf Gebrauchtwaren-Märkten oder als Altkleiderballen. Was nicht passt, spenden wir. Wir wollen die Kleidung im Kreislauf halten", sagt Verkäuferin Juules Evans. Entsprechend günstig kann man hier einkaufen, die Preise sind ähnlich wie bei "Brunswick Style".

Der Nachschub ist gesichert

Wem das noch zu teuer ist, geht einmal über die Sydney Road rüber - zu "Savers - the recycle superstore". Der Name hält, was er verspricht: Die große, schmucklose Halle in leicht angegilbtem Beige hat rund 100.000 Kleidungsstücke im Angebot. Es läuft keine Musik, dafür hört man endlos Bügel klicken - von den vielen Kunden, die sich durch die langen Reihen arbeiten.

Roxanne Steers und Maddy Aylett aus Tasmanien sind zwei von ihnen - sie ziehen eher punkige T-Shirts heraus. "Wo ich herkomme, gibt es nur zwei Läden - alle haben das Gleiche an. Hier findet man Sachen, die sonst keiner hat. Und man wird nicht abgezogen", sagt Maddi. Tatsächlich kosten Baumwoll-T-Shirts meist 1,80 Euro, Kindershorts 1 Euro. Und wer heute nichts findet, hat sicher morgen Glück: Jeden Tag hängen hier 5000 neue Teile im Laden.

Denn am Hintereingang der Halle werden ununterbrochen Altkleider gespendet - an die NGO "Diabetes Australia", die die Ware direkt an "Savers" weiterverkauft. Und was sich als Ladenhüter entpuppt, wird nach einer Weile aussortiert. Denn: Nachschub gibt es in Zeiten von Fast Fashion mehr als genug.



insgesamt 3 Beiträge
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dasfred 22.03.2019
1. Tolle Idee
Bis vor zwanzig Jahren waren in Hamburg die Secondhand Shops meine erste Wahl. Nicht allein wegen der Preise, sondern weil es eine Fülle an Einzelstücken aus jeder Region dieser Welt und vielen Jahrzehnten gab. So konnte ich für jeden Anlass besondere Outfits zusammenstellen. Leider ist bei meinem heutigen Umfang die Auswahl nur noch extrem begrenzt. Ich empfehle aber jedem und jeder, zumindest mal einen Versuch, wenn man was besonderes sucht.
ManRai 22.03.2019
2. Vintage in Australien
In Fremantle - nahe Perth - gibt es in einer Strasse Geschäfte mit Vintage Musik Angeboten, von Riesen Musiktruhen mit Tonband, Plattenspieler usw zu 8 Spur Geräten und Bändern, von Schallplatten (aber die sind ja überall am Kommen) bis Kassetten....hatte leider kein eigenes Frachtschiff dabei :-(
thequickeningishappening 22.03.2019
3. Ich lebte in Den Achtzigern ne Zeit lang in Brunswick
Der Name kommt uebrigens von Braunschweig. Faehrt man Die Sydney Road weiter hoch dann kommt man nach Coburg. Weitere Suburbs mit deutschen Namen sind Heidelberg und Altona.
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