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Día in Mexiko: Den Tod umarmen

Foto: CARLOS JASSO/ REUTERS

Mexiko Was ich am Tag der Toten übers Leben lernte

Partys auf Friedhöfen, Straßenparade mit Sensenmann: In Mexiko gleicht der Tag der Toten einem fröhlichen Volksfest. Was sich makaber anhört, ist nichts anderes als eine Verneigung vor dem Leben.

Es ist mitten in der Nacht - und trotzdem ist auf den Straßen in Tlaquepaque, einem Vorort von Guadalajara, buchstäblich die Hölle los. Geschminkte Kinder hüpfen mit Totenköpfen aus Marzipan und Zuckerguss vor uns herum. Und gerade ist der Catrina-Umzug an uns vorbeigezogen, für den sich Frauen und Mädchen als Skelette verkleidet haben.

Jetzt, in der Nacht, treffen sich die Familien auf Friedhöfen, um ihren Verstorbenen Geschenke zu bringen, gemeinsam mit ihnen zu essen und Musik zu hören. Schließlich besagen die Legenden, dass die Toten alles genießen können, was sie zu Lebzeiten gerne mochten.

Diesen Ansatz finde ich sehr tröstlich und schön. Ich kann mir gut vorstellen, mit meinen Eltern am Grab meines Großvaters zu sitzen, dort sein Lieblingsgericht, Handkäs mit Musik, zu essen und einen Äppelwoi auf ihn zu trinken. So etwas in die Tat umzusetzen, mutet mir allerdings unvorstellbar an. Warum eigentlich?

In Mexiko werden zum Día de los Muertos, dem Tag der Toten, in den Wohnungen und auf der Straße Ofrendas aufgebaut: bunte Altäre mit Porträts von Verstorbenen. Sie sind geschmückt mit gelben Ringelblumen und bestückt mit allem, was die Toten im Jenseits vermissen könnten. Auch eine Flasche vom Agavenschnaps Mezcal steht meist dort, außerdem allerlei Süßes und das Totenbrot Pan de Muertos.

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Die Auseinandersetzung mit dem Tod findet in Mittelamerika auf der Straße statt und ist damit so offensiv, dass sie mich erst mal befremdet. Zu realistisch sind die Bilder der Verstorbenen, zu sehr erinnern sie mich an Dinge, die ich eigentlich lieber verdränge.

In unserer Gesellschaft passt die Trauer nicht in den Alltag, in dem wir funktionieren müssen. Der mexikanische Tag der Toten holt das Sterben ins Leben. Würde so ein offener Umgang mit der eigenen Vergänglichkeit auch in Deutschland funktionieren?

Anders als bei uns gedenkt man der Toten in Tlaquepaque nicht in aller Stille, sondern feiert sie lautstark - und gleichzeitig das Leben. An beinahe jeder Ecke steht eine Mariachi-Band und spielt diese wunderbare Musik, die gleichzeitig traurig und fröhlich ist. Zu den Klängen tanzen die Mexikaner bis tief in die Nacht.

Es ist ein melancholisches, gleichzeitig auch ein lebensbejahendes Fest - was man sich kaum vorstellen kann, wenn man das Treiben nicht selbst gesehen hat. Vielleicht passt dieses Widersprüchliche in Wahrheit viel besser zum Tod eines geliebten Menschen. Schließlich kann die Erinnerung an schöne Erlebnisse mit ihnen ja auch dazu beitragen, das persönliche Leid der Trauer zu lindern.

Und ist es nicht auch sinnvoller, dem Tod mit Kraft und auf Augenhöhe zu begegnen, da er doch eh unausweichlich ist?

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Der Tod gehört zum Leben dazu wie die Geburt. Diesen Satz habe ich oft gehört. Meistens auf Beerdigungen. In Deutschland kam er mir meist vor wie eine leere Phrase, in Mexiko verstehe ich ihn plötzlich. Menschen aus Fleisch und Blut kostümieren sich wie Skelette, Kinder spielen mit Totenköpfen - eine ganze Gesellschaft umarmt so den Tod. So wird er leichter zu ertragen. Jedenfalls kommt mir das so vor, während ich dem Treiben um mich herum zusehe.

Der Día de los Muertos bietet die Möglichkeit, sich gemeinsam mit Familie und Freunden an die Verstorbenen zu erinnern. Und zwar so, wie sie im Leben waren, mit all ihren Fehlern, ihren Vorlieben, ihrem Lieblingsessen. Und vielleicht auch mit ihrem Lieblingsschnaps.

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