Dachterrasse des Emerson Hotels in Stone Town: Chillen bei Sonnenuntergang
Dachterrasse des Emerson Hotels in Stone Town: Chillen bei Sonnenuntergang
Foto: Andrew Morgan / Emerson / TMN

Tansanias Urlaubsinsel Sansibar Der »Wow«-Effekt

Sansibar blieb in den ersten Coronawellen geöffnet. Inzwischen gelten zwar Einreisebeschränkungen – aber die Pandemie hat der Insel Dutzende neuer Hotels und ungewöhnliche Events beschert.

Im gelben Anzug spielt der Geiger Buja Ali unter einem Mangobaum ein Lunch-Konzert für rund 20 Picknickgäste. Sie kommen aus Deutschland, Polen, den USA und der wenige Autominuten entfernten Hauptstadt Sansibar City. Einige von ihnen leben hier, die meisten sind im Urlaub – mitten in der Coronakrise.

Mwatima Juma ist die Chefin der Farm, die an diesem Tag die internationale Gästeschar empfängt. Auf Bastmatten und hübsch eingedeckten Paletten serviert sie ein Büfett landestypischer Swahili-Spezialitäten, von Bananen in Kokosnusssoße bis Hühnchen-Curry, alles aus eigener Zucht und eigenem Anbau.

Juma, 54, ist promovierte Agroökonomin – und ein Vorbild für viele. Sie organisiert auf der tansanischen Ferieninsel Sansibar eine Art grüne Kiste, einen Lieferservice für Haushalte und Hotels. Außerdem ist sie Mutter des neuen jungen Wirtschaftsministers Mudrick R. Soraga, der den Verkauf von Ferienwohnungen auf Sansibar mit Steuererleichterungen und Residenten-Visa ankurbeln will.

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Sansibar: Chillen auf Tansanias Urlaubsinsel

Foto: Giuseppe Maria Galasso / Getty Images

Eine grüne City namens Fumba Town nahe der Inselhauptstadt entsteht bereits. Gebaut wird sie von zwei Leipziger Brüdern, Sebastian und Tobias Dietzold, die nach der Wende als Missionarssöhne in Afrika aufgewachsen sind. Bei ihnen gibt es Studio Apartments schon ab 25.000 Euro zu kaufen. Statt Asphalt sind die Straßen aus Kopfsteinpflaster, damit Regenwasser in der Erde versickern kann. 94 Prozent des Abfalls sollen recycelt werden.

Ein weiteres Projekt der Dietzolds: An der Ostküste errichten sie moderne Ferienapartments in Öko-Holzbauweise für globale Nomaden rund um eine künstliche Lagune – mit Co-Working-Bereichen auf schattigen Dachterrassen. Die Wohnungen der ersten Bauphase von »The Soul« waren in wenigen Monaten ausverkauft. Nun kommen 70 weitere Apartments ab rund 60.000 Euro im beliebten Kitesurfer-Treff Paje auf den Markt.

Neue Regierungschefin verhängt schärfere Einreiseregel

Der ersten Coronawelle ist die halbautonome Insel im Indischen Ozean, die zu Tansania gehört, unbedarft begegnet: Von Januar bis März 2021 kamen laut Einreisestatistik 142.263 Touristen, mehr als je zuvor. Die meisten kamen ungetestet mit Sonderflügen aus Russland und anderen osteuropäischen Staaten.

Dann starben  der Vizepräsident Sansibars, Maalim Seif Sharif Hamad, und der Präsident Tansanias, John Magufuli. Der eine recht sicher und der andere mutmaßlich an Covid-19. Magufuli galt bei seinem Tod im März 2021 als einer »der bekanntesten Coronaleugner Afrikas«, sein Vorschlag in der Pandemie: gegen das Virus beten. Ab Mai 2020 hatte das Land keine neuen Infektionen mehr an die WHO gemeldet, der Präsident erklärte im Juni Tansania als Coronavirus-frei. Für Urlauber, die dennoch kamen, war das eine Reise ins Ungewisse mit einkalkuliertem Risiko.

Die derzeitige Regierungschefin Samia Suluhu Hassan, die nach dem Tod Magufulis antrat, vollzog schließlich eine Kehrtwende in Sachen Pandemie. Von der Serengeti bis Sansibar änderte sie die Einreiseregeln – schreibt allerdings genau wie Namibia und Südafrika keine Impfung vor. Wer derzeit an den Strand oder auf den Kilimandscharo will, muss lediglich einen negativen PCR-Test nicht älter als 96 Stunden vorlegen.

»Das tatsächliche Ausmaß des aktuellen Infektionsgeschehens in Tansania ist schwer einzuschätzen«, gibt das deutsche Auswärtige Amt aber noch immer in den aktuellen Reise- und Sicherheitshinweisen zu dem Land  an. Tansania ist derzeit als Hochrisikogebiet mit Reisewarnung eingestuft.

Gleichzeitig spekulieren Wissenschaftler, warum Afrika mit Ausnahme von Südafrika bisher relativ glimpflich durch die Coronapandemie gekommen ist. Der WHO-Repräsentant auf Sansibar, Ghirmay Andemichael, führt das vor allem auf eine extrem junge Bevölkerung, das warme Klima, andere Immunvoraussetzungen und fehlende Tests zurück.

75.000 Arbeitsplätze hängen am Urlaubsgeschäft auf Sansibar. Tests und Impfungen für die lokale Bevölkerung sind inzwischen eingeführt. Einiges ist also an die weltweite Pandemielage angepasst, die Umgangsregeln aber sind locker geblieben. Auch im zweiten Coronawinter müssen kaum irgendwo Masken getragen werden. Viele Hoteliers vermelden: ausgebucht.

Sundowner am gläsernen Pool

Bei tropischen Temperaturen um die 30 Grad Celsius findet ohnehin fast alles draußen statt, von Picknickausflügen bis zum Nachtleben, vom Bummel durch die Unesco-geschützte Altstadt bis zur Tour über Gewürzfarmen im Inselinnern. »Unsere Strände sind so einsam, dass wenige Kontakte die Norm und nicht die Ausnahme sind«, sagt etwa die Hotelchefin und Modedesignerin Francesca Scalfari.

Sansibar ist anders als die anderen, luxuriösen Inseln im Indischen Ozean, also die Malediven, Seychellen und Mauritius, sehr viel geerdeter. Man kann in Souvenirläden selbst gemachte Seifen aus Seegras kaufen, in Strandklubs Livemusik hören und auf historischen Dachterrassen arabisch-indischer Handelspaläste bei einem kühlen Wein den Sonnenuntergang genießen.

Die vielleicht schönsten dieser Terrassen gehören zur Emerson-Gruppe. Sie betreibt in der Altstadt zwei Boutique-Hotels und Restaurants mit roten Samtpolstern, traditionellen Menüs und Taarab-Musik. Keiner der 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurde während der Pandemie entlassen. 120 Jahre alte Holztreppen führen in die luftigen Gefilde über der Stadt.

Eine radikale Brücke in die Moderne schlägt dagegen das Hotel Upendo House. Zum Sundowner treffen sich dort am gläsernen Pool im fünften Stock junge Urlauberinnen und Urlauber aus aller Welt. Oft hört man das Wörtchen »Wow«, wenn der Blick zum ersten Mal über ein Meer von Wellblechdächern und den Ex-Sultanspalast House of Wonder (Beit-al-Ajaib) fällt, der 2020 in Teilen eingestürzt ist.

Die Unesco mahnte bereits an, dass die Erhaltung der historischen Stätten zu wünschen übrig lässt. Die meisten Reisenden kommen ohnehin wegen des Klimas und des Meeres. Vor allem entlang der Ost- und Nordküste umranden weiße Sandstrände und Korallenbuchten Sansibar.

Eine Zukunft zwischen Fünfsternehotel und Öko-Inseln

Sansibar dürfte eines der wenigen Urlaubsziele weltweit sein, dem die Pandemie Dutzende neuer Hotels und ungewöhnliche Events beschert hat. Das rumänische Sunwave-Elektromusik-Festival wurde im Juni 2021 komplett von Bukarest nach Sansibar verlegt.

Reisende, die es vor der Pandemie nach Bali zog, finden spirituelles Flair jetzt in Ostafrika, zum Beispiel im Hotel Sharazad mit Yoga-Plattform und Mondscheinmediationen im angeschlossenen Spa. Das wohl beste Hotel der Insel, das von einem Prager Unternehmer gebaute Fünfsternehaus Zuri Hotel & Spa, hielt sich während der Pandemie streckenweise mit Urlaubern über Wasser, die gleich im Privatjet einflogen. Inzwischen sind auch Pauschalreisen wieder möglich. Die TUI baut ihr Angebot auf Sansibar mit dem TUI Blue Bahari und einem Riu-Hotel aus, das gerade erweitert wird.

Der aus Finnland stammende Starkoch Jussi Husa eröffnete bei Matemwe im Nordosten nach 20 Jahren als Chefkoch großer Häuser sein erstes eigenes Restaurant, Mzee Husa, mit puristischen Holzmöbeln. Dort tischt er unter anderem Sushi mit fangfrischem Fisch und Auberginen-Mille-feuille auf. Ein Renner am selben Strandabschnitt ist sonntags der kreative Burger-Brunch von Melia Executive Chef Mayaven Alankalee im Gabi Beach Restaurant. Alan, wie ihn alle nennen, stammt aus Mauritius.

Wohin die Gewürzinsel in Zukunft will, weiß sie selbst noch nicht so genau. Gerne wird sie in Kombination mit einer Serengeti-Safari oder einer Klettertour auf den Kilimandscharo gebucht. Auf Öko-Luxus setzt Sansibars Wirtschaftsminister – und bietet aktuell neun der insgesamt 50 Inseln des Archipels zur Verpachtung an. Auf der Nachbarinsel Pemba gibt es schon ein Unterwasser-Hotel.

Massoud Salim, der ein wenig an Jimi Hendrix erinnert, kümmert dies alles wenig: Der einflussreiche Networker hat gerade ein Restaurant, das Archipelago Waterfront, am Stadtstrand von Stone Town eröffnet. Vor der Kulisse von Palästen und Moscheen treffen sich bei ihm Einheimische und Urlauber zum traditionellem Gewürzkaffee.

Andrea Tapper, dpa/abl
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