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Malediven: Tauch-Dorado im Indischen Ozean

Foto: Linus Geschke

Tauchen auf den Malediven Ganz großes Kiemenkino

Haie auf dem Hinweg, Mantas auf dem Rückweg: Taucher müssen auf den Malediven der Strömung trotzen, um Trophäen fürs Logbuch zu sammeln. Von der Verfassungskrise an Land merken sie in der Tiefe herzlich wenig.
Von Linus Geschke

Die Strömung ist immer da. Sie fließt durch Kanäle ins Innere von Atollen, sie strömt mit sechs Knoten Geschwindigkeit aus diesen wieder heraus. Bei einlaufendem Wasser ist die Chance auf Haie besonders groß, bei auslaufendem auf Mantas. Die Urlauber an Bord der "Sheena"  haben die Wahl - Haie oder Mantas. Mit ein wenig Glück kriegen sie beides.

Kein anderes Boot auf den Malediven ist weiter südlich stationiert als das von der Insel Medhufushi aus operierende Tauchkreuzfahrtschiff. Wer hier eincheckt, der will keine bunten Riffe mit vielen kleinen Fischen sehen, sondern das Adrenalin im Körper spüren.

Dafür müssen sie sich den Naturgewalten hingeben. "Keine Strömung, kein Großfisch", sagt Werner Lau, Besitzer der "Sheena". "Diese Faustregel gilt auf den Malediven noch mehr als in anderen Teilen der Welt." Das Dhoni - ein mitgeführtes Beiboot - bringt die Taucher zur Absprungstelle. Schnell lassen sie sich auf 30 Meter Tiefe sinken. Hier gibt die Kanalkante ein wenig Schutz vor der Strömung, die wie ein Trichter wirkt.

Riffhaken werden in unbewachsenen Felsen verankert, Hände krallen sich in nackten Stein. Dann beginnt das Kino. Die Hauptdarsteller kommen. Es sind Graue Riffhaie, und sie sind einfach überall: vorne, hinten, oben, unten, ein ganzes Rudel, weder aggressiv noch schüchtern.

Mit kaum erkennbaren Bewegungen trotzen sie der Kraft der Strömung. Ihre Form, ihre Haut, einfach alles an ihnen ist für das Leben unter solchen Bedingungen geschaffen. Der Mensch kann das nicht von sich behaupten. Erst recht nicht, wenn eine schwere Pressluftflasche auf seinem Rücken lastet. Nach zehn Minuten kapitulieren die Ersten, nach 20 Minuten alle anderen. Nächster Stopp: ein höher gelegenes Plateau, auf dem die Mantas warten.

Auswirkungen der Verfassungskrise nicht absehbar

Oben an Bord wartet Kapitän Harish Mohammed. Der 36-jährige Malediver weiß, wie es seinen Gästen unter Wasser geht; er taucht selbst leidenschaftlich gern. "Spätestens um 21 Uhr sind die meisten so groggy, dass sie todmüde ins Bett fallen", sagt er. Nächtliche Partyorgien gebe es auf seinem Schiff keine. Wer abends noch Kräfte hat, sitzt mit Harish an Deck zusammen. Und diskutiert über die Zukunft des Landes, das zurzeit eine Verfassungskrise erlebt.

Nach der im Oktober von der Polizei unterbundenen Präsidentschaftswahl fand am 9. November die Wiederholung statt, bei der der ehemalige Präsident Mohamed Nasheed mit 47 Prozent nur knapp die absolute Mehrheit verfehlte. Nun tritt er in der Stichwahl gegen Abdulla Yameen (30 Prozent) an, einen Halbbruder des ehemaligen Präsidenten Maumoon Abdul Gayoom, der das Land bis 2008 rund 30 Jahre lang autokratisch regierte.

"Kuriah, Kuriah, Baarak Kuriah" ist der Wahlspruch von Nasheed, frei übersetzt heißt das "Voran, voran, geh schnell voran". Kapitän Harish wird für den Kandidaten stimmen, weil ihm der Ozean am Herzen liegt. Nasheed ist ein im Westen ausgebildete Meeresforscher - und der Tauchtourismus ist für den Inselstaat ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Urlaubern rät das Auswärtige Amt wegen des Wahlprozesses momentan von Reisen auf die bewohnten großen Inseln wie Male und Addu ab. "Die Auswirkungen der jetzt eingetretenen Verfassungskrise sind derzeit nicht absehbar", heißt es auf der Webseite der Behörde . Hierher verirren sich sonst nur wenige Touristen.

Trophäen fürs Logbuch

Unterhalb der Wasseroberfläche haben die Taucher jedoch ausreichend Ablenkung von den politischen Problemen der Malediven. In zehn Meter Tiefe kreisen drei Mantas um eine Putzerstation herum, in der sie sich von kleinen Fischen die Kiemen reinigen lassen. Drei der sanften Riesen haben locker eine Spannweiten zwischen zweieinhalb und vier Metern. Wenn sie über die Köpfe der Gruppe hinweggleiten, verdunkelt sich die Sonne. Ihre Sichtung ist eine Trophäe fürs Logbuch der Taucher.

Rund 20 Haie, drei Mantas, eine Schildkröte, große Barrakudas und einen riesigen Schwarm Makrelen haben sie in der vergangenen Stunde gesehen - das ist das, was man in Taucherkreisen "eine gute Ausbeute" nennt.

Während der letzten Minuten geben sich die sieben Männer und fünf Frauen dann der Strömung hin, lassen sich treiben und setzen eine Boje. Oben angekommen wartet schon das Dhoni und bringt sie zurück zur "Sheena".

"Wo geht es denn am Nachmittag hin?", wollen die Ersten vom Kapitän wissen, sobald sie wieder an Bord sind. Seine Antwort: in einen Kanal natürlich, in die Strömung. Wenn die Taucher in drei Stunden wieder in ihre Neoprenanzüge steigen, wird Harish an der Reling stehen und ihnen hinterherschauen. "Kuriah, Kuriah, Baarak Kuriah", wird er murmeln. Voran. Voran. Schnell voran.

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