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Sudan: Ausflug zu Cousteaus Unterwasserhaus

Foto: Martin Strmiska

Tauchen im Roten Meer Cousteaus verlassene Unterwasserwelt

Hammer, diese Haie! Sie toben gerne dort, wo Jacques-Yves Cousteau einst abtauchte. Ein Unterwasserbesuch bei der Forschungsstation Precontinent II im Roten Meer.
Von Linus Geschke

Wie ein Raumschiff liegt die Forschungsstation auf dem Meeresgrund. Von Metallstreben hängen Weichkorallen wie Weintrauben. Daneben ein Hangar, der nur darauf zu warten scheint, das U-Boot wieder in Empfang zu nehmen, mit dem die Insassen gerade die Umgebung erkunden. Selbst der Name wirkt futuristisch: Precontinent II.

Als der französische Meeresforscher Jacques-Yves Cousteau sein Projekt 1963 der Öffentlichkeit vorstellte, wirkten auch seine Pläne wie aus der Zukunft. Fünf Menschen aus seinem Team sollten in dem seesternförmigen Gebäude 30 Tage lang leben, um die Auswirkungen des Sättigungstauchens zu erforschen und neue Erkenntnisse über die Flora und Fauna des Roten Meeres zu erlangen. Selbst einen Papagei hatten sie dabei: "Claude" sollte frühzeitig Alarm schlagen, wenn das Atemgas in den Räumen einen kritischen Zustand erreichte.

Mehr als 50 Jahre später nähern sich Besucher mit Maske und Tauchgerät: "Precontinent II ist eines der beliebtesten Ziele auf unseren Touren", sagt Mahmud Reka, der als Tauchguide auf der "Seawolf Dominator" dabei ist. "Zum einen liegt das sicher an dem Bekanntheitsgrad Cousteaus, zum anderen aber auch an der Qualität des Spots."

Der Meerespionier hat das Shaab Rumi genannte Riff schließlich nicht ohne Grund als Standort für seine Unterwasserstation ausgesucht. Der Bewuchs an Hart- und Weichkorallen ist selbst für diese Region ungewöhnlich, und die sich an das Südplateau des Riffs anschließende Steilwand gehört zu den besten Plätzen überhaupt, um Großfische zu beobachten.

Wobei Großfisch im Sudan vor allem eines bedeutet: Haie. Ob Graue Riffhaie, Weißspitzen-Hochseehaie oder Hammerhaie - immer noch gilt der sudanesische Teil des Roten Meeres als Hotspot für solche Begegnungen.

Hammerhaie am Raumschiff

Es ist der dritte Tauchgang der Tour, Aufregung macht sich breit. Bei einigen dauert der Zusammenbau der Ausrüstung länger als gewohnt, das Lachen darüber klingt nervös. Keiner der Gäste ist ein Anfänger, und dennoch sind Haie, gerade, wenn sie in Massen auftreten, immer noch geeignet, um den Puls nach oben zu treiben - wenn auch nur aufgrund der Vorfreude.

Nach dem Sprung ins Wasser dauert es ein paar Sekunden, bis der Teppich aus Luftblasen sich aufgelöst hat. Dann reicht der Blick sicherlich 30 Meter weit. Im oberen Bereich ist die Steilwand des Shaab-Rumi-Riffs noch stark zerklüftet, vor lauter Bewuchs sieht man kaum Fels, dafür zahlreiche Spalten und einige kleine Höhlen. Tausende Rotmeer-Füsiliere drängen sich zu Bällen zusammen, Barrakudas patrouillieren an der Wand.

Irgendwann öffnet sich das tiefe Blau, es geht es steil hinunter in die Tiefe. Mächtige Gorgonien recken dort ihre mehr als zwei Meter breiten Fächer in die Strömung. Wenn die Strömung nicht zu stark ist, schwimmen die Taucher ein wenig ins Blaue hinaus, richten ihren Blick ins Freiwasser. Eine Minute vergeht, vielleicht auch zwei. Dann kommen die Haie.

Bogenstirn-Hammerhaie leben meist in größeren Rudeln. Die bis zu vier Meter langen Tiere erinnern mit ihren schlängelnden Bewegungen an überdimensionierte Kaulquappen. In den meisten tropischen Meeren braucht man viel Glück, um sie zu sehen. Hier gehört schon arges Pech dazu, sie nicht vor die Maske zu bekommen.

Es sind scheue Tiere, sie zeigen keine Spur von Aggressivität, und es bedarf ruhiger und entspannter Taucher, um sie aus der Nähe zu betrachten. Dann jedoch bleiben sie und schwimmen meist achtförmige Runden. Fast wirkt es, als ob sie sich vor den Objektiven der Fotografen in Pose werfen. Ein einziges Blitzlichtgewitter, geballte Siegerfäuste unter Wasser.

Noch kein Massenandrang

Zumindest, bis Guide Mahmud unruhig wird und zur Rückkehr auffordert. Irgendwann geht jeder Luftvorrat mal zur Neige, und ein wenig davon sollte man sich für Cousteau aufheben. Precontinent II liegt auf der Westseite des Riffs in Tiefen zwischen 27 und zehn Metern, perfekt zum Austauchen, bevor es wieder an Bord geht. "Das war schon gut", meint Mahmud", "aber es geht noch besser. Spätestens an Tauchplätzen wie Angarosh, das nicht ohne Grund 'Die Mutter der Haie' genannt wird."

Später erzählen viele Taucher an Bord, dass sie zuvor lange mit der Reise gehadert haben. Jetzt sind sie froh, hergekommen zu sein. Gefühlt ist der Sudan immer noch ein von Bürgerkriegen zerrissenes Land, praktisch jedoch ist die meist über Kairo führende Anreise sicher, nicht einmal das Auswärtige Amt äußert momentan Bedenken .

"Vielleicht hat die Angst vor einer Tauchsafari hier aber auch etwas Gutes", meint Sybille Rastlinger, Tourteilnehmerin und 46-jährige Buchhalterin aus Ulm. "Zumindest verhindert sie, dass Taucher in Massen kommen, so wie es in Ägypten war, vor der Krise." Irgendwie schwingt in ihren Worten auch die Hoffnung mit, dass dies noch lange so bleiben mag.

Cousteau selbst hatte diese Befürchtungen 1963 nicht, auch nicht die Mitglieder seines Teams. Über den Stellenwert der Erkenntnisse, die damals gewonnen worden, lässt sich diskutieren. Alle fünf aber haben den 30-tägigen Aufenthalt unter Wasser problemlos überstanden. Niemand ist zu Schaden gekommen. Auch der Papagei nicht.

Die Reise fand mit Unterstützung von Seawolf Safari  und Nautilus Tauchreisen  statt.

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