Tennessee Roadtrip zum Rock'n'Roll

Elvis Presley, Johnny Cash, Roy Orbison: Der US-Staat Tennessee war die Wahlheimat berühmter Künstler aus Rock, Country und Soul. Eine Reise auf dem "Music Highway" ist eine musikalische Geschichtslektion - Begegnungen mit lebenden Legenden inklusive.

Von Stefan Robert Weißenborn


Kreativzentrum im Südosten der USA: Tennessee spielte in der Musikgeschichte der Staaten eine prägende Rolle wie kaum eine andere Region. Der Bundesstaat, eingefasst von den Appalachen im Osten und dem Mississippi im Westen, war die Wirkungsstätte bekannter Musiker wie Elvis Presley, Johnny Cash, Isaac Hayes und Roy Orbison. Die Verkehrsschlagader, die Interstate 40, wurde trefflich "Music Highway" getauft.

Ein Roadtrip durch die Geschichte des Sounds der USA beginnt in Nashville. Die Hauptstadt des Bundesstaates wird nicht ohne Grund "Music City" genannt. Die vier Label-Giganten Sony, Emi, Warner und Universal haben hier Dependancen und machen die 500.000-Einwohner-Stadt neben New York zum Herz der US-Musikindustrie.

Im legendären RCA Studio B nahm Elvis 250 Hits auf, darunter Anfang der Sechziger "Are you lonesome tonight" und "It's now or never". Auch Dolly Parton, Roy Orbison oder die Everly Brothers produzierten dort. Touristische Hauptattraktion ist die Country Music Hall of Fame, ein Museum, das Country-Geschichte erzählt.

Vor Layla's Bluegrass Inn auf dem Broadway in Downtown steht ein Mädchen mit Haarkamm und Stretchhose im Leopardenmuster. Ihr Kopf wippt im Takt. Von innen scheppert heftiger Sound, den sie hier Hellbilly nennen. Den Eingang bewacht ein Türsteher mit Röhrenjeans und Hanfblattgürtelschnalle. Letztlich gibt er die Pforte frei. Der Laden platzt aus allen Nähten.

Zwischen Cowboyhüten und Schmalztollen

Auf der Bühne brüllt Hank Williams III sein Mikro an, als habe es das Übel der Welt zu verantworten. Daneben zupft einer heftig den Kontrabass. Die Musik ist aggressiv, die Stimmung nicht. Cowboyhüte und Schmalztollen durchpflügen die Luft. Eine betrunkene Tänzerin zieht sich zappelnd ihr Shirt über die Brüste.

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Der stark tätowierte Hank brüllt weiter. Dann wird seine Stimme plötzlich whiskeywarm. Es ist die Traditionspflege eines Rebellen, der Nashvilles Geschichte fortschreibt, obwohl er seine Stadt einst als "Trashville" besang und dem alten Sound den Kampf ansagte. Sein Großvater war der legendäre Hank Williams, einer der einflussreichsten Countrymusiker und Ideengeber für Johnny Cash.

Von der Country-Euphorie und allem, was danach kam, will auch Tiara Sky etwas abhaben. Die Mittzwanzigerin mit dem langen blonden Haar steht um halb zwei nachts auf dem Bürgersteig und spielt verträumte Melodien. Sie ist allein, hübsch und ohne Plattenvertrag.

In ihrem Gitarrenkoffer liegen ein paar Dollarnoten und selbstgebrannte CDs mit ihren Liedern: "Zehn Dollar das Stück", sagt sie, "willst Du auch ein Foto von mir kaufen?" Die CD findet einen Käufer, und zum Dank stimmt Tiara ihren jüngsten Song an: "I walk alone."

Besuch bei Johnny Cash

Am folgenden Tag steht ein Besuch in Hendersonville, 20 Meilen nordöstlich von Nashville-Downtown, auf dem Programm. Das Grab von Johnny Cash ist hier ein wichtiges Ziel für Musikpilger. Auf einer weiten, offenen Grasfläche befindet sich Cashs Grab in einer der vorderen Reihen. Der fünfte Todestag ist erst einige Wochen her, hier liegen frische Gestecke, drei Plektren, eine Single und ein Brief: "I have nowhere else to go to 'visit' you. Today you have been gone 5 years. I miss you so much I can hardly breathe. We'll meet again sweet dad. I love you."

Weiter geht die Fahrt auf dem Music-Highway gen Westen. Nächste Station ist die Rockabilly Hall of Fame in Jackson auf halbem Weg nach Memphis. Hier tritt häufig W.S. Holland auf. "Fluke", so laut Visitenkarte sein Spitzname, hat Jahrzehnte mit Johnny Cash gespielt. Bis zuletzt arbeiteten sie zusammen. Holland, der in der Nähe wohnt, gebe Touristen hier öfter eine Kostprobe seines Könnens - ganz ohne Gage. Das versichert die Dame vom örtlichen Tourismusbüro.

Auch jetzt legt sich der 73-Jährige ins Zeug. Das Schlagzeug auf der kleinen Bühne hat wohl schon länger keine Sticks gesehen und bricht unter dem ersten Schlag fast zusammen. Country-Sänger Rayburn Anthony begleitet Fluke mit Gitarre und tiefer Stimme zu "Saint Louis Blues" und "Folsom Prison Blues". Es ist erlebte Musikgeschichte.

Geschichte, die Holland für sich in Anspruch nimmt: "Niemand hatte Drums damals." Der Schlagzeug-Veteran - weißes Haar, Sonnenbrille, Hawaiihemd - erzählt von früher, als er 1954 mit Rockabilly-Vorreiter Carl Perkins bei Sun Records in Memphis "als erster Drummer überhaupt" Platten aufnahm. Denn das Schlagzeug fand als Rhythmusinstrument erst allmählich Eingang in den Rock'n'Roll. Als 19-Jähriger spielte Holland mit Jerry Lee Lewis und Elvis. Ab 1960 musizierte er mit Johnny Cash.

In der Hall of Fame sind es Geschichten wie diese, die bewahrt werden sollen. Elvis, Perkins und Cash blicken von Bildern an den Wänden. Neben Fotografien ist alles da, was die gute Sammlung eines wahren Bewunderers ausmacht: Schallplatten, Konzert-Plakate und absurde Memorabilia - selbst ein Defibrillator, der einst am King of Rock'n'Roll zum Einsatz kam.

Eine Straße schrieb Musikgeschichte

Weiter geht es auf der Interstate 40 nach Memphis. Hier ist die Beale Street das historische Destillat des Musik-Höhenflugs, den die Stadt als Schmelztiegel der Kulturen erlebte. Mit ihren Leuchtschildern liegt sie wie ein Ufo in der verödeten Innenstadt, in der einst dem Soul, dem Rhythm'n'Blues und auch dem Rock'n'Roll der Weg geebnet wurde.

Jahrzehnte ist es her, dass Sam Phillips, der Gründer von Sun Records, Ike Turner auf die Beale Street schickte, um nach neuen Talenten Ausschau zu halten. Was er fand, war Tina, die so zu ihrem ersten Plattenvertrag kam. Später widmete er sich weißen Musikern, die er zu Rockabilly-Stars aufbaute. "Willkommen im legendären Sun-Studio, der Geburtsstätte des Rock'n'Roll", begrüßt Cora die etwa 40 Musiktouristen, die für je zwölf Dollar Eintritt an einer Führung durch die altehrwürdigen Aufnahmeräume teilnehmen.

Im Jahr 1954 wurde Elvis' erste Single "That's All Right Mama" bei Sun veröffentlicht. Ein Foto im Studio an der Union Avenue liefert einen historischen Beweis. Es zeigt das "Million Dollar Quartet": Elvis am Klavier, umsäumt von Jerry Lee Lewis, Carl Perkins und Johnny Cash - im gleichen Raum, in dem die Gruppe gerade steht.

Soul und Segregation

Als "Memphis Sound" ist trotzdem nicht der Rock'n'Roll, sondern der Soul berühmt geworden. Das lag an dem legendären Soul-Label Stax, das in den Sechzigern Furore machte. In der McLemore Avenue gibt es heute das angeblich "einzige Soul-Museum der Welt".

Auf der Leinwand im Kinosaal des Stax-Museums erzählt der Musiker Booker T. Jones die Geschichte des Labels. "Wenn Martin Luther King nicht erschossen worden wäre, würde Stax heute noch betrieben", sagt Jones. "Es drehte sich plötzlich alles nur noch um die Rasse. Die Leute fragten uns: 'Warum spielt ihr mit diesen weißen Typen?'"

In den Sechzigern, als im öffentlichen Leben der USA Segregation noch gesetzlich legitimiert war, hatte das Soul-Label eine Rolle der Verständigung gespielt. Großen Anteil hatte Jones mit seinen The Booker T & The MGs, einer vierköpfigen Formation mit zwei schwarzen und zwei weißen Mitgliedern.

Nach dem Attentat an Martin Luther King im Jahr 1968 ging es bergab mit dem legendären Label, das mit Isaac Hayes, Rufus Thomas, Otis Redding und vielen anderen groß geworden war. Mitte der Siebziger war es auch wirtschaftlich ruiniert.

Geld wird mit dem musikalischen Erbe Tennessees heute vor allem in Graceland gemacht, dem letzten Wohnsitz von Elvis Presley. In den anliegenden "Meditation Gardens", wo der King nebst Eltern und Großmutter am plätschernden Springbrunnen begraben liegt, zwitschern die Digitalkameras der vielen Besucher wie erregte Spatzen. 38 Dollar kostet der Eintritt. 80 Dollar kann ausgeben, wer neben der Villa als Sahnehäubchen Elvis' Auto- und Flugzeugsammlung bestaunen will.

Über das Gelände verteilt buhlen ein halbes Dutzend Souvenirgeschäfte um Käufer für pinke Plüschcadillacs oder Wanduhren, deren wie Beine geformte Pendel den typischen Elvis-Hüftschwung imitieren. Wenn das der "King" wüsste. Sein Vater hinterließ 1977 eine Inschrift in der bronzenen Grabplatte: "Gott erkannte, dass er Ruhe brauchte, und rief ihn zu sich."



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