Thailand Hundert Stunden Einsamkeit

Den einen zieht es in die Wüste, den anderen treibt die Suche nach Einsamkeit ins Kloster. Der einsamste Ort der Welt jedoch wimmelt von Menschen. Ein Streifzug auf Bangkoks Khao San Road.

Von Moritz Honert


"Weißt du, Richard, irgendwann werde ich mal einen von diesen Lonely-Planet-Autoren auftreiben und ihn fragen: Was zum Teufel ist so 'lonely' an der Khao San Road?", ereifert sich eine Figur in Alex Garlands Roman "The Beach". Die schiere Masse an Touristen – zehn Millionen besuchen Thailand pro Jahr – mag diese Frage zunächst plausibel erscheinen lassen. Nach einem Aufenthalt in Bangkoks Backpackerviertel stellt sie sich aber nicht mehr. Die Khao San Road ist der einsamste Ort der Welt.

Morgens um sechs Uhr beginnen im Stadtteil Banglampoo rund um den Chana-Songkhram-Tempel zaghaft die Aufräumarbeiten, die Trümmer der letzten Nacht werden weggeschafft. Auf Bordsteinen hocken die letzten Überlebenden und lallen trunken in einem durch unzählige Dialekte gefärbten Englisch aneinander vorbei. Dazwischen stehen in Miniröcken die Ladyboys – die Transvestiten – und versuchen, unter den Besinnungslosen den letzten Freier ihrer Schicht aufzutun. Ein paar Meter weiter sammeln winzige Frauen mit Atemschutzmaske, Helm und einer auf ein Fahrrad geschnallten Tonne den Müll zusammen, während die sonst so geschäftstüchtigen Tuk-Tuk-Fahrer in ihren am Bordstein geparkten Vehikeln noch in abenteuerlichen Verrenkungen schlafen.

Das Marco-Polo-Syndrom

Etwa gegen zehn Uhr erwacht der Platz langsam zum Leben. Einzeln und schweigend betreten sonnenverbrannte Männer in T-Shirts und Shorts die Cafés, bestellen – die Zigarette in der Hand – zum Frühstück Bier und ignorieren sich gegenseitig, während sie dem Aufbau der Marktstände mit den gefälschten Markenkleidern und den raubkopierten CDs zuschauen. Abweisung und Resignation ist in ihre Gesichter gemeißelt.

Vielleicht ist an der Anonymität etwas Schuld, das die Soziologen als das Marco-Polo-Syndrom kennen: den Wunsch Reisender, von vermeintlich weniger informierten Touristen nicht belästigt zu werden. Besonders Exilanten werden gerne davon befallen. Da diese jedoch nur einen Bruchteil der Anwesenden ausmachen können, scheint es wahrscheinlicher, dass die Anonymität dem Umstand geschuldet ist, dass niemand wirklich hier sein will. Bangkok ist ein notwendiges Übel, kein Reiseziel. "Ich bin auch nur auf dem Sprung", erzählt der blonde Australier Dean und hat seinen Rucksack schon wieder in der Hand. "Ich wünschte, ich könnte es umgehen, aber wenn du nach Südostasien willst, dann musst du ja hier durch." Ein Grinsen, und er ist weg.

Vom Reis zum Ramsch

Der Aufstieg der einstigen Wirkungsstädte der Reisverkäufer (Khao San bedeutet Reis) zur Touristenmeile begann 1982. Damals warb Thailand anlässlich des buddhistischen Jahres 2525 massiv um Touristen, deren Ansturm die Hotels bald nicht mehr gewachsen waren. Gestrandete Rucksackreisende fanden schließlich bei den Bewohnern der palastnahen Khao San Road Unterkunft. Die Anwohner realisierten schnell, welche wirtschaflichen Möglichkeiten sich ihnen da boten. Das Ende der Entwicklung ist jene monströse Ballung von Restaurants, Internetcafés, Geldautomaten, Buch- und Souvenirläden sowie Fillialen aller großen Fast-Food-Ketten, die längst die Grenze der eigentlichen Straße gesprengt hat.

"Mindestens 300 Gasthäuser gibt es hier im Umkreis", schätzt ein Mann, der Vorbeilaufenden Werbezettel in die Hand drückt, um sie anschließend in eines der Massagestudios zu bugsieren. Heute hat Banglampoo den Charme einer Open-Air-Wartehalle mit angeschlossenem Vergnügungsbetrieb. Ab dem frühen Nachmittag wimmelt der Ort von Menschen. Aus Dutzenden Boxen dudeln wahlweise Jack Johnson oder die Red Hot Chili Peppers, während die Tuk-Tuk-Fahrer aufgewacht sind und schreiend um Kundschaft werben. Doch statt Interaktion herrscht nur Ignoranz.

"Ach, ihr seid auch hier?"

Schweigend sitzen die Touristen auf dem Bordstein oder in den Bars und beobachten die Massen, die in den immergleichen T-Shirts auf der Suche nach billigen Sonnenbrillen die Straße auf- und ablaufen. Es ist ein endloser Strom aus übergewichtigen Schnurrbartträgern in Begleitung junger Thailänderinnen, mit denen sie nie ein Wort wechseln, kurzgeschorenen, muskelgestählten, frisch aus dem Militärdienst entlassenen Israelis, Hippies, pomadierten, jungen Engländern mit vor Jagdfieber und Amphetaminen glitzernden Augen und giggelnden 17-Jährigen mit Modeschmuck und kurzen Röcken, die Inselbekanntschaften wie verlorengeglaubte Familienmitglieder begrüßen, um dann festzustellen, dass man sich außer einem "Ach, ihr seid auch hier? Vielleicht sieht man sich ja später noch" nicht viel zu sagen hat. Dazwischen wuseln kleine, in traditonelle Kleider gewandete Frauen und verkaufen Holzkröten. Unablässig entlocken sie dem Spielzeug ein Quaken, indem sie einen Stock über dessen Rücken fahren lassen. Bei dieser Hartnäckigkeit schaltet irgendwann selbst der aufgeschlossenste Besucher vom freundlichen Kopfschütteln auf ein stures und stummes Ignorieren um.

Alles dreht sich im Kreis. Nicht nur die Einsamen, die ziellos die Zeit bis zur Abreise totschlagen. Auch die wenigen Gespräche treten auf der Stelle. Es ist das ewige "Wo kommst du her, wo gehst du hin?", dessen Antworten so routiniert abgespult werden, als ahne der Gefragte, dass seine Geschichte den Gegenüber gar nicht interessiert. Mit Asien, das wird schnell deutlich, hat die Khao San Road so viel gemeinsam wie eine deutsche Fußgängerzone. Wer Fernost sucht, sollte unverzüglich weiterreisen. Am einfachsten gleich vom Bahnterminal des Flughafens aus.

Beim Abschied drei Tage später im Morgengrauen bietet sich das gleiche Bild wie bei der Ankunft. Alles beginnt von vorn. Der Müll der letzten Nacht ist wieder da, die Betrunkenen, die Ladyboys, die schlafenden Tuk-Tuk-Fahrer, die Müllfrauen, die Rucksackträger auf dem Weg zum Flugzeug. Alle zusammen, alle allein. Ein Morgen wie jeder auf Bangkoks Khao San Road.



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