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17. Februar 2005, 16:30 Uhr

Thailand nach der Welle

"Tsunami cannot beat us"

Vor knapp zwei Monaten schlug die Tsunami-Welle auf die Küste Thailands. Während Hotels in manchen Regionen schon längst wieder bereit sind, Touristen zu empfangen, sind die Aufräumarbeiten in anderen noch nicht abgeschlossen. SPIEGEL-ONLINE-Autorin Bettina Hagen berichtet aus Khao Lak, Phuket und Ko Phi Phi Don.

Mulan am Strand von Kamala: Möglichst schnell zurück zur Normalität
Bettina Hagen

Mulan am Strand von Kamala: Möglichst schnell zurück zur Normalität

Mulan hat Angst vor der Zukunft. Jeden Morgen fegt sie ihr Stück Strand in Kamala auf der Phuket. Sie befreit es von Blättern und Kokosnüssen. 60 Liegestühle hat sie früher vermietet, nur 16 konnte sie aus den Fluten retten. Ob es ihre sind, kann sie nicht genau sagen, schließlich war der Strand von Kamala voll mit Sonnenliegen. 3000 Baht (60 Euro) pro Tag hat sie in der Hochsaison verdient, jetzt sind es nicht mehr als 200 (4 Euro).

In Kamala hat die zwölf Meter hohe Tsunami-Welle am zweiten Weihnachtstag besonders gewütet. Am Strand sieht man davon nichts mehr, blitzblank ist er, das Wasser so klar wie nie. Doch im Ort ist die Katastrophe präsent. Die wassernahen Hütten wurden einfach weggespült, Häuser in der zweiten Reihe bis auf die Grundmauern und einzelne Seitenwände zerstört. Kaputte Restaurantschilder liegen am Boden. Doch jetzt, knapp zwei Monate nach der Katastrophe, wird überall gehämmert, gebohrt und repariert. Die Menschen wollen möglichst schnell zurück zur Normalität, schließlich geht es jetzt um ihre Existenz.

Mulan war am Strand, als die Welle kam. Etwa einen Kilometer weit habe sich das Wasser plötzlich zurückgezogen, dann kam es mit voller Wucht. Sie musste um ihr Leben rennen. Ihr Haus hat sie verloren, Unterschlupf fand sie bei der Familie. 2000 Baht (40 Euro) Soforthilfe gab es von der Regierung und 15.000 Baht (300 Euro) für ein neues Haus. Doch die sind bereits für die notwendigsten Anschaffungen verbraucht. Hin und wieder gibt es kleine Lichtblicke im Unglück. Gestern, erzählt sie, habe ihr ein schwedisches Ehepaar zehn neue Sonnenschirme geschenkt. Einfach so. Sie hofft, dass die Touristen bald zurückkommen. "Wir brauchen Arbeit. Das hilft uns mehr als Spenden."

Landesinnere und Ostküste blieben gänzlich verschont

"Wir sind mit einem blauen Auge davon gekommen", sagt Frank Haussels, Marketing-Manager beim Thailändischen Fremdenverkehrsamt in Frankfurt, "die Lage ist weit weniger dramatisch als zunächst befürchtet." Eine Krise wie in Indonesien habe es in Thailand dank der guten Infrastruktur und der Sofortmaßnahmen der Regierung nie gegeben. Haussels muss zurzeit mit Reiseveranstalter und Medienvertreter in die betroffenen Gebiete reisen, um ihnen ein realistisches Bild der Situation vor Ort zu vermitteln, denn die Welle hat in Thailand nur wenige Regionen zerstört. Doch die meisten Urlauber meiden die Gegend. "Die undifferenzierte Bilderflut in den Medien und die Panikmache der Reiseveranstalter hat den Tourismus gänzlich zum Erliegen gebracht", meint Haussels. Auf beliebten Ferieninsel Phuket liege die Auslastung der Hotels derzeit nur bei zehn Prozent, obwohl die meisten Strände gar nicht betroffen seien.

Liegen in Kamala: Der Strand ist blitzblank, im Ort ist die Katastrophe noch präsent
Bettina Hagen

Liegen in Kamala: Der Strand ist blitzblank, im Ort ist die Katastrophe noch präsent

Dass wenig los ist auf Phuket, zeigt sich bereits bei der Ankunft am Flughafen. Wo noch vor Weihnachten ein wildes Treiben in den Abfertigungshallen herrschte ist jetzt gähnende Leere. Etwa hundert Reisebusse standen täglich vor der Ankunftshalle, heute sind es nicht mehr als vier. Dabei sind von den 15 Stränden an der Westseite Phukets nur zwei stark beschädigt worden und einige leicht. Das Landesinnere der Insel mit dem Hauptort Phuket-Stadt und die Ostküste blieben gänzlich von der Welle verschont. Doch auch in diesen Gebieten wächst die Sorge um den Arbeitsplatz. "Noch versuchen die Hotels, ihre Mitarbeiter zu halten", sagt Frank Haussels, "aber nach drei Monaten werden die ersten entlassen. So war es während der Sars-Krise vor zwei Jahren."

"We still make the best pizza in town"

So sieht das auch Wolfgang Meusburger, Direktor des Holiday Inn Ressort am Strand von Patong. "Das Fehlen der Gäste trifft nicht nur die Hotels, sondern vor allem die kleinen Händler wie Obst- und Getränkeverkäufer oder Tuk-Tuk-Fahrer." Patong war der beliebteste Strand von Phuket, auch wegen des lebendigen Rotlichtviertels. Dicht an dicht reihten sich bis zu 7000 Liegestühle in drei Reihen am Strand. Die Welle kam bis zur Strandstraße, wo Geschäfte, Bars und Restaurants eng neben einander lagen. Noch immer sind sie weitgehend zerstört, doch die Renovierung schreitet hier schnell voran.

In der Ton Sai Bay: Ko Phi Phi Don wird noch lange unter den Folgen des Tsunamis leiden
Bettina Hagen

In der Ton Sai Bay: Ko Phi Phi Don wird noch lange unter den Folgen des Tsunamis leiden

Verschiedene Geschäfte sind bereits wieder geöffnet. Zum Beispiel eine Pizzeria, die trotzig mit einem großen Plakat und den Worten "Even Tsunami cannot beat us. We still make the best Pizza in town" um Kunden wirbt. Parallel zur Strandstraße liegt die Haupteinkaufstraße. Hier stoppte die Welle, der Rest des Ortes wurde vom Wasser verschont. Das Holiday Inn ist für Gäste noch geschlossen. Zur Hälfte wurde es zerstört, einen Toten gab es in der Anlage. Ab April soll es wieder geöffnet werden, mit neuem Spa-Bereich und Kindergarten. Meusburger blickt zuversichtlich in die Zukunft. "Wir haben eine große Anzahl an Stammgästen, mit denen wir bereits in Verbindung stehen. Die werden alle wiederkommen."

Zwei Drittel der thailändischen Opfer starben in Khao Lak

Das Meer glitzert in der Abendsonne. Der kilometerlange feine Sandstrand, gesäumt mit hohen Palmen, ist völlig menschenleer - eine tropische Idylle. Doch eine Kopfdrehung weiter links holt die zerstörte Hotelanlage des Magic-Lagoon-Ressorts in der thailändischen Region Khao Lak den Besucher auf den Boden der Realität. Hier tötete die Flutwelle mehr als 700 Menschen. Die Katastrophe traf die Gegend in der Hochsaison. Das Hotel mit 319 Zimmern und etwa 280 Angestellten war zu der Zeit voll ausgebucht. Die genaue Zahl der Opfer wird wegen der vielen nicht gemeldeten Mitarbeiter wohl niemals zu ermitteln sein.

Khao Lak: 100 von 140 Hotels wurden zerstört
Bettina Hagen

Khao Lak: 100 von 140 Hotels wurden zerstört

Heute liegt die Anlage noch genauso in Trümmern wie direkt nach dem Unglück. Die meisten Toten sind inzwischen geborgen, offiziell ist die Suche nach ihnen eingestellt. Räumfahrzeuge haben die Zufahrten zum Ferienressort von Trümmern, Schlammmassen und umgestürzten Bäumen befreit. Persönliche Gegenstände liegen noch immer auf den unebenen Wegen - eine Hose, ein Telefon, Handtücher und einzelne Badelatschen. Im Hotel haben die Aufräumarbeiten noch nicht begonnen, ohnehin ist unklar, ob die Eigentümer die Anlage jemals wieder öffnen werden.

Vor dem Tsunami gab es in Khao Lak 140 Hotels. Davon wurden 100 in unmittelbarer Küstennähe vollständig zerstört. Ferienanlagen auf den umliegenden Hügeln blieben verschont. Sie jedoch leiden jetzt unter fehlenden Besuchern. Und das wird sich so schnell nicht ändern, denn Khao Lak ist von der Zerstörung in Thailand am stärksten betroffen. Wegen der Ruhe und Abgeschiedenheit war die Region besonders für Familien attraktiv, sie wird Jahre brauchen, um sich von der Katastrophe zu erholen. Zwei Drittel der geschätzten 8000 Opfer in Thailand sind hier gestorben.

"Am Nachmittag waren wir wieder betriebsfähig"

Dagegen begrüßt Michal Zitek, Direktor des Holiday Inn Ressorts auf Ko Phi Phi Don, seine wenigen Gäste mit: "Willkommen im Paradies." Es ist keine Ironie, denn seine Anlage liegt im Norden der nur acht Kilometer langen Insel, und dort kam der Tsunami nur als Hochwasser an. "Schon am Nachmittag waren wir wieder voll betriebsfähig", erzählt er. Doch auch bei ihm sind Strände und Hotelpools leer. Von den 77 Bungalows sind gerade mal 17 vermietet. Nach den Fernsehbildern über die zerstörte Insel haben die Stornierungen angefangen. "Selbst Buchungen für den kommenden November wurden zurückgezogen", klagt Zitek. Dabei könnten Besucher gerade jetzt ein Thailand jenseits des Massentourismus erleben.

Strand im Norden von Ko Phi Phi Don: Buchungen für den kommenden November wurden zurückgezogen
Bettina Hagen

Strand im Norden von Ko Phi Phi Don: Buchungen für den kommenden November wurden zurückgezogen

Ko Phi Phi Don wird noch lange unter den Folgen des Tsunamis leiden. Im Süden der Insel liegt die Ton Sai Bay, ein beliebtes Ziel für Tagestouristen von Phuket und dem Festland. Mit voller Kraft schlug das Wasser in die Bucht und riss ganze Hotels mit sich. 730 Menschen ertranken, etwa 330 werden noch vermisst. Noch heute bietet sich ein Bild der Verwüstung. Schutt- und Müllberge, zerstörte Einkaufsstraßen. Es riecht vermodert in den kleinen Gassen. Der bewundernswerte starke Wille zum Neuanfang bei den Thailändern wirkt hier verhalten. Müde sitzen sie vor ihren kaputten Geschäften, wissend, dass nichts mehr ist wie früher.

Die Provinzregierung plant den Aufbau: "Wir werden am Strand keine Hütten mehr erlauben und auch die Hotels künftig in den Hügeln ansiedeln", sagt der stellvertretende Gouverneur der Provinz, "unser Schwerpunkt liegt jetzt auf Sicherheit." Außerdem wolle man einen einheitlichen Baustil durchsetzen und dem Ort so zu einer neuen geschlossenen Ästhetik verhelfen. Ähnliche Überlegungen gibt es auch auf Phuket. Dort sollen die Sonnenliegen reduziert und der Wassersport auf bestimmte Gebiete beschränkt werden. Es entspricht der thailändischen Mentalität, das Beste aus der Katastrophe zu machen.

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