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Boxcamp auf Phuket: Der Thai-Urlaub mit dem Kick

Foto: Verena Hölzl

Kickboxing-Camp auf Phuket Hau die Lindsey

Schlagen, treten, auf Sandsäcke prügeln - und das mitten in den Tropen: Frauen aus aller Welt reisen ins Urlauberparadies Phuket, um beim Thaiboxen an ihre Grenzen zu gehen.
Von Verena Hölzl

Plötzlich ist es glitschig unter meinem rechten Fuß. Mónica Brenes hat ihren vor Speichel triefenden Zahnschutz aus dem Mund genommen. Ich stehe in einer Lache aus Spucke, in der Fighter-Zone, dort, wo es richtig knallt.

Die junge Costa-Ricanerin mit den Rehaugen und dem seitlich kahlgeschorenen Kopf ist Profiboxerin. Sie hat perfektioniert, worin ich mich seit einem halben Jahr einmal die Woche versuche - und was sich immer noch fremd anfühlt: Schlagen, treten, angreifen, abwehren, an mein körperliches Limit gehen.

Für zwei Tage habe ich mich auf der Ferieninsel Phuket ins Kickboxing-Camp Tiger Muay Thai  eingebucht, eines der größten Thailands. Ein Englischlehrer gründete die Anlage vor 13 Jahren, ursprünglich als Boxring für sich selbst. Weil der Sport so viele Anhänger fand, startete er bald einen Klub.

Heute trainieren hier täglich 300 Menschen, darunter auch immer mehr Frauen. 150 Kurse gibt es pro Woche. "Die meisten Schüler bleiben einen Monat. Für sie ist das eine Art Retreat", sagt Mónica, die für Tiger Muay Thai in den Ring steigt und Wettkämpfe bestreitet.

Im vergangenen Jahr musste die 25-jährige Boxerin eine Zwangspause einlegen. Eine Gegnerin hatte ihr mit dem Ellbogen die Speiche zertrümmert. Auf ihrem Unterarm prangt seither eine Narbe vom Durchmesser eines Bierdeckels. Dennoch, sagt sie, habe Thaiboxen entgegen vieler Vorurteile nichts mit Gewalt, sondern viel mit Respekt zu tun - und damit, wie kreativ man Angriffe kontere. "Einer der besten Boxer, die ich in Thailand kenne, lässt Attacken gar nicht erst zu."

Viel Schweiß in Chalong

Der Distrikt Chalong im Süden Phukets ist ein Fitness-Mekka. Die Hauptstraße ist gesäumt von Bootcamps mit Namen wie "Titan" oder "Fightlab", dazwischen reihen sich vegane Restaurants und Apotheken aneinander, die Proteinpräparate und Bandagen verkaufen. 20 Moped-Minuten dauert es zum Strand, zwei zur Bambushütte am Straßenrand, wo Drachenfrucht, Ingwer und Mangos zu Smoothies püriert werden. An jeder Straßenecke rattert eine Waschmaschine. Es wird viel geschwitzt in Chalong.

Frauen mit Flechtzöpfchen wie die von Hilary Swank in dem Film "Million Dollar Baby" reisen aus aller Welt nach Phuket, um Muay Thai zu betreiben, wie die thailändische Kampfkunst auch genannt wird. Die einen strecken den wuchtigen Boxhandschuh unbeholfen gen Trainer, die anderen kicken mit einer solchen Wucht auf den Sandsack ein, dass sich beim Knall alle nach ihnen umdrehen.

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So wie die wasserstoffblonde Lindsey. Die 36-jährige Britin läuft breitbeinig wie ein Kerl über die Trainingsfläche. Seit vier Jahren lebt sie mit Mann und Kind auf Phuket. Der Schweiß tropft ihr vom Kinn. Sie kommt ins Camp, weil sie kämpfen will. "Klar ist das Gewalt", sagt sie und lacht.

Yoga konnte sie nicht mehr machen: "eine kaputte Kniesehne". Mit Marathon hörte sie auf: "zu langweilig". Seither powert sie sich beim Boxen aus. "Und die Trainer sehen ja auch nicht übel aus", sagt Lindsey und zwinkert ihrem zu. Dann wirft sie ihm die Hüfte entgegen, er schlägt in ihre Richtung, sie schnaubt und rückt mit dem Kiefer ihren Zahnschutz zurecht. Der Kampf beginnt.

Wie in einer Schlacht

Wer im Kickboxing-Camp die Augen schließt, wähnt sich mitten in einer Schlacht. Leder knallt auf Leder, nackte Füße landen in Magengruben, Schreie durchdringen das von tropischen Hügeln umgebene Trainingsgelände. Ein kleines, blondes Mädchen, das eisschleckend an einem Boxring vorbeiläuft, zuckt bei jedem Kampfschrei zusammen.

Auch ich zucke zusammen, als mein Trainer erzählt, dass er nicht mehr als drei Kurse pro Tag empfiehlt. Dreimal am Tag Training? Kann Ganztagskickboxen gesund sein?

Die Atmosphäre lässt mir keine Wahl, als von einem Kurs zum anderen zu laufen. Bei so vielen Menschen, die um mich herum auf Matten ächzen und stöhnen, kommt Faulsein nicht in Betracht. Ich stecke meine Hände in ein Paar Boxhandschuhe, die noch nassgeschwitzt sind von meinem Vorgänger, und starte mein erstes Training am Sandsack. Beim Trommeln mit den Ellbogen dröhnt mit jeder Erschütterung mein Kopf.

Nationalsport Thaiboxen

Für die Thailänder ist das Kickboxen, was den Deutschen der Fußball ist. Für manch einen Einheimischen ist der Nationalsport eine der wenigen Möglichkeiten, ordentlich Geld zu verdienen. Inzwischen trainieren hier auch so viele Ausländer, dass Thailand an einem speziellen Visum für Muay-Thai-Schüler arbeitet. Was aber treibt sie zu einer Tracht Prügel in die Tropen?

"Stärke fasziniert mich", sagt Hip-Hop-Tänzerin Anya aus Stockholm. Die 21-Jährige ist beim Backpacken im Boxcamp hängengeblieben. In ihrem Beruf muss sie weiblich und sexy sein, beim Boxen will sie ihre harte Seite kennenlernen, sich weiterentwickeln. Am Vortag hatte ein Coach die Anfängerin mit einer Gegnerin in ein Team gesteckt, die viel erfahrener und rabiater war als sie. "Ich war so sauer", sagt Anya. "Plötzlich habe ich ihn einfach angeschrien."

Aggressionen auszuleben - das spiele beim Boxen vor allem für Frauen eine Rolle, sagt Peter Forneck aus Köln, der die Disziplin auch in seiner Abschlussarbeit fürs Sportstudium in Deutschland behandelt. "Mädels haben richtig Spaß, wenn der Trainer ihnen die Pratze hinhält", sagt der 26-Jährige. Wichtige Motive seien aber auch ein gewisser Körperkult - und natürlich Selbstverteidigung. "So viele Trainingsanfragen aus Köln wie nach der Silvesternacht von 2015 habe ich noch nie bekommen."

Angriff auf den Hüftknochen

Peter arbeitet seit fast einem Jahr bei Tiger. Mal sind seine Schüler 18 und mal 74 Jahre alt, mal Profisportler und manchmal übergewichtig. Sie arbeiten als Handwerker oder Ingenieure, sind Hausfrauen oder beim Militär. Peter läuft im Slalom durch die auf Matten liegenden Kursteilnehmer, rückt bei den Suicide Planks Oberkörper zurecht und nickt im Rhythmus von "California, keep it rockin'".

Als wenig später Hip-Hop-Tänzerin Anya beim Training meinen Kopf umklammert und ihre schwitzende Stirn an meine Schläfe drückt, muss ich an die Bundeswehrsoldatin denken, die mir zuvor anvertraute, dass es "schon schön" sei, wenn der Kampfpartner gewaschen sei. Ich bin froh, nicht noch mehr Knoblauchfalafel im "Pure Vegan Heaven" gegessen zu haben.

Soll ich Anya jetzt wirklich das Knie in die Seite rammen? Wie weh tut ihr das, und kann sie sich eigentlich wehren? Was unser Trainer vor sich hin murmelt, verstehe ich im Gerangel schon längst nicht mehr.

Dann merke ich, wie sie mich so fest im Griff hat, dass mein Körper ihr plötzlich dorthin folgt, wo sie ihn haben möchte. Ich zögere - doch dann reicht's mir. Ich setze an zum Angriff und treffe sie mit meinem Knie am Hüftknochen - da tut es nicht so weh. Sie lässt von mir ab, wir schauen uns an und lachen keuchend.

Die Magie des Moments

Am Abend vor der Abreise, als ich meine Ellbogen inspiziere, entdecke ich einen großen blauen Fleck. Ein Tapferkeitsmal. Sieht aus, als hätte ich alles gegeben.

Nach meinem Triumph geht es zurück in mein normales Leben. Dort, wo ich jeden Tag viel Energie darauf verschwende, mich zwischen frittiertem Hähnchen oder frischem Salat zu entscheiden, zwischen Trainieren oder Fernsehgucken auf dem Sofa.

Was mich am Boxen reizt: das Ultimative, die Klarheit. Schlag oder du wirst geschlagen, gib alles und sei präsent. "Keine Vergangenheit, keine Zukunft", sagt Mónica. "Du fokussierst dich auf den Moment - er ist alles, was beim Boxen zählt."