The Ghan Tanz auf dem Längengrad

Mitten im Traumzeit-Land der Aboriginal People hat die Nation ihren Traum vollendet: Nach 120 Jahren Bauzeit durchschneidet die Nordsüd-Bahn Australien von Küste zu Küste, quert 22 Breitengrade, vier Klimazonen. Der sogenannte Ghan ist schon jetzt, gut ein Jahr nach der Eröffnung, Legende.

Von Charlotte von Saurma


John besaß nicht nur die Attitüde eines Animateurs - er wusste auch, wie er uns aus der sicheren Tiefe der geblümten Clubsessel herauskatapultieren konnte: "And you, young lady", hauchte er ins Mikro, "würden Sie uns bitte etwas von sich erzählen?" Ungefähr 30 Menschen drehten sich nach mir um, jeder eine Sektflöte in der Hand. Verlegenes Gekicher, wer würde sich als nächster outen müssen?

Wir alle waren von John über Lautsprecher in die Lounge gebeten worden, zum Pre-Dinner-Geplauder. Und sollten uns, so das Protokoll, in der Sesselrunde besser kennen lernen: Alister & Barbara aus Brisbane, George & Mary aus Melbourne, Edward & Karina aus Atlanta in ihren Flitterwochen. Mit Sicherheit keine Blitzheirat, denn für die Erste-Klasse-Tickets muss man zurzeit mit einer Wartezeit von einem Jahr rechnen.

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Abenteuer Outback: "The Ghan"

John ist Chefsteward im neuesten Luxuszug der Welt, "The Legendary Ghan", und sollte uns auf der 2979 Kilometer langen Reise von Adelaide nach Darwin australisch locker bei Laune halten. Die Eisenbahnlinie durchschneidet den Kontinent von Süd nach Nord und trifft dabei auch das einsame, grandiose, weil flammend rote Herz Australiens.

In Adelaide ganz im Süden waren wir auf dem Bahnhof von einer Art Senioren-Fußballmannschaft in Uniform - das gesamte Zugpersonal - empfangen worden. Von da an umwehte uns ein Resthauch vom Geist des New Frontier: Als würde die 47-stündige Reise noch immer dieselbe Heldentat sein, die der Bau der Bahnstrecke Adelaide-Alice Springs vor rund 100 Jahren gewesen war.

Australiens Entdeckung, Besiedlung und also Geschichte ist eng verbunden mit dem Bau von Transportstrecken. So folgten die alten Bahngleise des Ghan (heute verläuft die Strecke westlicher) der Route des Entdeckers John McDouall Stuart, der 1861/62 unter großen Strapazen den Kontinent von Süd nach Nord durchquerte und damit für die Gründung der Stadt Alice Springs verantwortlich war; fast ein Jahr brauchte er für seine Expedition. Doch erst Anfang 2004 wurde die zweite Hälfte der Bahnstrecke fertig gestellt - führen die Schienen von Alice Springs nach Darwin.

"Never Never Train"

Dieser finale Bau war allerdings nichts gegen die Verlegung der ersten Gleise ab 1878: Männer wurden beim Bau wahnsinnig, Pferde verdursteten, Termiten, Feuer, Überflutungen wüteten - bis man endlich mit Hilfe von afghanischen Kamelkarawanen, die noch Anfang des 20. Jahrhunderts das einzige Transportmittel im Outback waren, die Strecke errichten konnte. Daher der Name: Mit der ihnen üblichen Lust auf linguistische Diminutive verkürzten die Australier "The Afghan Express" zu "Ghan". Und weil man die Tiere nach Bauende freiließ, gibt es im australischen Outback noch heute wilde Kamelherden.

In den Anfangsjahren war die Bahnfahrt noch ein Abenteuer und legendär jener zweiwöchige erzwungene Halt auf freier Strecke, bei dem der Zugführer Wildgänse schoss, um die Passagiere zu verköstigen. "Never Never Train" heißt der Ghan auch im Volksmund, weil er zwischen Alice Springs und Darwin durch das Never Never genannte Niemandsland fährt. Und weil viele selbst im 21. Jahrhundert nicht glaubten, dass er jemals in Darwin ankommen würde.

Der Bau der zweiten Strecke war denn auch eine gigantische Material- und Geldschlacht. Dauerte es bis zum Beschluss 70 Jahre, so brauchte die Fertigstellung der 1420 Kilometer gerade mal zweieinhalb Jahre. Die Trasse kostete 800 Millionen Euro, 145.000 Tonnen Stahl wurden verarbeitet, sie führt über 97 Brücken, über 22 Breitengrade und vier Klimazonen. Der Zug, den bis zu drei Dieselloks mit je 4000 PS ziehen, fährt durchschnittlich 90 km/h: Das ist ziemlich langsam und entspricht dem gefühlten Altersdurchschnitt der Mitreisenden.

Es ist 20 Uhr. Längst hat der Ghan sich aus Adelaide rausgetrödelt, die 15 Edelstahlwaggons glänzen schon lange nicht mehr in der Sonne, dann Farmen, dann Weiden, dann Dunkelheit auf der Höhe von Port Augusta. Danach beginnt das Outback - keine silbergrauen Salzbüsche mehr, keine Schafe, nur ab und zu ein Rind. Drinnen amüsiert man sich prächtig, it's dinner time: Mit routinierter Liebenswürdigkeit wird ein Vier-Gänge-Menü serviert, dazu ein passabler Riesling aus dem Barossa Valley auf Höhe der Flinders Ranges.

Man kommt ins Gespräch, meine Tischnachbarn sind alle tatendurstige Rentner - das Auto huckepack auf dem Zug, wollen sie weit rumkommen: Man fährt Bahn, weil man es will, nicht weil er billiger ist als der Bus, bequemer und schneller als das Flugzeug. Mit letzterem hätte es gerade mal vier Stunden gebraucht. "Jetzt haben wir endlich Zeit, unser Land kennen zu lernen", so die Australier und finden alles very romantic. Die wenigsten kennen das Outback, denn für die Städter Australiens ist der Busch psychologisch so weit entfernt wie der Mond.

Ruhen auf Kartoffelsortierband

Die "Gold Kangaroo" (1. Klasse) gibt sich den luxuriösen Anschein von Orient-Express. Mehr Schein als Sein. Als ich in meine Dusche schaue, überkommen mich Aeroflot-Assoziationen; das stählerne Innere lässt sich auf der schmalen Seite komplett ausklappen - sowohl Waschbecken wie auch Toilettenschüssel springen mir entgegen. Das Zurückklappen mitsamt Inhalt hingegen hat eindeutig Campingqualität und braucht dennoch hohe Sensibilität. Wie man in dem Ein-Quadratmeter-Winzbad sich zu zweit restaurieren kann, bleibt ein Rätsel.

Überhaupt ist der Zug hauptsächlich legendär: Nachts sind die Zugbewegungen so heftig, dass ich trotz weißer Bettwäsche inklusive Bügelkante das Gefühl habe, auf einem Kartoffelsortierband zu liegen. Am nächsten Morgen dann Schlafvergleich am Frühstückstisch bei Toast und orange cut: Alle haben gleich wenig geschlafen, alle exakt zwei Stunden. Des Rätsels Lösung: Jene 120 Minuten stand der Luxuszug, während er darauf wartete, dass der entgegenkommende Frachtzug passierte. Denn der Ghan ist fast durchgehend nur eine einspurige Bahn.

Die viel zu kurze Schlafpause aber hat vor allem den Grund, dass die Züge in erster Linie Güter transportieren. Bislang mussten die per Lkw geliefert werden. Die neue Strecke aber gehört zum größten Teil einem internationalen Konsortium, und größter Anteilseigner ist die US-Firma Halliburton - der neue Schienenstrang dient also außer Lastentransport auch strategischen Interessen: der australischen und amerikanischen Präsens im Großraum Südostasien. Denn die Endstation Darwin liegt näher an der indonesischen Hauptstadt Jakarta als an Australiens Hauptstadt Canberra.

800 000 Tonnen Früchte, Bodenschätze, Vieh und Rüstungsgüter sollen jährlich befördert werden, täglich verkehrt hier ein Zug von 1,6 Kilometer Länge, doppelstöckig mit Containern. Es sind ehrgeizige politökonomische Interessen, die die neue Nabelschnur möglich gemacht haben, nicht australischer Pioniergedanke. "The Legendary Ghan" ist in Wahrheit nur das hübsche Sahnehäubchen oben auf.

Das älteste, staubigste, gottverlassenste Stück Erde der Erde

Sieben Uhr morgens. Es ist, als ob vor dem Aufwachen irgendjemand das Australien da draußen ausgewechselt hat. Der die grüne, bewirtschaftete Gewächshauslandschaft weggepackt und das endlos rote, menschenleere Australien ausgebreitet hat. Verkümmerte, verwachsene Bäume krümmen sich an den absurdesten Plätzen, wo sie von den heißen Nordwinden gestoßen werden. Man kann sich kaum etwas Leereres, Flacheres, Toteres vorstellen - es scheint das älteste, heißeste, trockenste, staubigste, gottverlassenste Stück Erde der Erde.

Ich starre aus dem Fenster, hypnotisiert von der Öde und während das Land vorbeiflitzt, kommt es mir vor, als ob ich ein Störbild auf dem Fernseher anschaue - meine Augen beginnen, Fantasiebilder zu sehen. Ganz selten einmal ein Rind - oder war das nicht doch nur ein vom Wind zusammengewehter Haufen Salzbüsche?

Am späten Vormittag kommen wir in Alice Springs an, der berühmten Stadt des Outback, die inmitten von Hügeln in einer kraterähnlichen Schüssel liegt: Ein perfekter Drehort für eine imaginäre Landung auf dem Mond. Alle steigen hier aus, manche für Tage wie ich, andere nur für Stunden. Vom Ghan befreit, streben die Reisenden in alle Himmelsrichtungen davon, um sich dann eine Stunde später in den vollklimatisierten Hotellobbys wiederzutreffen, bereit für einen Bustrip in den nahen MacDonnell Ranges-Nationalpark.

Was bleibt von Alice Springs? Breite, von Eukalyptus gesäumte Straßen umgeben einen kleinen zentralen Geschäftsbezirk, aber selbst da ist der Verkehr geruhsam. Das Erstaunliche an Alice Springs aber ist die auffällig große Trennung von schwarzen und weißen Bewohnern. Die Aboriginal People sitzen in Gruppen im Schatten, während die Weißen allein oder zu zweit geschäftig hin und her eilen. Sicher, es gibt gute Beispiele von Integration - das Museum of Central Australia zum Beispiel, aber auf der Straße sieht man nichts davon. Schwarz und Weiß scheinen jeweils völlig fremden Welten zuzugehören.

Es sind fünf Stunden zum Ayers Rock oder Uluru, wie ihn seine Besitzer, die Anangu nennen. Einsame Stunden auf dem Stuart Highway, the track genannt, eine unendlich lange Landstraße, auf der ich alle halbe Stunde einen roadtrain überhole, jene bis zu 50 Meter langen Lkw-Gespanne. Sonst nur das schnurrende, stille Asphaltband, kein Radiosender, keine Handyfrequenz kann die Leere durchdringen. Ein paar tote Kälber am Straßenrand - vermutlich in der Dämmerung gegen ein Auto gelaufen. "Ein Land, das nicht für Menschen gemacht ist, aber wie geschaffen, um sich darin zu verlieren", schreibt Bruce Chatwin in seinem Buch "Traumpfade". Dieses hemmungslose Nichts ist wie der Spiegel der Weite im eigenen Inneren, nie aber bekomme ich Angst wegen der giftigen Schlangen, Skorpione, Spinnen, Wassernot - nur das Gefühl, frei zu sein. Der Busch ist ein schöner und schrecklicher Ort zugleich.

Jeder Riss, jede Narbe des Uluru hat eine Bedeutung

Irgendwann fahre ich rechts ab, irgendwann komme ich an. Selbst aus der Nähe ist der Uluru unwirklich, gigantisch. Größer als jede Pyramide, mystisch und zugleich würdevoll. Keiner lacht, der vor ihm steht, jeder starrt ihn an. Wenn ein Stein je schön sein kann, dann ist er es mit seinen Kämmen, Auswürfen, Öffnungen und dem unsäglich satten Rot der von Eisenpartikeln durchwirkten Erde, das kein Vergleich ist zu dem Rostrot, in das am späten Nachmittag die Sonne die Hochhäuser New Yorks bisweilen taucht. Wildschön. Ich renne um ihn herum, vier Stunden, atemlos glücklich und versuche, ihn zu begreifen.

Wie sollte ich: Es ist das höchste Heiligtum der Aboriginal People. Es ist ihr Buch, ihre Bibel, die von der Schöpfungsgeschichte erzählt. Ein kompliziertes spirituelles Geflecht, in dem die Malereien auf dem Felsen die Beziehung zwischen Menschen, Pflanzen, Tieren und den physischen Merkmalen des Landes erklären. Für Australiens Ureinwohner hat jeder Riss, jede Narbe, jedes Wasserloch an diesem 600 Millionen Jahre alten Monolithen eine Bedeutung - nirgendwo sonst hat es ein größeres Kräftemessen der Ahnen gegeben als hier, kein anderer Ort besitzt eine so machtvolle spirituelle Energie, so dass er von allen Aboriginal People verehrt wird.

Also bittet man die Besucher um Rücksicht auf die Gefühle, so steht es in allen Sprachen groß geschrieben. Doch nach wie vor spucken Reisebusse Japaner am laufenden Band aus, die die heilige Stätte im Laufschritt erstürmen, ihn fotografieren. Dennoch ist es erstaunlich still. Der Uluru gleicht einem Theatervorhang, der mit einem lautlosen Donner gefallen ist. Atemberaubend. Einen Tag später fahre ich zu den Olgas, heute Kata Tjuta genannt, danach zum King Canyon. Es gibt wenige Plätze auf der Welt, wo der Himmel so klar ist wie hier. Zusammengenommen sind es mehr als 1200 Kilometer durch das Autofenster und ich verstehe auf einmal, warum es die Aboriginal People liebten, ihr Land pointillistisch zu malen: Es ist ein Gepunktetes - die weißen Tupfer sind Igelgras, Spinifex, die bläulichen die Eukalyptusbäume, die grünen die Akazienbüsche, gelb die Flammengrevillen. Ein farbiges, dennoch melancholisches Land, alt, müde, weise und voller dorniger Pflanzen.

Später und am Ende der Bahnfahrt im tropisch üppigen, asiatisch anmutenden Darwin ist es 39 Grad heiß und extrem feucht, eine fremde Welt. Auf dem Mindil Beach Sunset Market mischen sich Hippies mit Cowboys, Inder mit Indonesiern, riecht es nach Sushi und Thaifood, nach Räucherstäbchen und überreifen Mangos. Darwin hat nichts mit dem akkuraten Adelaide, gar nichts mit dem spacigen Alice Springs, mit dem heiligen Uluru, dem grandiosen Busch zu tun; auf der Fahrt mit dem Ghan trifft man auf viele Australien. Die Reise von Süd nach Nord mit dem Luxus der Langsamkeit hilft uns dabei zu erkennen, wer wir sind und ob wir diesem Land standhalten. Denn die Reise durchs Outback ist ein Beleg für die alte Weisheit, dass der Weg das Ziel ist. Er führt noch immer durch den Grenzraum der Zivilisation.



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