Tibet-Bahn Zugfahrt in die Wolken

Abenteuerliche Reise aufs Dach der Welt: Wer sich mit dem Zug von Peking nach Lhasa aufmacht, erlebt die Faszination der kargen Bergwelt Tibets, aber auch die Gegensätze der Kulturen. Für manch westlichen Touristen wird die Fahrt auf über 5000 Höhenmeter zur Tortur.


Wie ein Mikrokosmos des fernen Tibet versammeln sich im Wartesaal zweiter Klasse in Peking die Menschen für den abendlichen Zug hinauf aufs Dach der Welt: Viele Han-chinesische Funktionäre, Geschäftsleute und Touristen mit Bergen von Gepäck, eine Handvoll Tibeter mit ihren schönen, sonnengegerbten Gesichtern, kunstvoll geflochtenen Haarzöpfchen und den farbenfrohen Trachten, nur ein paar wenige "Langnasen", wie die Chinesen die westlichen Touristen nennen. Alle haben sie eines der begehrten Tickets für die Zugfahrt von der Hauptstadt in das mehr als 3000 Kilometer entfernte Lhasa ergattert.

Der Westbahnhof in Peking gilt als der größte in ganz Asien. An jedem Abend startet dort die Lhasa-Bahn zu ihrem 48-Stunden-Trip, der immer populärer wird und nun auch weltweit vermarktet wird.

"Der Zug bringt Gesundheit und Glück nach Tibet", verkündet der Zugbegleiter über Lautsprecher in der neuen Lhasa-Bahn in Chinesisch und Englisch in jedes Abteil. China feiert sich selbst für seine Eisenbahnstrecke der Superlative: Von den 1142 Kilometern ab Golmud verlaufen 960 Kilometer auf über 4000 Metern Höhe, für den höchsten Bahnhof, der passiert wird, müssen die Dieselloks ihre schwere Fracht auf 5073 Meter schleppen. "Ein Wunder der Eisenbahngeschichte" jubelte Ministerpräsident Hu Jintao bei der Eröffnung des 3,5 Milliarden Euro teueren Prestigeprojekts im Sommer 2006.

Nudelsuppe zum Frühstück

Nach dem ersten Schock über enge und unkomfortable Sechs-Betten-Abteile ohne Tür, schmutzige Toiletten, unzureichende Waschgelegenheiten und einen nicht abschaltbaren Lautsprecher, der in kräftigem Chinesisch pausenlos irgend etwas erzählt, lässt das Rattern des Zuges auch die westlichen Reisenden schnell in den Schlaf fallen. Dieses Hard-Sleeper genannte Abteil ist zwar preiswert, aber für 48 Stunden nicht empfehlenswert. Besser sind da die Soft-Sleeper-Abteile mit ihren vier Betten. Doch Reiseveranstalter im Ausland können bei der Buchung nicht immer eine Garantie geben, dass man auch tatsächlich ein Ticket für den Soft-Sleeper bekommt. Ein Dilemma, das angeblich auf das mangelnde chinesische Organisationstalent zurückzuführen ist.

Dass man den Ausdruck "Hard-Sleeper" durchaus wörtlich nehmen kann, zeigt sich am nächsten Morgen. Und während die "Langnasen" noch über ihre unbequeme Lage klagen, sitzen die Chinesen bereits mit ihrer Frühstücks-Nudelsuppe auf den Gängen, reden, lachen und streiten. Wer sich nicht vor Beginn der Zugfahrt mit allerlei Essbarem und Teebeuteln sowie Kaffeepulver eingedeckt hat, der hat schwere Stunden vor sich. Das Angebot des Speisewagens ist dürftig, Tee muss sich jeder Fahrgast selbst zubereiten und auch das nach chinesischer Landessitte überaus unfreundliche und ruppige Zugpersonal kann einem nicht helfen.

Doch schon das erste Aufwachen im Zug entschädigt für die Unzulänglichkeiten dieser Reise: Draußen zieht eine gewaltige Landschaft vorbei - karg, aber von erhabener Schönheit. Noch ist vereinzelt saftig grünes Grasland in den Ebenen zu sehen, die ersten zotteligen Yaks tauchen auf. Und mit ihnen die Nomaden in ihren bunten, schweren Dschubas aus Yak-Wolle. In einiger Entfernung sind die ersten schneebedeckten Sechs- und Siebentausender zu sehen. Im gemächlichen Tempo ziehen die Lokomotiven die fast 1000 Fahrgäste auf die größte Höhe dieser Reise, den Tanggula-Pass mit 5073 Metern Höhe.

Wer im höchstgelegenen Bahnhof der Welt auf 5068 Metern schon einmal Höhenluft schnuppern möchte, lernt rasch den flugzeug-gleichen Druck- und Sauerstoffausgleich des Tibet-Zuges zu schätzen, denn selbst ein kurzer "Einkaufsbummel" auf dem Bahnhof bringt den Kreislauf eines Flachland-Europäers gehörig durcheinander.

Umstrittener Waren-Umschlagplatz Lhasa

Erste Auswirkungen der Anbindung Tibets an das Mutterland China machen sich in der Hauptstadt Lhasa bereits bemerkbar: Sie wird mehr und mehr zur "chinesischen" Stadt, in der die Tibeter bald nur noch eine Minderheit darstellen.

Die Ankunft auf dem Bahnhof in Lhasa zeigt deutlich, was China mit Tibet vorhat: Mit aller Macht soll der rückständige Landesteil an das Fortschrittsstreben aus Peking angepasst werden. Das fast menschenleere Gebäude ist von sprödem, sachlichem Charme und gleicht eher dem Umschlagplatz einer Spedition. Seine gewaltigen Dimensionen sind offenbar auf gewaltige Transportmengen aus dem Flachland vorbereitet - auch von Rüstungsgütern und Militärs, wie Menschenrechtsorganisationen befürchten.

Wolken zum Greifen nah

Knapp 3700 Meter hoch liegt die Hauptstadt Lhasa, das erste Ziel der Tibet-Reisenden. Gute Reiseprogramme lassen den Ankommenden mindestens einen Tag Zeit zur Eingewöhnung an die Höhe, bevor die anstrengende Besichtigungstour von Potala-Palast, Jokhang-Tempel, Norbulingka und Ramoche beginnt. Am eindrucksvollsten lässt sich die Faszination des Landes erleben, wenn man die organisierte Besichtigungstour absolviert hat und sich ohne Reiseführer auf den Weg zur einzigen noch verbliebenen tibetischen Enklave der Stadt namens Barkhor macht, einem wahren Irrgarten aus Kopfsteinpflastergassen, Läden mit Kunsthandwerk und Essbarem sowie tibetischen Andenken.

Im Mittelpunkt des Barkhor steht der Jokhang. Rund um die gewaltige buddhistische Tempelanlage werfen sich die Pilger im Kotau unablässig auf das Pflaster, um sich für eine bessere Wiedergeburt zu wappnen. Das gesamte Stadtviertel riecht nach Yak-Butter, die als Tee getrunken, aber auch als Brennmaterial für tausende Tempellämpchen genutzt wird. Es ist ein Geruch, den man nie mehr vergessen wird. Bunte Gebetsfähnchen wehen in der dünnen, klaren Luft, die weißen Wolken am tiefblauen Himalaja-Himmel sind zum Greifen nah.

Reiseführerin Ting ting, eine junge Han-Chinesin aus dem fernen Osten des Landes, lebt und arbeitet seit einem Jahr in Lhasa. Ob sie Tibetisch spricht, will ihre deutsche Reisegruppe von ihr wissen? "Nein, nein", wiegelt sie freundlich ab, "das braucht man hier nicht." Und auch zur buddhistischen Religion fehlt ihr der Zugang, die demütige Frömmigkeit ihrer tibetischen Landsleute ist ihr eher suspekt und gilt als rückständig. Fragen nach dem 14. Dalai Lama, von den Tibetern noch immer hoch verehrt, werden schlichtweg überhört.

Angelika Rausch, ddp



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