Raketenmuseum in Arizona "Willkommen im Dritten Weltkrieg"

Ein Museum im US-Bundesstaat Arizona versetzt Besucher in den Kalten Krieg zurück. Zu sehen gibt es die mächtigste Atomrakete, die die USA jemals gebaut haben. Sie steht bis heute in ihrem Silo.

Chritoph Seidler

Aus Green Valley, Arizona, berichtet


Es gibt da diese rote Blechbüchse, ein paar Stufen die Treppe vom Eingang hinunter, befestigt an einer Trennwand aus Metall. Unscheinbar sieht sie aus. Aber allerspätestens hier wäre der Moment der Wahrheit gekommen, sagt Tom McDonnell.

Wer es bis hierher geschafft hätte, an all den oberirdischen Sicherheitsvorkehrungen vorbei, der hätte den Telefonhörer an der Wand abheben, hätte seinen - nur für dieses eine Mal gültigen - Zugangscode von einem kleinen Papierchen ablesen und in den Hörer sprechen müssen. Anschließend, und das ist wichtig, hätte er den Zettel anzünden und in die Blechbüchse werfen müssen.

Dann und nur dann hätte sich die Tür vor ihm geöffnet. Was ja auch gut war - schließlich stand auf der anderen Seite eine 30 Meter hohe "Titan II"-Interkontinentalrakete, mit einem Sprengkopf Hunderte Male kraftvoller als die Bomben von Hiroshima und Nagasaki.

Wobei "stand" nicht stimmt.

Denn die Rakete steht bis heute in ihrem unterirdischen Silo, nur dass der Treibstoff und vor allem der Sprengkopf entfernt wurden, nachdem US-Präsident Ronald Reagan das System Anfang der Achtzigerjahre außer Dienst stellen ließ. Ansonsten ist alles noch wie im Kalten Krieg: Im Titan Missile Museum, rund 40 Kilometer südlich von Tucson im US-Bundesstaat Arizona, können Besucher einer der mächtigsten Waffen nahekommen, die Menschen bislang gebaut haben - und McDonnell ist einer der Gästeführer an diesem Tag.

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Titan Missile Museum: Die ultimative Abschreckung

Bevor er seine Besuchergruppe in den Untergrund führt, zum Kontrollraum und später auch zum Silo mit der Rakete, stellt er eine Sache klar: "Es gibt hier keinen großen roten Knopf." Auch wenn der US-Präsident da ja mal anderes gesagt habe, als er gegenüber dem nordkoreanischen Staatschef Kim Jong Un mit der Größe seines "red buttons" geprahlt habe. Das sei aber Quatsch, die Raketen würden bis heute mit Schlüsseln gestartet.

"Ich muss jetzt aufhören", ermahnt sich McDonnell dann aber. Nicht etwa weil hier Geheimnisse verraten würden, nein. Es geht darum, möglichen Streit mit Besuchern zu vermeiden: "Ich darf nicht politisch werden."

Rauchen neben der Rakete

Dann lotst er seine Besucher in den Untergrund. Erst geht es durch eine unscheinbare Blechpforte, später - hinter dem roten Blechgefäß - noch durch zwei riesige Betontüren, die zwar jeweils drei Tonnen schwer, aber doch so einfach zu bewegen sind, dass sogar ein Grundschulkind aus der Gruppe damit keine Probleme hat.

Schließlich führt McDonnell die Gruppe in den Kontrollraum des unterirdischen Raketensilos und berichtet, wie hemmungslos die vier Soldaten auf ihren 24-Stunden-Schichten rauchten, direkt neben einer jederzeit startbereiten Rakete. Beschreibt, dass die Militärs nur jeweils zu zweit hier unterwegs sein durften ("No Lone Zone"). Erklärt die Uhren, von denen eine die Ortszeit anzeigt - für die Mittagspause, wie McDonnell sagt - und die andere die für das US-Militär global verbindliche "Zulu Time", also die Koordinierte Weltzeit.

Er zeigt die mit Lochbändern aus dem Kunststoff Mylar gefütterten Computer zur Zieleingabe und sagt, dass die Bunkerbesatzung im Falle eines Falles noch nicht einmal gewusst hätte, wohin sie ihr tödliches Geschoss eigentlich abgefeuert hätte: "Die Ziele waren damals geheim, und sie sind heute noch immer geheim."

Der Ernstfall im Spiel

Und dann spielt McDonnell mit seinen Gästen den Ernstfall durch. Lässt gefunkte Durchsagen über einen Lautsprecher schnarren, lässt Bestätigungscodes vergleichen, die in einem Safe hier verschlossen lagen. Dann kommen die beiden Schlüssel zum Einsatz, so winzig, dass man sie selbst für ein Fahrradschloss für zu klein halten würde. Gleichzeitig müssen sie von zwei Personen gedreht werden - und dann für fünf Sekunden gehalten.

Das sorgt dafür, dass nach und nach die Lampen am Kontrollpult aufleuchten. Und dann käme der Moment, in dem die Rakete zünden und das Silo erbeben lassen würde. Der Moment, in dem eine Gewalt entfesselt wäre, die sich nicht mehr stoppen ließe. "Willkommen im Dritten Weltkrieg", sagt McDonnell trocken. "In 34 Minuten würde 'Target 2' aufhören zu existieren."

1963 hatte die US-Regierung die "Titan II" in Dienst gestellt, als ultimatives Mittel der Abschreckung im Kalten Krieg: Mit einer Geschwindigkeit von 25.700 km/h konnte sie mehr als 10.000 Kilometer weit fliegen. Vor allem aber konnte sie einen Neun-Megatonnen-Sprengkopf transportieren. Und sie war extrem schnell einsatzbereit, innerhalb noch nicht einmal einer Minute nach Erteilen des Startbefehls.

Kein Zurück mehr

Die USA, so sagt es McDonnell gleich mehrfach auf seiner Tour, hätten sich mit ihren Atomwaffen nur verteidigt, niemals zuerst angegriffen. Deswegen habe es auch keine Vorrichtung gegeben, einmal im Flug befindliche Raketen noch zu zerstören. Der Präsident hätte den Startbefehl schließlich nur in dem Fall erteilt, wenn das Land angegriffen worden wäre.

Insgesamt 54 Raketen waren in über das Land verteilten unterirdischen Silos stationiert. Die hätten sogar einen direkten sowjetischen Atomangriff überstehen sollen. Jeweils 18 der Waffen waren bei Little Rock (US-Bundesstaat Arkansas) verbunkert, bei Wichita (US-Bundesstaat Kansas) - und eben in der Umgebung von Tucson. Übrig von all diesen Standorten ist nur noch der, in dem sich das Titan Missile Museum befindet.

Das erste Mal sehen die Besucher die Rakete durch eine Glasscheibe, etwa auf halber Höhe des Silos. Das matt silbern glänzende Ding, das da direkt vor einem steht, ist freilich so groß, dass es sich gar nicht komplett erfassen lässt. Eindrücklicher ist daher der Blick ganz am Ende der Tour, wenn man von oben in das Raketensilo hineinschauen kann.

Der 760 Tonnen schwere Betondeckel, im Falle eines Abschusses wäre er innerhalb von 20 Sekunden zurückgefahren worden, ist dauerhaft halb geöffnet. Der Blick auf die Rakete dort unten ist faszinierend - vor allem aber ist er verstörend. Wie hatte Tom McDonnell es gerade beim ersten Blick auf die "doomsday machine" ausgedrückt? "Niemand hätte gewonnen. Aber das Leben auf diesem Planeten wäre für immer verändert worden." Oder ausgelöscht.

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