Eine Saline wie ein Gemälde: Tom Hegen hat aus der Luft fotografiert
Eine Saline wie ein Gemälde: Tom Hegen hat aus der Luft fotografiert
Foto: Tom Hegen

Salinen aus der Luft fotografiert Salz sehen

Woher kommt das Salz, das wir uns morgens auf die Tomaten und mittags ins Nudelwasser streuen? Tom Hegen fotografierte Salzseen von oben – eine »Ode an die Schönheit des Alltäglichen«.
Text: Julia Stanek, Fotos: Tom Hegen

Tom Hegen betrachtet die Welt gern von oben herab. Das ist nicht mal böse gemeint, eher gut. Seinen neuesten Bildband, er zeigt Luftaufnahmen von Orten zur Salzgewinnung, nennt der 31-jährige Fotograf daher auch »eine Ode an die Schönheit des Alltäglichen«.

Schnee und ein Kornfeld? Nein, Salzgewinnung am Great Salt Lake, Utah: Die USA sind nach China der zweitgrößte Salzproduzent der Welt, gefolgt von Indien, Deutschland und Australien. Allerdings wird nur aus rund drei Prozent des geförderten Rohstoffs Speisesalz. Das meiste Salz wird zum Entfernen von Eis auf den Straßen genutzt.

Schnee und ein Kornfeld? Nein, Salzgewinnung am Great Salt Lake, Utah: Die USA sind nach China der zweitgrößte Salzproduzent der Welt, gefolgt von Indien, Deutschland und Australien. Allerdings wird nur aus rund drei Prozent des geförderten Rohstoffs Speisesalz. Das meiste Salz wird zum Entfernen von Eis auf den Straßen genutzt.

»Salz ist zu einem der gewöhnlichsten und alltäglichsten Gebrauchsgüter in unseren Küchenregalen geworden«, sagt Hegen. Klar, wir fragen uns tatsächlich eher selten, woher das kommt, was wir uns morgens aufs Rührei oder mittags ins Nudelwasser streuen. »Dass hinter der Gewinnung von Meersalz eine spannende Geschichte, insbesondere aber auch eine visuell eindrucksvolle Ästhetik steckt, lässt sich erst aus der Luft erkennen«, sagt Hegen.

Auf seinen Fotoreisen, die sich über fünf Kontinente erstreckten, hatte er das immer wieder beobachtet. Im Gepäck habe er stets Drohnen und seine Kamera, sagt er, unterwegs chartere er Hubschrauber und kleinere Flugzeuge. Fotografiert habe er aus der offenen Tür – und dabei Muster wie diese entdeckt.

Salzgewinnung in der Camargue, Frankreich: Im Südosten des Rhône-Deltas entstanden die ersten Verdunstungsbecken im Mittelmeerraum. Mit dem Salz machte man Fisch und Fleisch haltbar.

Salzgewinnung in der Camargue, Frankreich: Im Südosten des Rhône-Deltas entstanden die ersten Verdunstungsbecken im Mittelmeerraum. Mit dem Salz machte man Fisch und Fleisch haltbar.

In Useless Loop, Westaustralien, fotografierte Hegen diese Salzgewinnungsanlage, die sich auf einer Landzunge in der Shark Bay befindet. Die Bucht zählt zum Unesco-Welterbe.

In Useless Loop, Westaustralien, fotografierte Hegen diese Salzgewinnungsanlage, die sich auf einer Landzunge in der Shark Bay befindet. Die Bucht zählt zum Unesco-Welterbe.

»Die Landschaften, die durch den Salzabbau geformt wurden, werden im Luftbild zu abstrakten Formen, die eine malerische Qualität annehmen«, sagt Hegen.

Great Salt Lake, Utah

Great Salt Lake, Utah

Die Aufnahmen, die nun in dem Bildband »Salt Works« erschienen sind, hat Tom Hegen  über vier Jahre hinweg gemacht.

Noch vor der Coronakrise reiste er dafür nach Frankreich und Australien, während der Pandemie – im Jahr 2021 – dann nach Spanien, in die USA und nach Mexiko. Zudem sind Fotos aus diesem Jahr dabei, und zwar aus dem Senegal und Indien.

Warum muss man so weit reisen, um Salzseen, Verdunstungsbecken und Meerwassersalinen zu fotografieren? Hegen zeigt sich schlicht fasziniert von diesen Orten, die trotz ihrer Gemeinsamkeiten so verschieden sind. »Zunächst unterscheiden sich die künstlich angelegten Becken durch ihre Farben und Formen«, sagt er. »Jedes Becken, in dem salzhaltiges Wasser durch Sonneneinstrahlung verdunstet, hat einen individuellen Salzgehalt. Während das Wasser verdunstet, färbt es sich von Grün zu Rosa und dann Dunkelrot.«

Noch einmal der Great Salt Lake, Utah, USA

Noch einmal der Great Salt Lake, Utah, USA

Dieser Effekt werde durch mikroskopisch kleine Algen der Gattung Dunaliella verursacht, die jedem Becken einen anderen Farbton verleihen. »In hypersalinen Gewässern mit hohen Salzkonzentrationen produzieren die Algen große Mengen an Beta-Carotin, welches sich durch die rot-orange-rosa Farbpigmente auszeichnet. Das Pigment wirkt für die Alge wie ein natürlicher Sonnenschutz.«

Camargue, Frankreich

Camargue, Frankreich

Die Bilder in Hegens Buch beeindrucken mit ihrer teils grafischen Optik. In den Texten erfährt man Interessantes über das Handwerk. Etwa, dass die Salzbauern in der Camargue ihre Verdunstungsbecken im Frühling über die mit dem Mittelmeer verbundenen Kanäle fluten. »Im Sommer, zwischen April und August, wird das Meerwasser dann durch ein System von Pumpen und Schleusen von Becken zu Becken bewegt, in denen das Wasser langsam verdunstet.«

Useless Loop, Westaustralien

Useless Loop, Westaustralien

Aus der Luft wurden dem Fotografen auch die Dimensionen der Salzbecken klar: Besonders große, industrielle Anlagen umfassten meist Dutzende Quadratkilometer, erzählt er.

»Dagegen sind traditionelle Abbaumethoden wie in Senegal oder in Indien ein Beispiel dafür, wie die Salzbauern mit einfachsten Werkzeugen und der Hilfe von Sonnenenergie versuchen, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.«

Salzgewinnung am Saloum River im Senegal: Aus der Luft betrachtet wie Seepocken

Salzgewinnung am Saloum River im Senegal: Aus der Luft betrachtet wie Seepocken

Wirkt wie ein Aquarelltuschkasten, doch hierbei handelt es sich um Salzgewinnung in Indien: Kleiner Rann von Kachchh im Bundesstaat Gujarat an der Grenze zu Pakistan

Wirkt wie ein Aquarelltuschkasten, doch hierbei handelt es sich um Salzgewinnung in Indien: Kleiner Rann von Kachchh im Bundesstaat Gujarat an der Grenze zu Pakistan

Tom Hegen war zum Fotografieren zwar oft in der Luft, doch auch von dem Leben vor Ort hat er etwas mitbekommen: Vor allem die Salzbauern im Senegal und in Indien hätten ihn beeindruckt, erzählt er. Sie verrichteten ihre Arbeit unter extremen Bedingungen.

Der Searles Lake in Kalifornien ist ein ausgetrockneter See in der Mojave-Wüste, nahe dem Death Valley Nationalpark

Der Searles Lake in Kalifornien ist ein ausgetrockneter See in der Mojave-Wüste, nahe dem Death Valley Nationalpark

Hier sieht es aus, als wären Wasserfarben auf Papier verlaufen: Searles Lake in Kalifornien

Hier sieht es aus, als wären Wasserfarben auf Papier verlaufen: Searles Lake in Kalifornien

»Im Senegal laufen die Arbeiter jeden Morgen vor Sonnenaufgang Dutzende Kilometer mit ihren Eseln und Holzkarren zu den Salzpfannen und kehren erst zum Sonnenuntergang zurück«, so schildert es Hegen. Im Rann von Kachchh in Indien, einem zeitweise überfluteten Salzsumpf, lebten die Salzbauern ein gutes halbes Jahr mit ihrer Familie direkt neben ihren Salzbecken und arbeiteten bei bis zu 50 Grad Celsius, ohne Schatten und barfuß im Salz.

Saloum River, Senegal

Saloum River, Senegal

Hegens Fotos tragen eine Botschaft in sich, die bekannt ist, aber oft vergessen wird: Diese Welt lohnt einen zweiten Blick.

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