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16. November 2007, 05:58 Uhr

Top Ten Armenien

Kleinod im Kaukasus

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Plauderstündchen mit Sagengestalten, Bergtouren im Russen-Jeep, Termitenhöhlen von Menschenhand: Eine Armenien-Rundtour garantiert skurrile Erlebnisse. SPIEGEL ONLINE präsentiert die besten Urlaubstipps für ein unterschätztes Reiseparadies.

Zwischen Genozid-Kontroverse und Katastrophenmeldungen: Wenn in den Nachrichten von Armenien die Rede ist, geht es meistens um die Weigerung der Türkei, die Massaker aus dem Jahr 1915 als Völkermord anzuerkennen. Oder um schreckliche Ereignisse wie das Erdbeben von 1988, bei dem mehr als 30.000 Menschen zu Tode kamen, oder den blutigen Konflikt um die Region Berg-Karabach.

Als Reiseziel dagegen konnte sich Armenien trotz sehenswerter Berglandschaften, spektakulärer Sakralbauten und einer bewegten Geschichte erst in jüngster Zeit von seinem Status als Geheimtipp befreien. Das belegen jährlich zweistellige Wachstumsraten der Touristenzahlen und ein immer größer werdendes Angebot an Busreisen. Die übliche Route führt zu den bekannten Klöstern in Tatev, Khor Virap und Haghpat, zum Sevansee, der auf fast 2000 Metern Höhe zu den größten Gebirgsseen der Welt zählt, zum Garni-Tempel und nach Echmiadzin.

Sehenswürdigkeiten in Armenien: Jährlich zweistellige Tourismus-Wachstumsraten
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Sehenswürdigkeiten in Armenien: Jährlich zweistellige Tourismus-Wachstumsraten

Gerade deutsche Touristen scheinen sich vielfach für die bequemen Gruppentouren zu entscheiden – vielleicht ohne zu wissen, dass es in der Hauptstadt Eriwan für weniger Geld kein Problem ist, einen armenischen Fahrer zu engagieren, der im Idealfall noch ein paar Brocken Englisch beherrscht und dadurch gleichzeitig als Dolmetscher aushelfen kann.

Denn ohne Russisch- oder Armenischkenntnisse haben es Individualreisende besonders in ländlichen Regionen oft schwer, sich zu verständigen. Landkarten sind ungenau und manche Straßenschilder nur in armenischer Schrift verfasst. Doch Umwege erhöhen bekanntlich die Ortskenntnis, und wer den Namen seines Ziels kennt, erhält von den hilfsbereiten Einheimischen eine gestenreiche Richtungsangabe und manchmal sogar noch eine spontane Einladung zu armenischem Kaffee, Lawash-Brot und Schafskäse.

Wer also ohne die planerische Fremdbestimmung einer Reisegruppe unterwegs ist, braucht Inspiration und Infos über weniger bekannte Ziele – SPIEGEL ONLINE präsentiert deshalb zehn Top-Attraktionen eines unterschätzen Reiseparadieses.

Aragats – der höchste Berg Armeniens

Schon die Straße zum Startpunkt der Wanderung ist abenteuerlich: Mit Tempo 20 rumpelt das weiße Lada-Taxi von Byuarakan über eine steile Schlaglochstraße nach oben. Die einzigen Zeichen von Zivilisation sind ein paar Kuhherden und die allgegenwärtigen Strommasten. Dann erreicht man, idyllisch am Gebirgssee Kari gelegen, ein Forschungszentrum für kosmische Strahlung in 3300 Metern Höhe.

Von hier aus ist der Aufstieg zum Südgipfel über vulkanische Geröllwüsten mit schwefelgelben, schwarzen und orangefarbenen Felsen auch für Wanderer ohne größere Alpinerfahrung kein Problem – auch wenn die Höhe von 3879 Metern den Puls in die Höhe treibt. Für die Strapazen entschädigt nach etwa zwei Stunden Aufstieg der Blick auf den Kleinen und Großen Ararat jenseits der türkischen Grenze, dessen Gipfelpaar wie zwei weiße Pyramiden hoch über den Wolken zu schweben scheint.

Wer dann noch zum Nordgipfel will, dem mit 4090 Metern höchsten Punkt Armeniens, muss zunächst in ein Kratertal absteigen, mehrere Schneeflächen überqueren und dann noch einmal knapp 600 Höhenmeter über bewegliche Geröllblöcke aufsteigen – eine aufreibende Prozedur, da die Bergschuhe bei drei Schritten nach vorne immer einen zurückrutschen. Pfadfinderische Grundkenntnisse sind dabei Pflicht, da es keine Wege und kein brauchbares Kartenmaterial gibt.

Eriwan - Hauptstadt im Wandel

Laut, europäisch, lebendig: Die geschäftige Hauptstadt Armeniens scheint den ländlichen Gegenden um mindestens 50 Jahre voraus zu sein. In der Innenstadt zeugen Baustellen, die komplette Straßenzüge umfassen, vom wirtschaftlichen Aufschwung oder zumindest vom Reichtum einiger im Ausland lebender Armenier. Denn häufig sind es Millionäre aus der Diaspora, die sich Denkmäler setzen mit Bauten wie der "Cascade" - einer gigantischen Betontreppe, die zu einer Siegessäule hoch über der Stadt führt. Nachts trifft sich hier die Jugend auf ein Kilikia-Bier auf den Stufen.

Im Sommer wird der von säulenreichen Prachtbauten aus dem 19. Jahrhundert gesäumte National Square zum Laufsteg für elegante Designer-Schuhmode. Denn ein gepflegtes Äußeres – die Männer meist im schwarzen Anzug und mit ordentlichem Seitenscheitel, die Frauen in modernster Markenmode – ist in Eriwan Pflicht. Vielleicht will man sich damit auch einfach von der Landbevölkerung abgrenzen, die häufig noch im selbstgestrickten Zwirn unterwegs ist.

Die Menschen und ihre Kultur – Gastfreundlichkeit auf Armenisch

"Setzt euch, ich feiere gerade meinen Geburtstag!", sagt der grauhaarige Herr, der an einer Wasserstelle einen Tisch aufgebaut hat und mit seinen Kollegen ein Festmahl vorbereitet. Kurze Zeit später werden vor den Augen der erschrockenen Gäste zwei Hühner mit Messern geköpft, dazu wird reichlich armenischer Wodka und Ararat-Cognac ausgeschenkt.

Typisch armenische Mahlzeit: Lawash-Brot und Schafskäse
Stephan Orth

Typisch armenische Mahlzeit: Lawash-Brot und Schafskäse

Wer einmal die armenische Gastfreundlichkeit erlebt hat, wird die Begegnungen mit Einheimischen zu den Höhepunkten jeder Armenien-Reise zählen. Speziell in ländlichen Gegenden werden westliche Besucher trotz Sprachbarriere stets herzlich empfangen.

Zwischen diversen wortreichen Toasts auf Väter, Mütter, Kinder, Geschwister, Großeltern, Kollegen und Frauen ergötzt sich die Festgemeinschaft an üppigen Fleischspießenkhorovats, dazu tischen die Frauen Tomaten- und Gurkensalate und reichlich Zwiebeln auf.

Friedhof von Noratus – Sagengestalten auf Grabsteinen

Die vier uralten Frauen, die auf Grabsteinen sitzen und spinnen, scheint es direkt aus der germanischen Sagenwelt der Nornen ins armenische Hochland verschlagen zu haben. Doch sie spinnen nicht die Schicksalsfäden, sondern dicke Socken aus Schafswolle für 3000 Drams (etwa 7,50 Euro) pro Paar. Ähnlich geschäftstüchtig – und bei Temperaturen von über 30 Grad Celsius deutlich erfolgreicher - bieten elfjährige Mädchen den wenigen Touristen bunte Zeichnungen der 39 Buchstaben des armenischen Alphabets an.

Dabei wollte man doch eigentlich nur Armeniens größte Ansammlung von khachkars sehen, das sind Kreuzsteine mit fein detaillierten christlichen Motiven. Noratus ist ein gigantischer Friedhof, der an manchen Stellen jedoch auffallend lebendig wirkt - in einem der umzäunten Familiengräber tummeln sich die den Socken Wolle spendenden Schafe und mähen vergnügt kauend den Rasen.

Berg-Karabach - Spuren des Krieges

328 Sonnentage im Jahr, enorm freundliche Menschen – und überall Spuren des Krieges gegen Aserbaidschan: Die Republik Berg-Karabach ist kein Ort, zu dem die großen Touristenbusse fahren. Viele Felder sind weiterhin wegen Landminengefahr nicht betretbar, und nur ein paar besonders Abenteuerlustige trauen sich in die verwaiste Geisterstadt Agdam, die noch 1994 mehr als 100.000 Einwohner hatte und heute vom Militär kontrolliert wird.

Trotzdem sind schon allein die atemberaubenden Bergpanoramen bei der Anfahrt aus Goris die Mühe wert, für eine Republik, die nicht international anerkannt ist, ein eigenes Visum zu beantragen. Und nicht nur Kriegsdenkmäler wie der auf einem Podest stehende Panzer von Askeran, sondern auch das Gandzasar-Kloster aus dem 13. Jahrhundert oder die Fortruine von Tigranakert könnten in einer friedlicheren Zukunft mehr Touristen anlocken.

Ukthasar & Zorats Karer – Rätsel aus der Steinzeit

Bei jeder Unebenheit springt der Tacho von 0 auf 40, synchron macht die Hupe leise Stakkato-Geräusche, die Gummidichtung in der Tür quietscht, der Motor singt hochtourig sein Klagelied – doch nicht nur akustisch ist die Geländefahrt in dem 24 Jahre alten russischen Uas-Militärjeep ein Erlebnis. Durch einsame Berg- und Steppelandschaften bringt Fahrer Sascha seine Mitfahrer bis auf 3300 Meter Höhe, oben wartet eine beeindruckende Aussicht auf die Gipfel des Umlandes – und die Höhlenmalereien von Ukhtasar.

Armenien-Karte: Ukthasar liegt im Süden des Landes
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Armenien-Karte: Ukthasar liegt im Süden des Landes

Warum die Menschen ausgerechnet in dieser schwer zugänglichen Gegend vor 7000 Jahren diverse Strichmännchen und -tierchen in den Fels ritzten, ist für Forscher bis heute ein Rätsel. Die Petroglyphen zeigen Jagdszenen, Tänzer und Panther. Wilde Tiere gibt es hier wirklich: "Ein Bär hat hier mal einen tschechischen Touristen in den Arm gebissen", erzählt Fahrer Sasha vergnügt.

Wer es trotz solcher Gefahren unbeschadet wieder ins Tal schafft, sollte unbedingt am Weg eine weitere rätselhafte Stätte besuchen – die Felsen mit Guckloch namens "Zorats Karer" gelten als das Stonehenge Armeniens und sollen steinzeitlichen Astronomen bei der Orientierung am Sternenhimmel geholfen haben.

Noravank - Kleinod zwischen Felsen

Am Kopf einer spektakulären, im Sonnenlicht rötlich schimmernden Schlucht erhebt sich majestätisch Noravank. Das "neue Kloster" ist unter etlichen in Traumlage gebauten armenischen Gebirgskirchen eine der schönsten, Architekt Momik schuf im 13. Jahrhundert ein Meisterwerk sakraler Architektur.

In gutem Zustand sind die Skulpturen und Reliefs mit Bildern von Maria, den Aposteln Peter und Paul sowie den Erzengeln Gabriel und Michael. Über eine ungesicherte Treppe neben dem Haupteingang können Hobby-Fassadenkletterer ins obere Stockwerk gelangen. Hinter einer Mauer zeugt ein meterhoher Berg abgebrannter gelber Kerzenstummel vom armenischen Brauch, in einer Kirche ein Licht für Freunde und Verwandte anzuzünden.

Debed-Schlucht - Tagestour am Abgrund

Kloster von Odzun: Gotteshaus direkt an der Schlucht
Stephan Orth

Kloster von Odzun: Gotteshaus direkt an der Schlucht

Hunderte Meter geht es in dieser gigantischen Erdspalte nach unten, wo sich der Debed-Fluss durchs Gestein schlängelt. Die Tagestour im Lada-Taxi führt über extrem schlaglochreiche Schotterwege am Rand der Schlucht entlang. Genauso sehenswert wie die zum Unesco-Weltkulturerbe erklärten Kirchen Sanahin und Haghpat ist das Dörfchen Odzun, wo ein Gotteshaus aus dem 7. Jahrhundert nahe der Schlucht erhalten ist.

Am Rand der Hauptstraße verkaufen Bauern Walnüsse, Brombeeren und Äpfel, die kunstvoll in Pyramidenform aufgestellt werden. Unbedingt probieren: frisch gekochte Maiskolben.

10. Teil: Echmiadzin - der "Vatikan" Armeniens

11. Teil: Höhlendorf Chndzoresk - Termitenhügel von Menschenhand

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