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Sansibar: Heimat einer Popstar-Legende

Foto: Simon Riesche

Tourismus auf Sansibar Zwischen Glaube und Geschäft

Bis zu 25 Jahre Haft für Homosexuelle: Freddie Mercury, der berühmteste Sohn der Insel, hätte sich auf Sansibar als Erwachsener kaum wohlgefühlt. Verehrt wird er hier trotzdem bis heute - allerdings bestimmt nicht von konservativen Klerikern.
Von Simon Riesche

Joseph sitzt am Strand von Sansibars alter Hafenstadt Stone Town und blickt über die Wellen in die Ferne. "It's a kind of magic" tönt es passend zur Kulisse aus seinem kleinen Radio. "Ich mag ihn", sagt Joseph und nickt in Richtung der Boxen. Joseph meint Farrokh Bulsara, besser bekannt als Freddie Mercury, Sänger der Jahrhundertband Queen.

Knapp 40 Jahre vor seinem Fan Joseph wird Bulsara alias Mercury im September 1946 auf Sansibar geboren. Mit acht Jahren muss der Sohn einer wohlhabenden parsischen Familie vor nationalistischen Rebellen von der Insel nach Indien fliehen, von dort geht er später nach England. Als er 1991 an den Folgen seiner Aids-Erkrankung stirbt, ist er nicht nur einer der berühmtesten Popstars seiner Zeit, sondern auch eine Ikone für Schwule weltweit. HIV und Homosexualität, das sind auf Sansibar zwei absolute Tabuthemen. Entsprechend umstritten ist der berühmteste Sohn der Insel hier.

Sansibar, der Name dieses Reiseziels steht für Exotik und Fernweh. Von der Gewürzinsel zur Sklaveninsel, von der Kolonialinsel zur Urlaubsinsel - der Archipel vor der ostafrikanischen Küste hat viel mitgemacht in den vergangenen Jahrhunderten. Seit 1964 ist er halbautonomer Bundesstaat Tansanias. Auf der Hauptinsel Unguja, die gewöhnlich einfach Sansibar genannt wird, lebt die große Mehrheit der etwa eine Million Einheimischen, hierhin zieht es auch die meisten Besucher aus dem Ausland.

Bitte nicht sonnenbaden

Korallenriffe und weiße Sandstrände machen Sansibar zu einem Ferienparadies, das immer mehr Ausländer anlockt. Doch auch wenn die Touristen viele Dollars auf die Insel spülen, freut sich nicht jeder Einwohner über die Fremden. Weite Teile der muslimischen Bevölkerung tun sich schwer mit ihren allzu freizügigen Gästen. Aus Rücksicht auf Gläubige solle man an den Stadtstränden doch bitte nicht sonnenbaden, raten einige Pensionen in Stone Town.

Nun, da die Touristenzahlen steigen, fragen sich viele Inselbewohner, welcher Weg für Sansibar der richtige ist. Was ist wichtiger, Glaube oder Geschäft? Tradition oder Moderne? Freddie Mercury ist zu einer Art Symbolfigur im Streit über diese Fragen geworden. Für welchen Weg sich die Sansibarer auch entscheiden, es ist eine Gratwanderung.

Ein paar Souvenirläden gibt es in Stone Town, die vorgeben, im Geburtshaus des großen Sängers beheimatet zu sein. Queen oder Koran? Während die eine Seite der Insel kein Problem damit zu haben scheint, mit dem Namen Freddie Mercury Geld zu machen, ist der anderen Seite vor allem die offen zur Schau getragene Homosexualität Mercurys ein Dorn im Auge. Im September 2006 störten konservative Kleriker gar die Feierlichkeiten zu Mercurys 60. Geburtstag.

25 Jahre Haft für Homosexuelle

Wie fast überall in Afrika sind auch auf Sansibar gleichgeschlechtliche Beziehungen streng verboten, die Strafen sind hier jedoch besonders hoch. Nach einer Gesetzesverschärfung müssen Schwule und Lesben mit bis zu 25 Jahren Haft rechnen, wenn sie angezeigt werden. "Für viele Menschen hier ist das wirklich eine der schlimmsten Straftaten", sagt der 26-jährige Mercury-Fan Joseph, der selbst für mehr Gelassenheit beim Umgang mit dem Thema wirbt.

Von einer ziemlich gelassenen Seite zeigt sich Sansibar im Mercury's, einer Bar in der Nähe des Fähranlegers. Jede Ecke des Innenraums ist mit Bildern und Relikten des Namensgebers geschmückt, die Bedienungen und Barkeeper tragen sein Konterfei auf der Brust, unaufhörlich sind Queen-Songs aus den Lautsprechern zu hören.

Nicht nur die Musik ist in der Strandkneipe westlich geprägt. In Shorts und T-Shirt sitzen ein paar europäische Touristen in der Mittagshitze und trinken Bier. Ein Einheimischer am Tresen hat davon schon mehr als genug. Lallend fällt er in sich zusammen und muss aus dem Laden getragen werden. Es sind solch traurige Bilder, die die Warnungen mancher islamischer Prediger in ein etwas anderes Licht rücken.

Doch nicht Alkohol, sondern Heroin ist das wohl größte Drogenproblem Sansibars. Etwa 4000 bis 6000 Abhängige soll es hier geben, schätzen Experten. Die Droge kam in den achtziger Jahren aus Pakistan auf die Insel, als die sansibarische Regierung die Inselgruppe für Handel und Tourismus öffnete. Heroinspritzen waren es wohl auch, die die Anzahl von HIV-Infektionen auf Sansibar in die Höhe schnellen ließen - nicht die Prostituierten vom Festland, die viele Inselbewohner dafür verantwortlich machen.

Garküchen und Märkte

Nein, Sansibar ist nicht so paradiesisch, wie es seine palmengesäumten Sandstrände auf den ersten Blick erscheinen lassen. Doch es wäre umso trauriger, wenn seine Touristen sich deswegen nur noch in den Luxus-Resorts an der Ostküste verstecken würden. Die Bewohner der Insel haben schon immer mit Fremden gelebt, sie sind Teil der sansibarischen Identität. Vielleicht kümmert sich die Tourismusbehörde auch deswegen so rührend um Individualreisende. "Sir, haben Sie schon ein Zimmer für die Nacht?", fragt ein freundlicher Herr am Fähranleger und schreibt gleich einige Adressen auf.

Im Gassenlabyrinth von Stone Town gibt es für Besucher besonders viel zu entdecken. Abends bieten im Forodhani-Park unzählige Garküchen lokale Köstlichkeiten an. In einem der einfachen Gästehäuser im Kolonialstil kann man danach in einem Zimmer mit hohen Decken bei Kerzenschein die Eindrücke des Tages aufschreiben, bevor einem im gut durchgelegenen Bett unter dem Moskitonetz die müden Augen zufallen.

Am ursprünglichsten ist Sansibar wahrscheinlich frühmorgens auf dem Markt am Hafen. Der Muezzin hat gerade gerufen, da laufen die Holzboote der Fischer mit ihrem nächtlichen Fang ein. Touristen wagen sich nur selten hierher, doch es gibt wohl kaum einen Ort, an dem sie so willkommen sind.

Und immer wieder erlebt man magische Momente, die einen dazu bringen, wiederkommen zu wollen auf diese bunte Insel.

Farrokh Bulsara aber, der verlorene Sohn der Insel, ist bis zu seinem Tod nie nach Sansibar zurückgekehrt. Auch nicht, als er Freddie Mercury hieß.

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