Tourismus-Einbruch in Kenia Übrig bleibt das Prinzip Hoffnung

Kenia ist ins Schlingern geraten. Das Image des Urlaubsparadieses ist aufgrund der gewalttätigen Unruhen schon jetzt nachhaltig ramponiert. Auch John Christensen, Besitzer einer Lodge in der Massai Mara, steht vor dem wirtschaftlichen Ruin.

Aus der Massai Mara berichtet


Massai Mara - Abends, wenn die Sonne langsam über dem Mara-River versinkt, vernimmt man im Karen-Blixen-Camp am Rande von Kenias berühmtestem Tierreservat, der Massai Mara, nur noch das Schnaufen der Nilpferde, die sich im Hippopool tummeln. Daneben äsen Impalas. Dann und wann lässt sich majestätisch ein Seeadler nieder. Es ist wie immer.

Nur menschliche Gäste sind im Moment Mangelware.

Die meisten der 22 wildromantischen Zelte sind verwaist, das Karen-Blixen-Camp ist derzeit in nahezu jeder Hinsicht eine Oase des Friedens. Und es ist keine Ausnahme. Von nur noch zwei bis drei, maximal fünf Prozent Belegung sprechen Reiseveranstalter. Die "Mara Country Lodge", nicht weit entfernt, hat wie viele andere bereits geschlossen. Wer will derzeit aber auch nach Kenia reisen? Nur 50 Kilometer nördlich der vornehmen und sehr geschmackvoll gestalteten Lodge wetzen Kisii-Krieger ihre Macheten, spannen Kalenjin-Warriors ihre Bögen und brennen Häuser nieder.

Die schrecklichen Nachrichten und Bilder haben Europa längst erreicht. "Kenia steuert auf den Abgrund zu", befand am 31. Januar 2008, die "Zeit". Noch immer dominieren Bilder mordlustiger Jugendlicher aus Eldoret oder anderswo die BBC-Keniabeiträge: "Die Machete, oder Panga, wie die Kenianer sie nennen, ist ein alltägliches Bild geworden", berichtet etwa die schockierte Reporterin Karen Allen aus dem Rift Valley.

Sie ist keine Ausnahme. Nahezu alle internationalen Berichterstatter, die ihre von Wachdiensten abgeschotteten Büros verlassen, kommen zum gleichen Ergebnis. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" sieht sogar schon ivorische Verhältnisse nahen. "Die Parallelen der Kämpfe in Kenia zu den Ausschreitungen, die zum Bürgerkrieg in der Elfenbeinküste führten, sind besorgniserregend", schreibt deren Afrika-Korrespondent Thomas Scheen, der während des dortigen Blutvergießens jahrelang in Abidjan ausgeharrt hatte. "Im Westen von Kenia herrscht Krieg", titelte die "Neue Zürcher Zeitung"; "Jenseits von Afrika versinkt Kenia im Blut", schrieb der "Stern".

Unruhen in allen ostafrikanischen Ländern

Selbst der Weltsicherheitsrat der Vereinten Nationen, der sich sonst mit Afghanistan, Somalia oder dem Irak herumzuschlagen hat, nahm sich des Mordens nun an und forderte die beteiligten Parteien zum Frieden auf. Noch immer, befindet die Uno, würden "Zivilisten getötet, Opfer sexueller Gewalt und aus ihren Häusern vertrieben", von "weitverbreiteter Gewalt" ist die Rede. Alle Vermittlungsbemühungen von Ex-Generalsekretär Kofi Annan sind bislang erfolglos geblieben.

Natürlich ist es eine bittere Wahrheit: Kenia, das viele als halbwegs stabil kannten und an dessen erschreckend hohe Alltagskriminalität ("Nairobbery" wird die Hauptstadt seit langem genannt) man sich irgendwann gewöhnt hatte, ist gefährlich ins Schlingern geraten. Zu glauben aber, dass die Stabilität in Kenia für die Ewigkeit gemacht war, ist bestenfalls naiv. Außer Tansania wurden praktisch alle ostafrikanischen Staaten in den letzten Jahren von Bürgerkriegen und Völkermorden heimgesucht.

John Christensen weiß das natürlich. Er wollte dennoch in Kenia sein Glück versuchen. 1993 besuchte er das Land zum ersten Mal, und fast auf Anhieb verliebte er sich in das Land. Der Däne ist einer der Inhaber des Karen-Blixen-Camps. Vor zwei Jahren erst wurde die Lodge eröffnet. Um in der Einöde möglichst selten einen stinkenden Dieselgenerator benutzen zu müssen, baute er eine teure Solaranlage auf.

Natürlich hat Christensen viel Geld investiert, und es sieht so aus, als würde er derzeit viel verlieren. Allein für die Monate Januar bis März hat er Stornierungen im Wert von 700.000 US-Dollar zu beklagen. "Es ist traurig", sagt Christensen, "aber wir müssen die Realität zur Kenntnis nehmen. Es hat doch keinen Sinn, den Kopf in den Sand zu stecken und so zu tun, als würden hier nicht gerade schreckliche Dinge geschehen."

"Gesundbeterei hilft am allerwenigsten"

Besonders abstoßend findet Christensen das Gejammer einiger seiner Kollegen, die in Kenia leben und das Unglück bagatellisieren: "Ich kann sogar verstehen, dass viele Touristen jetzt lieber nach Tansania zum Ngorongoro-Krater fahren oder meinetwegen nach Südafrika. Es ist doch nun einmal so, dass die Touristen viele Alternativen haben und lieber dorthin fahren, wo die Zustände halbwegs in Ordnung sind." Die Probleme müssten jetzt im Land gelöst werden. Törichte Gesundbeterei aber helfe am allerwenigsten, und geradezu zynisch sei es, den jetzigen Zustand von Machtmissbrauch und Gewalt zur Normalität zu erklären, als seien die Menschenrechte nicht universell.

Mwai Kibakis Wahlfälschung hat viel Schaden angerichtet. Und das, nachdem 2007 ein Rekordjahr für den kenianischen Tourismus gewesen war: mit Einnahmen von rund 650 Millionen Euro und einem Anstieg von 15,4 Prozent zu 2006. Mehr als eine Millionen Menschen besuchten das Safariland.

Kenia und seine Provizen.Quelle Provinzgrenzen: Wikipedia
SPIEGEL ONLINE

Kenia und seine Provizen.Quelle Provinzgrenzen: Wikipedia

Nun bricht die Wirtschaft rasend schnell zusammen, überall im Land. "Dass sich die Lebensumstände des Volkes, in dessen Namen gemordet und gebrandschatzt wurde, zum Besseren hin verändern, das steht nicht zu erwarten", schreibt der kenianische Autor Meja Mwangi. Er weiß, dass das "wirtschaftliche Unheil" ("Daily Nation") Kenias erst begonnen hat. 300.000 Menschen sind auf der Flucht. Aus der berechtigten Angst, von Angehörigen anderer Volksgruppen massakriert zu werden, verließen sie ihr Zuhause. Ihre Felder werden nicht mehr abgeerntet, ihre Geschäfte nicht geführt. Blumenplantagen wurden in Naivasha zerstört. Kaffeepflücker aus dem Luoland wagen sich nicht zur Arbeit am Mount Kenya, Händler aus der Central Province nicht mehr nach Kisumu.

Blanker Terror in Nairobis Slums

Dass die Regierung noch besonders viel von ihrem Herrschaftsgebiet kontrolliert, ist wohl eher Propaganda aus dem "Statehouse", in dem sich Mwai Kibaki verbarrikadiert und den der "Observer" deshalb als "General Coward" -"General Feigling" - verulkt. Teile des Rift Valley befinden sich längst im Chaos, die Oppositionshochburg Nyanza im Westen ohnehin, in Nairobis Slums herrscht zum Teil der blanke Terror.

Im Norden des Landes, Richtung Sudan und Äthiopien, konnte sich immer schon weitgehend unbehelligt von der Polizei das Bandenwesen entfalten, ebenso wie im Nordosten entlang der somalischen Grenze. In der Central Province werden derzeit Luos vertrieben. Relativ ruhig ist es in der Region um Kakamega, wo überwiegend Luhyas leben - fast friedlich jedoch in den Nationalparks, in den Touristengegenden an der Küste, dem bevorzugten Lebensraum der weißen Aussteiger, und in einigen wohlhabenderen Gebieten in Nairobi.

Investoren werden sich deshalb reiflich überlegen, ob sie ihr Glück noch einmal in einem Land versuchen, durch das "eine Welle der Anarchie" ("The Guardian") schwappt und in dessen Städten "Vergeltung regiert" ("New York Times"). Auch Christensen hat schon mit dem Gedanken gespielt, seine Zelte in Kenia abzubauen und in der Serengeti ein neues Lager zu errichten. Sein Plan wird wohl an den hohen Gebühren für eine dortige Lizenz scheitern.

Jetzt muss er erst einmal Mitarbeiter in Kenia entlassen. Statt 63 Angestellten wird er bald nur noch 26 beschäftigen. Und danach herrscht das Prinzip Hoffnung.



insgesamt 258 Beiträge
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Seite 1
Tobias417, 27.01.2008
1.
Wo ich gerade schon gelesen habe, das die sich mit Macheten und Pfeil und Bogen bekriegen (echt modern), halte ich das für ein verlorendes Land. Scheint so als ob wieder ein afrikanisches Land im Bürgerkrieg versinkt.
VevendoVides, 27.01.2008
2.
Wie sagte schon Homar von Dithfurt in den Siebzigern: "Lasst sie sterben" !?
K&K, 27.01.2008
3.
Zitat von sysopDie Kämpfe unter den Stämmen Kenias werden immer erbitterter, mit der umstrittenen Präsidentschaftswahl im Dezember hat das kaum noch etwas zu tun. Wie kann verhindert werden, dass die Situation in dem ostafrikanischen Land weiter eskaliert?
Dieser Kontinent hat alles: Bodenschätze, Nahrung, vermarktbare Naturschönheiten (trotzdem gibt es nennenswerten Tourismus nur in ganz wenigen Ecken, bis dato u.a. Kenia) etc etc. Wo sonst auf der Welt fndet man das in Hülle und Fülle. Nach all den Unabhängigkeiten ging's bergab. In anderen Ex-Kolonien keineswegs, siehe Indien und anderswo. Diese korrupten Häuptlinge, die sich grinsend die Entwicklungshilfe einstreichen, um eine der Gattinen im Privatjet nach London zum Shopping zu schicken, logierend in den Suiten aller Luxushotels außerhalb Afrikas, ekelhaft. Nun kommen die Chinesen und klopfen ihnen auf die Schulter, bzw. öffnen das Geldbörsl. Wenn ich Afrika in den Medien sehe, schalte ich ab, blättere ich weiter. Jede Wette, Südafrika und Namibia werden in wenigen Jahren nicht anders sein wie Zimbabwe heute!
lef 27.01.2008
4.
Auch wenn es abgegriffen klingt: Der einzige (IMHO) Weg ist Ausbildung - allerdings nicht so eine Halbbildung, wie sie jetzt in Afrika überwiegend praktiziert wird (Schule nur ein paar Jahre), die macht Alles eher noch schlimmer. Die richtige Ausbildung fängt DANACH an (Berufsausbildungen), aber das ist m.Erfahrung nach von den Staaten selbst nicht bezahlbar (für ärmere Staaten) bzw. wird nicht bezahlt, weil das Geld korrupt verbraucht wird. Wie überall auf der Welt hat auch in Afrika keiner wirklich Lust, hart zu arbeiten, vor Allem nicht mit der Hand auf dem Land, aber der einfachere Weg des Geldverdienens führt nun mal über Industrialisierung (auch der Landwirtschaft), und das erfordert nun Mal gut ausgebildete Menschen. Davon ist Afrika so weit weg wie z.B. Deutschland im Jahr 1800. Aber: Wie mein Vorredner bin ich auch der Meinung, dass es jetzt schon zu spät ist. Die globalisierte Welt ist bereits aufgeteilt, und eine Produktion in heute noch nicht entwickelten Staaten ist wirtschaftlich für Keinen interessant. Ich kenne nicht Kenia, sondern Gambia - das allerdings sehr gut. Aber auch dort gibt es Stämme (sehr deutlich unterschieden, teilweise dorfzudorf), Armut und Korruption. Spenden machen Alles noch schlimmer: Nur die Halbbildung (für süße Kinder) wird gesponsort, nicht aber Berufsausbildung, ergo: Landflucht, und Entwicklungsprojekte werden zwangsläufig dorfweise geschenkt - das steigert den Hass der anderen Dörfer (und eben auch Stämme). Hinzu kommen anachronistische wertvorstellungen - die hochgepriesene Großfamilie ist da z.B. der größte Verhinderer von einzelnem Erfolg. IMHO: Alte Werte und Korruption sind nicht von Außen bekämpfbar, sondern nur von Innen. Das erfordert mindestens eine Generation (30 Jahre) allgemeinen Reichtum inklusive sehr guter Basisbildung ff wie z.B. in Europa. Für Afrika sehe ich keine Chance mehr - da haben die jetzigen Industriestaaten (inklusive China) überhaupt kein Interesse daran. Und Spendenzahlungen? Siehe oben.. Noch vor 11/2 Jahren sagte Kenias Wirtschaftsminister Shikvati (ungefähr): "Bleibt bloß mit Euren Entwicklungshilfegeldern weg...! Wenn wir Afrikaner es schaffen wollen, dann ganz alleine!" IMHO hatte er Recht. Und dann ist das jetzige Keniaproblem genau die Folge davon. Ob wir (die Industriestaaten) wirklich daran Schuld haben, ist schwer zu sagen. Aber verhindert wurde es durch unsere Hilfe genau so wenig.
einbayerausmünchen 27.01.2008
5.
Ist ein Jammer. Das Problem ist das Stammesdenken und ich sehe keinen einzigen Afrikanischen Staat südlich der Sahara in dem dieses Problem in irgendeiner Form gelöst wurde.
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