Tourismus in Burma Land der tausend Qualen

Das Elend ist groß, die Menschen werden zu Zwangsarbeit vergattert, und überall lauern Spione. Burma ist ein Staat voller Repression, Furcht - und voller Schönheit. Wie reist man in einem Land, in dem ein brutales Regime regiert? SPIEGEL-ONLINE-Redakteurin Antje Blinda war in Burma unterwegs.


Der Tri-Shaw-Fahrer zischelt mir ins Ohr. Der hagere Alte, der das Gefährt und mich durch die Straßen von Mandalay tritt, flüstert: "Ich hasse das Militär." Er will Demokratie in seinem Land – und hört regelmäßig BBC. Das ist verboten in Burma.

Der Besitzer des beliebtesten Restaurants am Platz führt uns über kleine Pfade zu einem Eremiten im Wald. Er schaut sich sorgsam um, weit und breit nur Eukalyptusbäume, kein Mensch ist zu sehen. Bisher war er eher wortkarg, doch plötzlich ist sein Redefluss nicht mehr zu stoppen. Er erzählt über Korruption und über die Unmöglichkeit, ein eigenes "Business" zu unterhalten.

Eine Gruppe von jungen Mönchen in der Shwedagon-Pagode von Rangun verstrickt uns in eine lebhafte Diskussion über Deutschland, Flugzeuge und Demokratie. Plötzlich werden sie still. Hinter uns hat sich ein älterer, gut gekleideter Mann gesetzt und die Ohren gespitzt.

Vier Jahre ist das her, doch an den Umständen hat sich nichts geändert. In Burma sind Spione allgegenwärtig. Wer sich Ausländern nähert und mit ihnen redet, muss vorsichtig sein. Meinungsfreiheit gibt es nicht in der burmesischen Diktatur.

Wer von Zwangsarbeit, Folter, Völkermord, Bürgerkrieg und vielen weiteren massiven Menschenrechtsverletzungen der Militärjunta von Burma hört, dem mag die Diskussion Tourismus in Burma – ja oder nein? akademisch erscheinen. Wer will schon das Regime eines Landes unterstützen, das sein eigenes Volk verelenden lässt. Doch die Frage lässt sich kaum so pauschal beantworten, wie sie gestellt wird.

Vehement gegen Tourismus in ihrer Heimat ist Aung San Suu Kyi. Die Friedensnobelpreisträgerin und Führerin der 1990 gewählten demokratischen Partei NLD, die nie an die Macht durfte, fordert einen umfassenden wirtschaftlichen Boykott. Jegliche Einkünfte durch ausländische Besucher würden nur die Zeit der Schreckensregierung verlängern, argumentiert sie.

Mystische Tempel, vertriebene Dörfer

Dass ihr Geld in die Kassen der Militärjunta unter General Than Shwe wandert, können Touristen in Burma zwar mit einiger Mühe weitgehend vermeiden. Doch schon die Einrichtung der touristischen Infrastruktur findet auf Kosten der Menschen in dem Vielvölkerstaat statt. Um zum Beispiel die sagenhafte Tempelwelt von Bagan attraktiver für die zahlenden Besucher zu machen, wurden die Dörfer auf dem Gelände mit Militärgewalt umgesiedelt. Rund 6000 Menschen mussten 1990 innerhalb einer Woche ihre Häuser verlassen, die umgehend planiert wurden. Daher herrscht heute über der alten Königsstadt eine fast mystische Stille.

Und zum Ausbau der Straßen im Land rekrutiert das Militär regelmäßig Zwangsarbeiter. Ganze Dörfer schuften am Fahrbahnrand, uralt scheinende Frauen und kleine Kinder bewegen riesige Metalltonnen mit flüssigem Teer, um den Straßenbelag per Hand zu verbessern. An ihnen vorbei sausen Taxis, die sich oft nur Touristen leisten können. Auch am Inle-See mit seinen berühmten Einbein-Paddlern, der von jedem Burma-Besucher angesteuert wird, ging das Gerücht um, dass jede Familie in nahen Dörfern eine Person zur Zwangsarbeit abstellen muss, um Straßen freizuhalten.

Dennoch gibt es viele Stimmen - auch in der demokratischen Opposition -, die Touristen im sogenannten Land der tausend Tempel zulassen wollen. "Burma hat viele Probleme, vor allem durch 30 Jahre Isolation", sagte einmal die Journalistin Ma Thanegi, eine frühere Weggefährtin von Suu Kyi, "mehr Isolation hilft nicht, die Probleme zu lösen." Von den Besuchern aus dem Ausland erhoffen sich viele Burmesen Aufmerksamkeit für ihre Probleme, eine Öffnung, Veränderungen in der Politik und mehr Einkommen. Wenn die Besucher bewusst auf die Flüge, Pauschaltouren, Züge und Fähren der staatlichen Organisationen verzichten, kommt ihr Geld direkt den Einheimischen zugute. Auch unterhalten manche der westlichen Veranstalter Schulen, unterstützen Dörfer und Klöster.

Mit offenen Augen und Empathie

Doch in Burma ist Tourismus nicht gleich Tourismus. Zwischen individuell und Pauschalreisenden differenziert Heinz Fuchs, Leiter von Tourism Watch im Evangelischen Entwicklungsdienst. "Jeder muss selber entscheiden, ob er nach Burma reisen möchte", sagt Fuchs. Doch er empfehle, keine Reisen mit Reiseveranstaltern zu unternehmen. Die könnten kaum vermeiden, mit Organisationen der Militärregierung zusammenzuarbeiten.

Zumindest sollte jeder Tourist sich sehr genau beim Veranstalter erkundigen, wie bewusst und mit wem dieser seine Reisen plane. Aber "Menschen mit einer gewissen Empathie, die in Eigenregie mit offenen Augen unterwegs sind, sollten reisen", sagt Fuchs. "Sie müssen sich nur über ihr eigenes Risiko und über das Risiko für diejenigen, mit denen sie Kontakt haben, bewusst sein."

Die Krux bei der Für-und-Wider-Entscheidung: Wer kann das schon von seinem heimischen Sessel aus beurteilen? Und – wer einmal in Burma war, den lassen das Land, seine zutief religiösen Menschen und ihr Schicksal nicht mehr los. Der lässt sich berühren von der unendlichen Herzlichkeit und von dem ungeheuren Elend und trägt die Botschaft davon in seine eigene Welt. Und der ist beeindruckt von der Aufgeschlossenheit und Neugier der isoliert lebenden Burmesen.

Allerdings nicht ganz isoliert. Ein junger Bootsmann auf den Kanälen am Inle-See fängt plötzlich an, ehrfurchtsvoll von FC-Bayern-Torwart Oliver Kahn zu schwärmen. Woher er den kennt? Aus dem Radio natürlich, per Kurzwelle empfangen - auch das ist verboten in Burma.



insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
Wuz-zy, 13.07.2007
1. Ich würde nicht reisen,
Zitat von sysopWer jetzt in den Libanon fährt, der hat spektakuläre antike Ruinen für sich alleine, wird herzlich empfangen, kriegt Preisnachlässe in den halbleeren Hotels. Ist das Reisen in Krisenregionen allzu sorglos oder gutes Timing, um dem Massentourismus zu entgehen?
aber viele sehen das anders. Einige Leute empfinden eine Reise in ein "Krisengebiet" als besonders sensationell und wundertoll, um damit im Bekanntenkreis angeben zu können. Auch Geschäftsleute, die sehr oft in "Krisenregionen" unterwegs sind, sehen ihre Reisetätigkeit nicht als bedenklich an, zumal laut deren Aussagen in hiesiger Presse vieles aufgebauscht und negativer dargestellt würde, als es wirklich ist. Bei meinem alten Arbeitgeber habe ich das täglich erlebt.
AKA, 13.07.2007
2.
Zitat von sysopWer jetzt in den Libanon fährt, der hat spektakuläre antike Ruinen für sich alleine, wird herzlich empfangen, kriegt Preisnachlässe in den halbleeren Hotels. Ist das Reisen in Krisenregionen allzu sorglos oder gutes Timing, um dem Massentourismus zu entgehen?
Wer unbedingt "Abenteuer-Urlaub" benötigt - bitte. Aber dann auch die Risiken alleine tragen.
Wopper, 13.07.2007
3.
Zitat von AKAWer unbedingt "Abenteuer-Urlaub" benötigt - bitte. Aber dann auch die Risiken alleine tragen.
Richtig. Und dann nicht auf "ich kann ja nichts dafuer" machen wenn man von irgendwelchen Irren entfuehrt wird (wie im Jemen oder Kashmir vor einigen Jahren)
frietz, 16.07.2007
4.
Zitat von WopperRichtig. Und dann nicht auf "ich kann ja nichts dafuer" machen wenn man von irgendwelchen Irren entfuehrt wird (wie im Jemen oder Kashmir vor einigen Jahren)
interessanter wird es dann wieder in deutschland, wenn man verhaftet wird, weil man ja angeblich in einem terrorlager zur ausbildung war.
Constantinopolitana, 16.07.2007
5.
Hallo, als Tourist zum puren Vergnügen würde ich sicher nicht in den Libanon fahren, einfach weil ich das Gefühl habe, ich hätte dort nichts zu suchen. Es ist schon klar, daß die Leute, die vom Tourismus leben, das sicher anders sehen - aber Tourismus in Krisenregionen kommt mir ein bißchen vor wie Schaulust bei Unfällen oder Bränden. So nach dem Motto: "Mir geht's prächtig, aber interessant ist es schon, was denen da zugestoßen ist". Für die Arbeit war ich im März im Libanon (und wo ich schon einmal da war, habe ch natürlich auch das beiruter Nachtleben genossen, nicht nur bis abends um zehn), aber das ist was anderes. Ich war da, um für die EU nach einem Krankenhausabfallprojekt zu sehen und um ein anderes Projekt im Umweltministerium zu betreuen. Wenn meine Anwesenheit den Leuten da etwas nützt, sehe ich auch nichts Übles darin dorthinzufahren. Das war eigentlich überhaupt mein Hauptbeweggrund, diese Art von Beruf zu wählen - Umwelt und Entwicklung, im Besonderen Abfallwirtschaft -, aber ich will auch nicht leugnen, daß die zweite Motivation bei der Berufswahl war, daß ich mengenweise Länder und Kulturen kennenlernen will, und zwar nicht nur die Ruinen von Baalbek, sondern auch die Leute, die jetzt in dem Lande wohnen und arbeiten. Was die Angst vor Bomben anbelangt, sehe ich das ähnlich wie die anderen von der Sorglosfraktion. Ich würde niemals in ein Land wie den Irak fahren, auch nicht für das allerwichtigste und großartigste Projekt, einfach, weil ich viel zu viel Angst vor Entführung und Enthauptung hätte und als potentielles Entführungsopfer schon kilometerweit erkennbar wäre. Aber alle Länder, in denen nicht ein derart anarchischer und grausamer Bürgerkrieg herrscht wie im Libanon, sondern wo es einfach ein bißchen unruhiger ist, kommen mir nicht so fürchterlich vor. Es wäre vielleicht anders, wenn die Terroristen sich nicht soviel Mühe gäben, Angst und Schrecken auch mitten in Europa zu verbreiten. Das führt nunmal dazu, daß man sich sagt, ob's mich nun in Madrid in der Eisenbahn oder in Beirut auf der Corniche erwischt, macht nicht den großen Unterschied. Sicher ist man inzwischen nirgends mehr, außer vielleicht in kleinen, entlegenen Ländern, die den Volkszorn diverser Mudschahidin noch nicht gereizt haben (Island, Seychellen, Botswana...). Allerbeste Grüße, Eva
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