Tourismus in der Antarktis Schutzzonen im ewigen Eis

Die Antarktis reizt abenteuerlustige Individualisten ebenso wie verwöhnte Kreuzfahrturlauber. Die Reisen ins ewige Eis boomen – und bereiten Polarforschern Kopfzerbrechen, weil Tiere und Pflanzen zunehmend leiden müssen. Jenaer Wissenschaftler haben nun ein Schutzkonzept entwickelt.

Von


Antarktis: Faszination weiße Wüste
GMS

Antarktis: Faszination weiße Wüste

Allein die Beschreibung im Reiseprospekt lässt weiße Landschaften aus Schnee und Eis vor dem inneren Auge entstehen: "Mit den Zodiac-Booten fahren Sie zwischen den Eisbergen in die Fjorde hinein. Sofern die Eisverhältnisse es erlauben, durchfahren Sie den spektakulären Lemaire-Kanal, wo die mächtigen Gletscher krachend direkt ins Meer kalben." Doch damit ist es längst nicht getan, denn auch Fußmärsche auf dem sechsten Kontinent stehen auf dem Programm des Antarktis-Reiseveranstalters: "An der Nordspitze der antarktischen Halbinsel werden Sie an Land gehen. Weitere Landgänge sind geplant auf Deception Island mit den heißen Quellen bei Pendulum Cove und auf der Insel Orne."

Der Schritt in die weiße Unendlichkeit liegt im Trend. Nicht zuletzt weil zahllose Ziele rund um den Globus quasi von jedem bereist und abfotografiert zu sein scheinen, zieht es immer mehr Touristen ins ewige Eis. Die Antarktis reizt abenteuerlustige Individualisten ebenso wie verwöhnte Kreuzfahrturlauber, die bei der nächsten Familienfeier mit Pinguinfotos protzen wollen. Meist gelangen die Reisenden von Feuerland aus auf die antarktische Halbinsel, den Teil des Eiskontinents, der sich Südamerika scheinbar entgegenstreckt. Andere Routen führen über Tasmanien und Südafrika. Gereist wird in den hiesigen Wintermonaten. Für Touristen besonders interessant sind die vorgelagerten Inseln und ein schmaler Landstreifen - also der Bereich, auf dem Leben überhaupt möglich ist.

Gefahr für Umwelt durch Abenteuertouristen

Nach aktuellen Berechnungen der International Association of Antarctica Tour Operators (IAATO) gingen in der Saison 2004/2005 fast 28.000 Touristen in der Antarktis an Land. Gut jeder Zehnte davon kam aus Deutschland. Reiseveranstalter und Besucher sollten sich bei Reisen ins ewige Eis der Antarktis bereits jetzt an internationale Bestimmungen halten, die das Verhalten an Land ebenso regeln wie den Umgang mit Abfall und die Minimalabstände zu Tieren. Doch der boomende Tourismus bereitet Polarforschern dennoch zunehmend Kopfschmerzen. Auf der 22. Internationalen Polartagung in Jena gab es deswegen einen speziellen Workshop zum Einfluss des Menschen auf die Lebensräume in der Antarktis.

Pinguine und Touristen: Bei Stress benötigen die Tiere mehr Energie
GMS

Pinguine und Touristen: Bei Stress benötigen die Tiere mehr Energie

Hans-Ulrich Peter vom Institut für Ökologie der Universität Jena forscht seit 1983 in der Antarktis. Für ihn sind nicht unbedingt die Kreuzfahrttouristen das Problem: "Wenn die Touristen nur kurze Zeit da sind und von professionellen Führern gelenkt werden, ist das nicht das Problem." Gefahr droht demnach von anderer Seite: "Es gibt neue Aktivitäten, die uns nicht gefallen", sagt Peter im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Mit seiner Kritik zielt der Forscher auf den sogenannten Adventure-Tourismus. "Dabei zelten Touristen in der Antarktis oder fahren in offenen Gewässern mit dem Kajak", sagt Hans-Ulrich Peter. Für besonders Wagemutige stehen sogar Gletscherklettern, Tauchexpeditionen oder Marathonläufe auf dem Programm. Der Wissenschaftler schätzt, dass es noch weniger als 1000 Touristen pro Jahr sind, die sich auf diese Weise vergnügen. Doch, so sagt Hans-Ulrich Peter, die Branche boomt: "Das ist ein neuer Zweig, der gerade losgeht".

Doch die abenteuerlustigen Besucher sorgen bei den Tieren der Antarktis für Stress. Das hat etwa die Jenaer Forscherin Simone Pfeiffer am Beispiel der Riesensturmvögel nachgewiesen. Nähern sich ihnen Menschen auch nur bis auf 50 Meter, steigt ihre Herzfrequenz stark an. "Man darf die Vögel in der Antarktis nicht mit unseren Vögeln hier vergleichen", erklärt Hans-Ulrich Peter. Für einige Bewohner der Eiswüste sei der Kontakt zu Menschen ungleich belastender als für heimische Tiere. "Stress bedeutet, dass die Tiere mehr Energie brauchen. Wenn man sie häufig stört, dann haben sie Energieverlust und damit eventuell in Schlechtwettersituationen keine Reserven mehr." Außerdem würden die aufgescheuchten Vögel ihr Gelege kurzzeitig verlassen. Zeit genug für die Raubmöwe, um die Eier zu holen.

Festgelegte Wege und Wanderrouten

Deswegen fordern Wissenschaftler einen besonderen Schutz der antarktischen Pflanzen- und Tierwelt. Besonders wichtig ist das in all den artarktischen Gebieten, wo sich Forscher und Touristen gleichermaßen drängeln. Ein Beispiel dafür ist die Insel King-George. "Die Gegend gehört zu den am dichtesten besiedelten Gebieten der Antarktis", erklärt Hans-Ulrich Peter. Immerhin sieben Länder, darunter auch Deutschland, unterhalten in der Region Forschungsstationen. Auch eine feste Landebahn für Flugzeuge gibt es. Gleichzeitig habe der Landstrich für antarktische Verhältnisse eine "besonders üppige Naturausstattung", sagt Peter - mit großen Vogelkolonien, Moosen und Flechten.

Polarforscher: Sieben Länder unterhalten auf der Insel King-Georg Stationen
GMS

Polarforscher: Sieben Länder unterhalten auf der Insel King-Georg Stationen

Für einen 15 Kilometer breiten Streifen der Fildes-Halbinsel haben die Jenaer Ideen für ein Managementkonzept entwickelt. "Wir sind nicht gegen Tourismus in der Antarktis", erklärt Forscherin Simone Pfeiffer. Doch geht es nach den Vorstellungen der Jenaer Forscher, soll es in Zukunft strengere Regeln für Menschen in der Antarktis geben. Um Naturschutz und menschliche Aktivitäten unter einen Hut zu bringen, wollen sie spezielle Zonen ausweisen. So sollen strenge Naturschutzgebiete getrennt werden von Gebieten wo der Mensch aktiv ist. "Dabei soll es auch besondere Zonen für den Tourismus geben", sagt Hans-Ulrich Peter. Die Benutzung festgelegter Wege und Wanderrouten im Gelände soll dabei helfen, übermäßige Schäden in Zukunft zu verhindern. Das Gleiche gilt für die vorgeschlagenen Flugkorridore.

Neben dem Tourismus lenken die Forscher ihr Augenmerk auch auf die Polarstationen, in denen Wissenschaftler in der Antarktis leben. "Die Versorgung der Stationen mit Flugzeugen und Hubschraubern bleibt nicht ohne Folgen", sagt Peter. Deswegen sollen auch die Forschungseinrichtungen im ewigen Eis Teil des Managementkonzeptes der Jenaer werden.

Doch beschlossen ist noch gar nichts - darauf legen die Forscher Wert: "Wir beschließen hier nichts, sondern machen nur Vorschläge. Diese müssen noch international abgestimmt werden." Weil die Antarktis ein staatsfreies Gebiet ist, treffen die 45 Mitglieder des Antarktisvertrags - unter ihnen ist auch Deutschland - alle Beschlüsse zur Zukunft des Kontinents. Das nächste Treffen der Gruppe findet kommenden Juni im schottischen Edinburgh statt. Die Vorschläge aus Jena können also frühestens nach der gerade ins Haus stehenden antarktischen Reisesaison in die Tat umgesetzt werden.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.