Tourismus in Kuba Kommunismus, Last Minute

Das touristische Ambiente ist einzigartig, kostengünstig und vielleicht bald schon ein Kapitel der Vergangenheit – Kuba als eines der letzten kommunistischen Länder der Welt steht vor dem Umbruch. Wer Urlaub mit Marx und Engels machen will, sollte sich sputen.


Havanna – "Hier in Kuba wollte ich sehen, wie es sich unter einem der letzten kommunistischen Regimes der Erde lebt", erzählt der französische Tourist Patrick Berri beim Frühstück im Hotel Park View in Havanna. Die schwere Erkrankung von Revolutionsführer Fidel Castro und die Übergabe der Macht an seinen Bruder Raúl haben den Touristenstrom nach Kuba nicht abbrechen lassen. Doch die politische Zukunft auf der Insel ist ungewisser denn je. Wer das Land mit seinem kommunistischen Gepräge als Urlauber hautnah erleben will, sollte sich beeilen.

Viele Möglichkeiten für Ferien mit Marx und Engels bleiben politisch interessierten Reisenden nicht. In den ostasiatischen Boomländern China und Vietnam dient der Kommunismus nurmehr als folkloristisches Dekor eines höchst kapitalistischen Wirtschaftsaufschwungs, und in das kommunistische Reich des nordkoreanischen Sonderlings Kim Jong Il wird kaum ein Urlauber hineingelassen. Was bleibt, ist Kuba. Spruchtafeln am Straßenrand preisen dort die Errungenschaften der Revolution. In den Touristenzentren geben Sonne, Palmen, Strand und Rum dem Sozialismus ein menschliches Antlitz.

"Wir sind wirklich erstaunt, wie sehr die Menschen hier ihre Revolution verteidigen", sagt die Italienerin Claudia Ferrari. Dass sie ausgerechnet in den Tagen eines historischen Machttransfers in Kuba ist, findet sie spannend. Doch nach ihren ersten Eindrücken von Land und Leuten glaubt sie nicht, dass es hier so weitergehen kann wie bisher: "Kuba benötigt einfach mehr Entwicklung." Der Ökonom Berri berichtet: "Ich habe früher den Marxismus-Leninismus studiert. Ich wollte nun sehen, wie es in Kuba läuft." Auch er erwartet Veränderungen: "Kuba braucht dringend private Investitionen."

Tourismus statt Finanzspritze des Ostblocks

Der Tourismus ist ein Lebensnerv der kubanischen Wirtschaft. Der Zerfall des Ostblocks hatte die Insel hart getroffen, damals wurde sie ihrer wichtigsten Handelspartner beraubt. Die jährlich 2,5 Millionen Urlauber spülen inzwischen hohe Dollar-Beträge in die Kassen des Staates - und der Streitkräfte. Es war die gut organisierte Armee, die ab Mitte der neunziger Jahre den Aufbau eines Tourismussektors für zahlungskräftige Urlauber aus dem Westen vorantrieb. Mit der Firma Gaviota unterhalten die Streitkräfte heute eines der drei großen Tourismusunternehmen in Kuba. Der Armeekonzern betreibt mehrere Hotels, eine Fluggesellschaft, Autoverleihfirmen, Yachthäfen und Läden.

Im vergangenen Jahr wuchs der Tourismussektor um 13,2 Prozent, für dieses Jahr erwarten die Kubaner ein Plus von 7,7 Prozent. Die politische Unsicherheit hat bislang noch nicht zu nennenswerten Stornierungen geführt. Auch die bisweilen martialische Rhetorik der kubanischen Staatsmedien schreckt die Urlauber nicht ab. Zwar verbreiten die Propagandastellen, dass Kuba für den Fall einer "amerikanischen Aggression" zum Kampf bereit sei; doch auf Havannas legendärer Uferpromenade Malecon geht alles seinen tropisch-entspannten Gang.

"Am Anfang waren wir etwas nervös und haben uns gefragt, was uns wohl erwartet", sagt die spanische Urlauberin Encarnacion Guijarro. Inzwischen seien ihre Sorgen aber zerstreut. "Wir lieben Kuba und seine Menschen, und wir haben jetzt die Chance, in einem wirklich historischen Moment hier zu sein."

Von Rigoberto Diaz, AFP



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.