Tourismus in Saudi-Arabien "Es wird hier kein Bier geben"

Kein Alkohol, keine Kompromisse: Der Tourismus-Chef von Saudi-Arabien will westliche Besucher in das bislang unzugängliche Königreich locken. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE schwärmt Prinz Sultan bin Salman von den Schönheiten des Landes - und Urlaub ohne Bierkonsum.

SPIEGEL ONLINE: Hoheit, der Ölpreis steht bei über hundert Dollar - warum sollte sich ein Land wie Saudi-Arabien da dem Tourismus öffnen?

Prinz Sultan: Tourismus ist schon heute ein großes Geschäft in Saudi-Arabien, denken Sie allein an die Millionen, die jedes Jahr als Pilger kommen. Umgekehrt sind die Saudis - allein schon, weil sie sehr viel Geld ausgeben - als Touristen in unserer Region und weltweit sehr gefragt. Auch wir konzentrieren uns deshalb zunächst auf unsere eigenen Landsleute. Öffnung ist insofern vielleicht nicht ganz das richtige Wort, obwohl wir uns durchaus auf ausländische Touristen einstellen, die Interesse an unserem schönen und kulturell reichen Land haben. Die Deutschen sind uns dabei besonders willkommen, denn es ist bekannt, dass sie große Liebhaber von Geschichte und Kultur sind.

SPIEGEL ONLINE: Für saudi-arabische Verhältnisse allerdings haben die Deutschen, wie alle westlichen Touristen, ein paar schlechte Angewohnheiten: Sie wollen sich amüsieren, tanzen, gelegentlich ein Glas Bier trinken - wie soll das in Ihrem konservativen, alkoholisch trockenen Königreich gut gehen?

Prinz Sultan: Moderner Tourismus funktioniert nur, wenn er eine soziale Komponente hat, wenn, um es deutlicher zu sagen, die Touristen Respekt für die lokalen Sitten und Gebräuche haben. Das betrifft nicht nur Saudi-Arabien. Touristen haben, wenn es etwa um Pornografie oder andere bedenkliche Einflüsse geht, weltweit ernsthaften Schaden angerichtet und letztlich der Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit von Tourismus insgesamt geschadet. Wobei ich übrigens der Vorstellung entgegentreten möchte, dass man nur Spaß haben kann, wenn man betrunken ist: In Saudi-Arabien lässt es sich gut leben, viele Ausländer sind inzwischen bereits in zweiter Generation bei uns, ziehen hier ihre Kinder groß und finden es gut, dass wir unsere Werte ernst nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Religiöse Werte, meinen Sie.

Prinz Sultan: Klar. Saudi-Arabien ist das Land der beiden Heiligtümer von Mekka und Medina, das spirituelle Zentrum der Muslime. Gleichzeitig aber ist es ein spektakulär schönes Land. Ich bin zum Beispiel ein passionierter Segelflieger - ein deutsches Produkt natürlich: Die Filme, die ich da oben gedreht habe, müssen Sie sich einmal ansehen! Außerdem haben wir einige der besten Tauchreviere der Welt. Vergessen Sie nicht, unsere Küste zum Roten Meer ist mehr als 1500 Kilometer lang.

SPIEGEL ONLINE: Aber wer es schafft, ein Visum zu bekommen und dann in der Küstenstadt Dschidda ein Hotelzimmer bucht, muss mitunter lange warten ...

Prinz Sultan: Wir geben im Augenblick sehr viel Geld dafür aus, große Touristenstädte zu bauen, die mit der übrigen Infrastruktur unseres Landes mithalten können. Dort wird es moderne und klassische Hotels geben, wir restaurieren historische Viertel, wir integrieren das traditionelle Handwerk in diese Projekte - ein umfassendes Programm, abgestimmt auf das kulturelle Erbe und die reiche Archäologie dieses Landes.

SPIEGEL ONLINE: Saudi-Arabien ist siebenmal größer als Deutschland - welche Regionen werden für westliche Touristen zugänglich sein?

Prinz Sultan: Die Region Dschidda / Rotes Meer steht sicher im Vordergrund, aber auch der Nadschd, also die Gegend um Riad, der Asir, der Gebirgszug an der Grenze zum Jemen, und die Ostprovinz am Golf. Wir werden aber auch den Wüstentourismus im Norden des Landes vorantreiben.

SPIEGEL ONLINE: Welche Regionen werden sie nicht zugänglich machen? Die Heiligtümer von Mekka und Medina sind ja grundsätzlich nur Muslimen zugänglich.

Prinz Sultan: Es gibt in Saudi-Arabien keinen Kompromiss, was unsere Werte angeht, das moralische Fundament, auf dem dieser Staat ruht. Es gibt hier kein Bier zu trinken, daran wird auch der Tourismus nichts ändern. Hätten wir solche Kompromisse je nötig gehabt, dann hätten wir sie gemacht, als wir arm waren. Das haben wir aber nicht. Heute sind wir wohlhabend, unsere Wirtschaft läuft wie ein Motor auf allen Zylindern, und niemand diskutiert über derartige Dinge. Was wir den Touristen hier bieten wollen, sind Gastfreundschaft, exzellenter Service, gute Preise und eine Erfahrung, die sie nirgendwo sonst auf der Welt machen können. Saudi-Arabien, das mag Sie überraschen, wird vielen Menschen Spaß machen!

SPIEGEL ONLINE: Welchen Anteil ausländischer Touristen streben Sie an?

Prinz Sultan: Fangen wir so an: Jeden Sommer reisen vier Millionen Saudi-Araber zum Urlaub ins Ausland. Ich war zuletzt in Spanien, ich konnte kaum glauben, wie viele meiner Landsleute ich dort traf. Diese Touristen für das Königreich zurückzugewinnen ist sicher unser erstes Ziel. Ich schätze, die einheimischen Gäste werden zwischen 80 und 90 Prozent ausmachen - was keine politische, sondern eine ökonomische Notwendigkeit ist: Wir brauchen einen Fremdenverkehr, dessen Einkünfte zuverlässig, berechenbar und unabhängig von äußeren Faktoren fließen.

"Sicherheit ist im Tourismus heute ein globales Problem"

SPIEGEL ONLINE: Faktoren wie Terrorismus zum Beispiel.

Prinz Sultan: Sicherheit ist im Tourismus heute ein globales Problem, Saudi-Arabien ist da kein Sonderfall. Wir haben viele hier lebende Ausländer, die sicher unterwegs sind, wir haben organisierte Touren für Reisende aus dem Westen, die übrigens sehr gern einer ersten eine zweite Reise nach Saudi-Arabien folgen lassen ...

SPIEGEL ONLINE: Im Februar 2007 wurden in der Nähe der historischen Nabatäerstadt Medain Saleh vier Franzosen ermordet.

Prinz Sultan: Ja, ein tragisches Ereignis. Ich erfuhr davon, als ich auf Reisen war, und ließ sofort ermitteln, ob diese Tat gezielt unseren Tourismus treffen sollte. Das ist nicht der Fall; die Opfer waren hier lebende Franzosen, sie waren als Individualreisende im Nordwesten des Landes unterwegs - was an der Tragik nichts ändert.

SPIEGEL ONLINE: Alle Golfstaaten diversifizieren, weil sie an die Zeit nach dem Erdöl denken. Bei der Größe und speziellen Lage ihres Landes - kann der Tourismus für Sie eine ernsthafte Zukunftsressource sein?

Prinz Sultan: Tourismus schafft Jobs für Leute, die wir in der Erdölindustrie oder im Finanzbusiness nicht so leicht unterbringen - Frauen zum Beispiel, ältere oder weniger gut ausgebildete Menschen. Der Fremdenverkehr wird nach dem Erdöl also sicher ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor sein. Er hat aber auch eine soziale Funktion: 60 Prozent unserer Bevölkerung sind jünger als 20 Jahre, die meisten von ihnen kennen aber die kulturelle Vielfalt dieses Landes gar nicht. Wir wollen, dass sie mehr davon kennenlernen.

SPIEGEL ONLINE: Saudi-Arabien ist nicht nur der größte, es ist auch der reichste der Golfstaaten. Wie viel Geld wollen Sie insgesamt in den Fremdenverkehr investieren?

Prinz Sultan: Eine Gesamtzahl ist schwer zu nennen. Aber nehmen Sie vielleicht folgendes Beispiel: An der Golfküste bauen wir derzeit, übrigens mit deutscher Beteiligung, eine Touristenstadt, die bestimmt nicht weniger als 10 bis 20 Milliarden Euro kosten wird. Projekte ähnlicher Größenordung haben wir an der Küste des Roten Meeres auf den Weg gebracht. Einen Haufen Geld geben wir derzeit auch für die totale Rekonstruktion unserer lokalen und nationalen Museen aus, unserer archäologischen Stätten ...

SPIEGEL ONLINE: Das Nationalmuseum in Riad unterteilt die Geschichte in die islamische Ära - und in das „Zeitalter der Unwissenheit" davor. Das wird manchen nicht-muslimischen Besucher verwundern.

Prinz Sultan: Sprechen wir in ein, zwei Jahren noch einmal darüber, dann werde ich die Aufsicht über das Nationale Museum übernommen haben. Könnte sein, dass sich diese Perspektive bis dahin verändert. Wir haben jetzt Verträge mit dem Louvre und dem Britischen Museum unterzeichnet; Leute aus dem Louvre waren bereits hier, wir selbst werden 2009 mit einer Ausstellung islamischer Kunst nach Paris gehen. Wir wollen in keiner Weise den Eindruck erwecken, wir schätzten die vorislamischen Kulturen gering. Der Islam hat sich in einer Region entwickelt, die schon vorher reich an Geschichte und Kultur war. Wenn wir diese Traditionen entwerten, dann entwerten wir damit den Islam selbst. Der Islam hat von diesen Kulturen profitiert - ob hier, ob in Syrien, in Andalusien oder in Persien.

SPIEGEL ONLINE: Tourismus als ein Mittel, um das angeschlagene Image des Islam aufzubessern?

Prinz Sultan: Der Islam ist seit den Anschlägen vom 11. September 2001 durch eine schwierige Zeit gegangen. Mich schmerzt es zu sehen, wie diese Religion als Geisel genommen wurde. Gruppen von Muslimen haben dem Islam Schaden zugefügt, Gruppen von Nicht-Muslimen haben das ausgenutzt. Es ist durchaus unser Auftrag, das wahre Gesicht des Islam zu zeigen - auch den Millionen, die als Pilger kommen und die herzlich eingeladen sind, länger zu bleiben, sich dieses Land anzusehen oder hier shoppen zu gehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie westliche Touristen im Königreich unterbringen? Es gibt, etwa bei der Ölgesellschaft Aramco, heute schon Ausländer-Bezirke, in denen die Regeln etwas weniger rigide sind als sonst in Ihrem Land. Beispielsweise dürfen Frauen dort Auto fahren.

Prinz Sultan: Es wird eine Herausforderung sein, unsere traditionellen Werte mit denen unserer Gäste in Einklang zu bringen - aber die nehmen wir gerne an. Es liegt uns unter allen Umständen daran, dass sich vor allem Familien bei uns wohlfühlen, Ehefrauen, Töchter und Söhne. Wir sehen uns genau an, welche Erfahrungen unsere Nachbarn am Golf gemacht haben, und wir werden manches, aber nicht alles übernehmen. Gebt uns eine Chance.

SPIEGEL ONLINE: Wann, glauben Sie, ist es soweit, dass ein westlicher Tourist sich bei der Saudi-Botschaft in seinem Land um ein Visum anstellt und ein paar Wochen später bereits vor der Küste von Dschedda tauchen geht?

Prinz Sultan: Na, ich hoffe doch, dieses Jahr noch. Inschallah!


Das Interview führten Volkhard Windfuhr und Bernhard Zand.

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