Tourismus in Südostasien "Länder dürfen kein zweites Mal bestraft werden"

Ausgelöschte Fischerdörfer, im Meer treibende Leichen, zerstörte Häuser - kaum jemand kann sich vorstellen, in den vom Seebeben betroffenen Regionen Südostasiens Urlaub zu machen. Während das Auswärtige Amt Reisewarnungen für die direkt betroffenen Orte und Regionen abgibt, warnt der Tourismusverband vor einem Reiseboykott.


Trümmerlandschaft auf Sri Lanka: Ein bis zwei Jahre werden die Aufbauarbeiten dauern
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Trümmerlandschaft auf Sri Lanka: Ein bis zwei Jahre werden die Aufbauarbeiten dauern

Mit Thailand, Sri Lanka und den Malediven brach die Flutwelle über drei bei Deutschen besonders beliebte Winterreiseziele herein. "Neben der Hilfe aus aller Welt für den Wiederaufbau der zerstörten Regionen ist die beste Unterstützung, wenn die Touristen danach zügig wieder in die betroffenen Länder reisen", sagte Klaus Laepple, Präsident des Bundesverbands Deutsche Tourismuswirtschaft (BTW), der "Bild am Sonntag". "Diese Länder dürfen durch einen Reiseboykott nicht ein zweites Mal bestraft werden, da die Bewohner dort in einem großen Maße vom Tourismus abhängig sind."

Das Auswärtige Amt rät denn auch nur den Reisewilligen, die direkt in die südasiatischen Katastrophengebiete fliegen wollen, dringend von ihrem Vorhaben ab. Wer jetzt dort hinreise, sagt Staatssekretär Klaus Scharioth, bringe nicht nur sich selbst in Gefahr, sondern behindere möglicherweise auch die Hilfsmaßnahmen. Besonders gelte dies für Angehörige vermisster Personen: "Sie können dort nichts bewirken."

"Chronisches Kurzzeitgedächtnis der Reisenden"

Tausende von Menschen starben in der verheerenden Flutwelle, die ärmsten Landstriche an den Küsten Südostasiens traf es besonders. Die meisten Opfer gab es weitab von Industriestandorten und touristischen Zentren. So groß die menschliche Katastrophe ist, so wenig Auswirkungen wird die Zerstörung daher auf die Volkswirtschaften haben - den größten wirtschaftlichen Schock erleidet die Tourismusindustrie der Länder.

Die Folgen werden abhängig davon sein, ob Touristen die nicht zerstörten Urlaubsregionen der betroffenen Länder weiterhin besuchen und wie lange sie den Urlaubsparadiesen des Indischen Ozeans fernbleiben werden. Der Tourismusexperte Horst W. Opaschowski rechnet nicht mit einem nachhaltigen Einfluss der Flutkatastrophe auf das Reiseverhalten. "Bei einmaligen Ereignissen wie dieser Jahrhundertflut zeigt sich das chronische Kurzzeitgedächtnis des Reisenden", sagte der Leiter des BAT-Freizeitforschungsinstituts der "Welt am Sonntag", "nach einem Jahr ist erfahrungsgemäß fast alles vergessen."

Dagegen schätzt Karl Born, Tourismusexperte der Hochschule Harz in Wernigerode, dass die vielen deutschen Opfer und die Rund-um-die-Uhr-Berichterstattung lange in den Köpfen der Menschen bleiben werden. Er gehe von einer generellen Reisezurückhaltung aus.

Tourismus in Sri Lanka erreichte gerade Rekordhöhe

Die größte Auswirkung und langfristige Folgen wird die Katastrophe für Sri Lanka haben. Nach den langen Jahren des Bürgerkrieges erreichte der Tourismus gerade Rekordhöhe und ist die viertgrößte Einkommensquelle Sri Lankas. Fast die gesamte Küste mit ihrem touristischen Hinterland wurde stark zerstört, es besteht laut dem Auswärtigen Amt Seuchengefahr, wenn auch Berichte über Cholerafälle nicht bestätigt wurden.

Ökonomen befürchten, dass das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr von fünf auf vier Prozent sinkt. Da die Regierung nicht über genug Ressourcen verfüge, ist erst 2006 mit größeren Wiederaufbaumaßnahmen zu rechnen. Zweckoptimismus verbreitet jedoch der Direktor des Fremdenverkehrsamts von Sri Lanka in Deutschland, Channa Jayasinghe: Die Reparaturarbeiten würden nur wenige Wochen dauern.

Rund zwei Jahre Wiederaufbau an der Küste Thailands

Thailand rechnet in diesem Jahr mit einem Viertel weniger ausländischen Besuchern. Wie Tourismusminister Sonthaya Khunpluem befürchtet, sind davon 200.000 der insgesamt rund 3 Millionen Arbeitsplätze in der Tourismusindustrie betroffen. In den zerstörten Gebieten sei der Fremdenverkehr neben Fischfang und Landwirtschaft der Hauptlebensunterhalt der Menschen. Khunpluem schätzt, dass es circa zwei Jahre dauern wird, bis sich die Ferienregionen erholt haben wird. Ähnlich wie die indonesische Ferieninsel Bali nach dem Terroranschlag 2002 - allerdings wurde dort keine Infrastruktur zerstört.

Touristen in Phuket: Das Auswärtige Amt rät dringend von Reisen in die direkt betroffenen Katastrophengebiete ab
AFP

Touristen in Phuket: Das Auswärtige Amt rät dringend von Reisen in die direkt betroffenen Katastrophengebiete ab

Die schwersten Schäden richtete die Flut in den südwestlichen Küstengebiete an, vor allem in Krabi, Khao Lak, sowie den vorgelagerten Inseln wie Phuket, Phi Phi, Lanta. Doch die beliebten Reiseorte an den Küsten des Golfes von Thailand wie Pattaya, Ko Samui, Ko Chang sind nicht betroffen, ebenso wenig wie das Binnenland mit der Hauptstadt Bangkok und den bei Touristen beliebten Städten wie Chiang Mai im Norden, Mae Hong Son und Ayuttaya.

Zahlreiche Touristen weichen bereits jetzt auf die Inseln im Golf von Thailand und in die Ferienzentren an der Ostküste aus, auch Chiang Mai verzeichnet unerwartet großen Zulauf, teilte der Leiter des Fremdenverkehrsverbands, Chidchai Sakornbodee, mit. Unter ihnen auch Urlauber, die die Flut an der Westküste miterlebt haben. Auf der Insel Samui beispielsweise reichen die Hotelbetten bei weitem nicht mehr, die Urlauber übernachten am Strand oder in Zelten.

20 Inseln der Malediven noch gesperrt

Im Verhältnis zu Indien, Thailand und Sri Lanka halten sich die Schäden auf den rund 1200 weit verteilten Koralleninseln der Malediven in Grenzen. Dem maledivischen Fremdenverkehrsamt in Frankfurt am Main zufolge sind 20 der insgesamt 87 Touristeninseln gesperrt worden. Hauptsächlich gebe es auf Inseln auf den Ostseiten der Maledivenatolle erhebliche Zerstörungen. Der ökonomische Schaden wird jedoch relativ für das kleine Land mit seinen rund 280.000 Einwohnern, das fast ausschließlich vom Tourismus lebt, groß sein: Ökonomen rechnen damit, dass er die Größe des Bruttosozialprodukts des Landes übersteigen wird.

Indonesiens Tourismusindustrie dagegen wird wohl kaum betroffen werden und wenig Folgen für die Wirtschaft des Landes haben, obwohl Indonesien mit offiziell über 90.000 Toten die höchste Opferzahl zu beklagen hat und unvorstellbare Schäden entstanden. Zerstört wurde ein Region, die für Touristen gesperrt ist: In Aceh auf Sumatra tobt seit Jahren und verstärkt im letzten Jahr Bürgerkrieg.

Antje Blinda



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