Tourismus in Usbekistan "Wir würden etwas von unserer Magie verlieren"

Oasenstädte mit Minaretten, Melonenkuppeln und Mosaiken - in Usbekistan wirkt noch der Zauber der alten Seidenstraße. Das lange isolierte Land öffnet sich. Manche Einwohner sehen das jedoch skeptisch.

Tuul and Bruno Morandi/ The Image Bank/ Getty Images

Von Tinga Horny


Guzal Kadirowa ist eine hochgewachsene Frau, Mitte 30, mit wallenden schwarzen Haaren. Strahlend steht sie an der Rezeption ihres neuen Hotels Guzal & Guli in der Nähe der Altstadt von Buchara und verteilt Schlüssel an die Gäste. "Willkommen", sagt sie. Es riecht nach frischer Farbe, Spuren von Bauarbeiten sind noch zu sehen.

Sie hat erst im März dieses Jahres ihr Hotel mit 20 Zimmern eröffnet und danach viele Nächte nicht geschlafen. Sie war aufgeregt. "Ich wollte schon als Kind ein Hotel", sagt Kadirowa. Zusammen mit ihrem Bruder hat sie ein altes Haus am Rande der Altstadt von Buchara gekauft, es abgerissen und ein neues nach ihren Ideen gebaut. "Unser neuer Präsident ermöglicht alles", sagt sie und meint Schawkat Mirsijojew, seit zwei Jahren im Amt.

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Usbekistan: Blaue Kuppeln gegen blauen Himmel

Mirsijojew stammt zwar noch aus den alten Seilschaften der sowjetischen Zeit, dennoch hat er Usbekistan eine vorsichtige Öffnung verordnet. Das bedeutet mehr internationale Investoren, mehr Marktwirtschaft, mehr Kampf gegen die Korruption. Zugleich heißt das für die Bürger weniger Willkür, mehr Eigeninitiative. Dennoch kennen die Einwohner ihre unsichtbaren Grenzen. Die freie Meinung endet da, wo die politische Kritik beginnt.

Eine wichtige Rolle bei diesem Aufbruch spielt die alte Seidenstraße. Diese sagenumwobene Ost-West-Verbindung führte einst mitten durch das heutige Usbekistan - auch zu den Oasen beziehungsweise Handelszentren Chiwa, Buchara und Samarkand. Das 17. Jahrhundert gilt als Blütezeit der Wissenschaft und Kultur der Region. Moscheen, Medresen (Schulen) und Mausoleen entstanden und eine multiethnische Gesellschaft, die friedlich mit ihren Unterschieden umzugehen wusste.

Blaue Kuppeln vor blauem Himmel

Bei Touristen lässt die Geschichte der Seidenstraße Bilder im Kopf entstehen - von Wüstenstädten mit Minaretten, blauen Melonenkuppeln und Kacheln, deren Musterpracht schwindelig macht. Die Sehnsucht, dies einmal zu erleben, zieht viele nach Usbekistan.

Zugleich kommen immer mehr Gläubige aus Indonesien, Malaysia und den Nachbarstaaten, weil für sie Moscheen und Mausoleen einen spirituellen Sinn haben. Auch jüdische Reisegruppen, für die beispielsweise das Judenviertel in Buchara ein eindrucksvolles Zeugnis von Toleranz ist, sind unterwegs. Und wer weiß, vielleicht wird demnächst hier jene hippe Klientel einfallen, die unermüdlich auf der Suche nach der perfekten Instagram-Kulisse ist.

Doch egal, wer hierher kommt - alle müssen Unterkünfte finden, dabei war das Gastgewerbe in Usbekistan bisher eher übersichtlich. Der Mangel lässt zurzeit überall kleine Hotels und Gästehäuser entstehen. Den Bauboom beobachtet Zoirschoch Klichew mit Skepsis. "Der europäische Stil ist eine Krankheit", sagt der Architekt und Restaurator, Jahrgang 1957.

Und der sogenannte europäische Stil bedeutet hier: zu hohe Häuser mit Sattel- oder Walmdach, viel Eternit und Wellblech, pastellfarbene Eingangstüren mit vergoldeten Schnörkeln - alles für die Region untypische Bauelemente. Die Bauweise zerstöre jene traditionelle Hofhausarchitektur mit flachen Dächern, sagt Klichew, die seit Jahrhunderten den Einwohnern Schutz vor den extremen Temperaturunterschieden bot.

So bestanden die Altstädte einst aus schmalen Gassen, die bei sengender Sonne überdacht werden konnten. Sie waren gekrümmt, um den Sandstürmen zu trotzen. Eine der Hofmauern war - je nachdem, von woher der stärkste Wind kam - etwas höher als die anderen drei, sodass sie Luftzug aufhalten und den Bewohner Kühle spenden konnte. Basare, Medresen, Moscheen und Mausoleen schafften besondere Highlights in den Oasenstädten, die mittlerweile Sehenswürdigkeiten sind.

Aufgeräumte Gassen, adrette Basare

Das wirtschaftliche Potenzial seiner historischen Orte hat Usbekistan erkannt. Deshalb wird darauf geachtet, dass immerhin die sehenswerten touristischen Zonen baulich nicht verschandelt werden. Der autofreie Stadtkern der kleinen Wüstenstadt Chiwa wirkt fast wie ein Freilichtmuseum mit seinen perfekt gepflasterten Plätzen, sorgfältig restaurierten Fassaden, aufgeräumten Gassen, adretten Kuppelbasaren. Doch unmittelbar um die Stadtmauern beziehungsweise außerhalb der Altstädte beginnen die Bausünden.

Die frisch gebackene Hotelbesitzerin Guzal Kadirowa würde Architekt Klichew nicht verstehen. Ihre dreistöckige Herberge hat ein Walmdach und wurde mit einem Mix aus europäischen und orientalischen Dekorelementen versehen. Das ist modern, das ist schick, das ist europäisch - so die Einschätzung der neuen Gastrobranche. "Man muss aufklären. Mit Druck funktioniert es nicht", sagt Klichew. Er wird deshalb nicht müde, Bauherren, Investoren und Behörden zu predigen, alte Häuser nicht abzureißen, sondern zu restaurieren, und neue Gebäude so zu bauen, dass sie sich in die Umgebung einfügen.

In den Augen des Architekten würde Valentina Romanenkos Hofhaus in der Neustadt Samarkands wohl Zustimmung finden. Es ist kein ganz altes Bauwerk aus getrockneten Lehmziegeln, sondern errichtet aus weißgetünchten Backsteinen. Romanenko macht Mode aus usbekischer Seide. Bunte, bemalte, gewebte, eingefärbte Pumphosen, Kaftane, Tuniken und Tücher - die Designerin mit schwer zu schätzendem Alter lässt sich in erster Linie von der traditionellen Kleidung des Landes inspirieren.

Romanenko ist hin- und hergerissen. Einerseits lebt sie auch von Reisegruppen, die ihre Modenschau besuchen. Andererseits fürchtet sie, dass mit dem Aufbruch und immer mehr Besuchern die Traditionen verschwinden. Zum Beispiel die Basare: Einst gab es sie überall, magische Orte voller Leben und Chaos. Übrig geblieben sind davon wohlgeordnete Märkte in historischer Kulisse, in denen Touristen ihre Souvenirs kaufen. Und in die sich kein Einheimischer mehr verläuft, weil es dort weder Lebensmittel noch Alltagswaren gibt.

Mit den früheren Basaren verschwinde jedoch auch ein Stück Orient, sagt Romanenko. "Und damit würden wir etwas von unserer Magie und unserem Geheimnis verlieren, zu denen Besucher erst einmal einen Zugang finden müssen."

Tinga Horny ist Autorin des Journalistenbüros srt und wurde bei ihrer Recherche von Uzbekistan Airways und Gebeco unterstützt.

srt

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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
Waldi-ede 15.08.2019
1. Noch Zeit zum Regulieren
Faszinierendes Land mit offenen, netten, noch nicht vom Massentourismus "verdorbenen" Menschen. Noch ist Zeit, durch eine vorausschauend steuernde Strategie einen sanften Ökotourismus zu gestalten. Die Sehenswürdigkeiten konzentrieren sich auf wenige Hotspots mit großen Distanzen dazwischen. Chiwa z.B. kann eigentlich nicht viel mehr Besucher aufnehmen als jetzt schon kommen.
Tmebonn 15.08.2019
2. Verschlossen?
Die Autorin scheint der jüngeren Generation anzugehören. Usbekistan stand wohl nicht auf der Liste der großen Reiseveranstalter, war aber nie verschlossen. Kleinere spezialisierte Veranstalter boten Rundreisen an und ich selbst habe bereits 1995 problemlos eine Individualreise durch dieses wunderschöne Kulturland führen können. Die Hotels hatten bereits zu dieser Zeit einen beachtlichen Standard. In Taschkent bemerkte ich sogar eine internationale Industriemesse mit deutscher Beteiligung.
juba39 15.08.2019
3. Kleine Lektion Geschichte
Das lange isolierte Land öffnet sich. Wieder so ein Schmarrn, den man der immer mehr verBILDeten Bevölkerung in Deutschland auch noch glaubhaft machen kann. So wie den Fake, ausser Ostsee und Balaton, mehr Reisemöglichkeiten hatte der DDR-Bürger nicht. Es gab schon in den 70ern im Osten eine Rundreise Taschkent - Samarkand - Buchara. (Preis kenne ich nicht mehr) Dann solche Highlights, die auch heute noch im Angebot sind: Transib Moskau-Nowosibirsk-Irkutsk (Baikal), damals 1300 Mark, heute 3-5000 €. Oder Rostov-Kasan (auf der Wolga, wo es auch schon mal echten Belugakaviar als Dessert gab!), damals 650 Mark, heute ca 2300€. Alles Preise, die ich noch selbst kenne und erlebt habe. Nur, daß diese Reiseziele mir HEUTE verschlossen sind, da ich weder eine Beamtenpension noch eine Politikerrente beziehe. Aber verschlossen? Für Freunde damals schon nicht. Pittoreske Erinnerung an eine Begegnung der 90er. Damals wurde mir klar, wie vielen Berufsgruppen der Weg aus dem Westen Richtung Osten bei Strafe verboten waren. (Militärs, Beamten, Geheimnisträger, aber Politikern schon damals nicht.)
rainer-rau 15.08.2019
4. Ich habe eine Beamtenpension,
Zitat von juba39Das lange isolierte Land öffnet sich. Wieder so ein Schmarrn, den man der immer mehr verBILDeten Bevölkerung in Deutschland auch noch glaubhaft machen kann. So wie den Fake, ausser Ostsee und Balaton, mehr Reisemöglichkeiten hatte der DDR-Bürger nicht. Es gab schon in den 70ern im Osten eine Rundreise Taschkent - Samarkand - Buchara. (Preis kenne ich nicht mehr) Dann solche Highlights, die auch heute noch im Angebot sind: Transib Moskau-Nowosibirsk-Irkutsk (Baikal), damals 1300 Mark, heute 3-5000 €. Oder Rostov-Kasan (auf der Wolga, wo es auch schon mal echten Belugakaviar als Dessert gab!), damals 650 Mark, heute ca 2300€. Alles Preise, die ich noch selbst kenne und erlebt habe. Nur, daß diese Reiseziele mir HEUTE verschlossen sind, da ich weder eine Beamtenpension noch eine Politikerrente beziehe. Aber verschlossen? Für Freunde damals schon nicht. Pittoreske Erinnerung an eine Begegnung der 90er. Damals wurde mir klar, wie vielen Berufsgruppen der Weg aus dem Westen Richtung Osten bei Strafe verboten waren. (Militärs, Beamten, Geheimnisträger, aber Politikern schon damals nicht.)
war aber kein Oberregierungsrat und geh im Urlaub wandern. Fragen Sie doch mal einen pensionierten Postzusteller, wie es ihm in der Karibik gefallen hat. Den "Schmarrn" können Sie sich selbst an die Backe kleben, Neid und Unsachlichkeit sind gute Klebstoffe.
giftzwerg 15.08.2019
5.
Viel Romantisierung eines Landes, das zu den weltweit repressivsten und autoritärsten politischen Systemen gehört. Das klang ja im Artikel eher hauchzart an, schließlich wurde die Autorin "bei ihrer Recherche von Uzbekistan Airways und Gebeco unterstützt". Ich kann nicht verstehen, wie die Leute völlig schmerzfrei in solchen Ländern Urlaub machen und die Verbrechen dort einfach ausblenden können. Komme mir keiner mit "Ja, aber der Austausch bringt den Wandel blabla" - in China gibt es zahllose Touristen und geändert hat sich nichts, es ist nur schlimmer geworden.
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