Toy Train in Indien Die Leiden des großen Herrn Singh

Spektakuläre Berglage, Hunderte Brücken: Die Bahnstrecke von Kalka nach Shimla in Indien ist ein Meisterwerk der Ingenieurskunst. Der Zug selbst dagegen ist extrem langsam und birgt für große Menschen einige Gefahren - als Lohn wartet die spektakuläre Aussicht auf den Himalaja.

Von Martin Cyris


Herr Singh geht in Deckung. Die Tür zum Waggon ist für den hochgewachsenen Inder zu niedrig. Sein weißer Turban erschwert den umständlichen Eintritt noch mehr. Im Toy Train, der "Spielzeugeisenbahn", die durch den indischen Bundesstaat Himachal Pradesh fährt, ist alles ein bisschen kleiner. Zum Beispiel die Gleise, die lediglich eine Spurbreite von 76,2 Zentimetern aufweisen.

Die Schmalspurbahn fährt durch den Unteren und Mittleren Himalaja. Sie verbindet die Städte Kalka und Shimla. Schneebedeckte Himalajagipfel sind zwar erst im Ziel in Shimla zu erkennen. Dennoch ist der Toy Train bei Touristen und bei Besuchern aus dem Inland außerordentlich beliebt. In Indien werden auch weitere Züge wie etwa die Darjilingbahn als Toy Train bezeichnet.

Herr Singh etwa ist mit seiner vierköpfigen Familie aus Neu-Delhi nach Kalka gereist. Er gehört einem alten Adels- und Kriegerstamm der Rajputen an, die vornehmlich im Bundesstaat Rajasthan siedeln. Weil viele Rajputen den Otto-Normal-Inder um eine ganze Kopflänge überragen, werden sie in der Hauptstadt gerne als Wachpersonal eingesetzt.

Herr Singh arbeitet als Empfangsmann in einem Nobelhotel in Delhi. Weil Körpergröße und Tracht ordentlich Eindruck schinden, ist das eine ideale Position für ihn. Im niedrigen Toy Train ist die Sitzposition die ideale für Herrn Singh. Andere Passagiere erleben die Fahrt im Stehen. Nicht etwa, weil der Toy Train überfüllt wäre, sondern weil sie die Landschaft an der geöffneten Waggontür an sich vorüberziehen lassen möchten. Kein Schaffner protestiert dagegen.

Denn das Risiko, sich beim Herausfallen tödlich zu verletzen, ist deutlich geringer als in anderen Zügen. Der Toy Train bummelt mit lediglich 15 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit durch die Landschaft. Bahnfahren ist in Indien generell eine gemütliche Angelegenheit. Während in Europa viele Züge eher an geölte Blitze erinnern, beträgt die Durchschnittsgeschwindigkeit auf dem Subkontinent 38 km/h.

In Kalka beginnt die Reise. Per grünem Fähnchen gibt der Zugbegleiter das Signal zum Abfahren: Alle einsteigen! Vorsicht bei der Abfahrt! Spielende Kinder winken, zwei Hühner bequemen sich von den Gleisen. Die Diesellok ruckelt los, das Schleichtempo erzeugt lediglich einen schwachen Fahrtwind, der das tropische Klima im Wageninneren kaum abkühlt.

Im Schleichtempo zum Himalaja

Schon kurz hinter dem Bahnhof verläuft die Strecke an atemberaubenden Steilhängen. Wuchtige Steinmauern sichern die Trasse gegen Erdrutsche und Steinschlag. Sie lassen etwas von dem Aufwand erahnen, den die einstigen britischen Kolonialherrscher betrieben, um vor über hundert Jahren die Gleise zu verlegen.

Je weiter der Zug rollt, desto grandioser wirken Landschaft und Bauleistung. Die Bahnstrecke bohrt sich durch mehr als hundert Tunnel, balanciert an spektakulären Böschungen vorbei und führt über insgesamt 864 Brücken. Ein architektonisches Meisterwerk, denn die Ausläufer des Himalaja werden hier richtig steil und sind extrem abschüssig. Die Häuser scheinen sich nicht lediglich an die Hänge zu schmiegen - sie krallen sich regelrecht fest.

Trotz der stechenden Sonne wirkt die Natur üppig grün, eine Folge der häufigen Monsunregenfälle. Zedern, Fichten und Eichen erinnern an europäische Berglandschaften. Wer Glück hat, erspäht vom Zugfenster aus Schwarzbären. Noch seltener und scheuer sind die Leoparden.

Weniger rar sind Apfelbäume, die hier überraschend zahlreich angebaut werden. Das Klima ist ideal für das Obst. Es gedeiht derart gut, dass die Bewohner im Norden des Bundesstaats Himachal Pradesh vor wenigen Jahren dazu übergegangen sind, Apfelwein herzustellen. Der gilt mittlerweile als eine gefragte Spezialität.

Für die 96 Kilometer lange Strecke zur Endstation nach Shimla werden zwischen fünf und sechs Stunden Fahrtzeit benötigt. Genau vorhersehen lässt sich das nicht. Die Aufenthaltsdauer in Bahnhöfen hängt nicht vom Fahrplan, sondern von der Schnelligkeit der einsteigenden Passagiere ab. Und deren Gemächlichkeit passt sich ganz dem Zugtempo an.

In Summerhill, einer der Haltestellen, lässt Herr Singh für sich und seine Frau einen stark gezuckerten Gewürztee von einem fliegenden Händler durchs Fenster reichen. Während er den Teebeutel eintunkt, kommt er ins Schwärmen: "Wo ich herkomme, gibt es nur Sand und Lehm." Das viele Grün tue seinen Augen gut.

Ferienziel für Beamte

Das Dörfchen Summerhill wurde von den Briten im 19. Jahrhundert als Zwischenstation auf dem Weg nach Shimla gegründet. Die Kolonialherrscher zogen sich in den Sommermonaten, wenn es in den Ebenen oft unerträglich heiß wird, gerne in die Berge zurück. In Shimla gefiel es ihnen so gut, dass der Ort von 1834 bis 1939 zur Sommerhauptstadt von ganz Britisch-Indien wurde. Der gesamte Beamtenapparat wurde mit Sack und Pack in den Himalaja verlegt. Zuerst von der früheren Hauptstadt Kalkutta, später von Neu-Delhi. Eine endlose Karawane, der bis zu 20.000 Träger angehörten, zog sich früher alljährlich im Sommer durchs Land.

Um dieser Plackerei ein Ende zu setzen, wurde Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Bau der Bahnstrecke begonnen. 1903 rollte der erste Zug von Kalka nach Shimla, der Hauptstadt von Himachal Pradesh. Shimla wurde auf mehreren Hügeln erbaut. Auf einem davon steht das legendäre Wildflower-Hall-Hotel im Märchenschloss-Look. Hier begann der Bettenmogul Rai Oberoi mit dem Aufbau seiner erfolgreichen Hotelkette.

Nachdem der Toy Train auf fast 2100 Metern Höhe eine letzte Kurve gemacht hat, rollt er in den Bahnhof von Shimla ein. Die Christ Church, eine Hinterlassenschaft der Briten, thront blassgelb und unübersehbar auf einem Grat. Von dort sind die spektakulären Gipfel des Himalaja zu erkennen.

Die Kirche ist Endpunkt der Mall, einer langen Einkaufsstraße, die sich quer über den Bergrücken zieht. Die Geschäfte im britischen Kolonialstil erinnern an Fußgängerzonen in Oxford oder Brighton. Bis zum Ersten Weltkrieg durfte die Straße nur von den Kolonialherrschern betreten werden.

Bunter und lebhafter ging es ohnehin schon immer auf der "Unteren Mall" zu. Zwischen waghalsig an den Fels gebauten Häusern findet täglich ein Straßenmarkt statt. Fein duftende Gewürze und bunte Stoffe werden feilgeboten. Schuhmacher, Korbflechter und Scherenschleifer bieten ihre Dienste an. Sogar Kinderwagen gibt es zu mieten - allesamt mit einem Elektroklavier versehen, damit die Kleinen beschäftigt sind. Das nervtötende Geklimper stört hier niemanden. Denn im Gewirr von Stimmen und Handwerkerlärm geht es völlig unter.

Herr Singh hat seinen Jüngsten in einem dieser Vehikel verstaut und zieht erneut den Schädel ein. Fast hätte er sich den Kopf an einem Gitter gestoßen. Es dient dazu, Affen, die hier überall herumstrolchen, von den Balkonen fernzuhalten. "Ich muss aufpassen und langsamer gehen", lächelt Herr Singh verlegen. Erst Bummelzug, dann Einkaufsbummel - im Himalaja schaltet man einen Gang runter. Ob freiwillig oder gezwungenermaßen.



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