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Per Anhalter von London nach Australien »Die schönste Form des Reisens«

Nic Jordan ist per Anhalter um die Welt gereist, von London nach Byron Bay. Sie schwärmt vom Trampen, von den Menschen, die sie traf – und erzählt auch, warum sie jetzt darauf verzichtet.
Ein Interview von Bettina Hensel

SPIEGEL: Die Corona-Pandemie hat Weltreisen ein jähes Ende bereitet. Werden Sie nostalgisch, wenn Sie an Ihre Reise per Anhalter von London nach Byron Bay, einen Ort an der Ostküste Australiens, zurückdenken?

Nic Jordan: Ja! Das Freiheitsgefühl ist weg. Und Reisen ist ein sehr heikles Thema geworden. Die Wintermonate werde ich trotzdem zusammen mit einem Freund auf einer Berghütte in Schweden verbringen. Darauf kommt oft die Reaktion: »Da kannst du doch jetzt nicht hin!« In Schweden gibt es ja nicht so strikte Corona-Maßnahmen.

SPIEGEL: Würden Sie denn dorthin trampen?

Jordan: Nein. Mitten in der Pandemie ist das nicht gerade eine sichere Art des Reisens. Ich möchte mich weder selbst mit dem Coronavirus infizieren noch Menschen in Gefahr bringen, die die Pandemie als Risikopatienten ernst nehmen müssen oder Angst davor haben.

SPIEGEL: Reisen per Anhalter – was bedeutet das für Sie?

Jordan: Es ist das Gefühl, dass das Leben dich auf eine Spritztour mitnimmt. Früher bin ich jede noch so kleine Strecke per Anhalter gefahren. Ich war schon als Jugendliche fasziniert vom Hippieleben der späten Sechzigerjahre. Von der Freiheit. Dem Barfußlaufen. Anderen Menschen zu vertrauen und per Anhalter zu reisen.

SPIEGEL: War Trampen nicht auch schon vor der Coronakrise passé?

Jordan: Im Gegenteil. Ich habe den Eindruck, dass es durch Social Media und Blogs langsam wieder ein Revival erlebt hatte – natürlich vor der Pandemie. Für mich bleibt Reisen per Anhalter auch in Zukunft die schönste Form des Reisens, zumindest auf längeren Strecken. Falls es die Situation im kommenden Sommer zulässt, würde ich gerne wieder trampen, zum Beispiel nach Bulgarien oder Griechenland.

SPIEGEL: Wie kamen Sie 2016 auf die Idee, von England nach Australien zu trampen?

Jordan: Ich arbeitete damals als Kellnerin in London und hatte eine schwierige Zeit: Meine Beziehung war zerbrochen, mein Bruder hatte ein paar Jahre zuvor Suizid begangen – ich wusste nicht, wohin mit mir. Australien, als Teil der westlichen Welt, hat mich eigentlich nie gereizt. Aber es gab so viele, die zu mir gesagt haben: Du musst nach Byron Bay. Du wirst es lieben. Erst wollte ich fliegen. Aber dann hätte ich die interessantesten Orte in Russland und Asien verpasst. Und Bus und Bahn fahren, das erschien mir zu aufwendig: Ich hätte unendlich viele Male umsteigen und mir dafür Fahrpläne heraussuchen müssen. Irgendwann habe ich mich gefragt: Warum fahre ich nicht einfach per Anhalter?

SPIEGEL: Sie waren auch in Schwedisch Lappland unterwegs und in Sibirien. Was war Ihre ungewöhnlichste Erfahrung beim Trampen im Winter?

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Per Anhalter nach Australien: Immer dem Daumen nach

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Jordan: Der Tag, an dem ich in Schweden den finnischen Weihnachtsmann traf. Es war fünf Uhr morgens, noch stockdunkel, und ich stand allein an einer Kreuzung im Wald. Dort hatten mich meine letzten Gastgeber rausgelassen, die in der Nähe zur Arbeit mussten. Ich wartete ewig dort und bekam es schon mit der Angst zu tun, weil niemand vorbeifuhr und die Kälte mir zusetzte. Bis ich endlich die Lichter eines riesigen Trucks sah. Er raste auf mich zu und bremste in letzter Sekunde. Ich dachte mir schon, was ist, wenn das jetzt ein Creep ist?

SPIEGEL: Und? War es einer?

Jordan: Drinnen saß ein Mann mit weißem Bart, es roch nach Keksen und Kaffee, überall hing kitschige Dekoration, im Radio lief Weihnachtsmusik. »Ich muss nach Rovaniemi«, sagte er. »Dort arbeite ich im Winter. Du hast sehr großes Glück, junge Frau, denn du fährst mit dem offiziellen Weihnachtsmann zum Nordpol.« Auf unserer Fahrt hielt er öfter an, um mir Rentiere zu zeigen. Ich bin noch heute mit ihm auf Facebook befreundet.

SPIEGEL: Hatten Sie nicht oft ein mulmiges Gefühl, zu wildfremden Menschen ins Auto zu steigen?

Jordan: Brenzlig war eine Situation am Anfang der Reise. Auf dem Weg nach Dover wollte ich vorankommen und bin zu schnell in ein Auto gestiegen. Der Fahrer ließ seine Hand während der Fahrt in seinen Schritt wandern, ohne mich dabei anzuschauen. Ich habe dann sofort verlangt, dass er anhalten soll, um mich rauszulassen. Diese Erfahrung war mir eine Lehre.

SPIEGEL: Aber Sie wollten trotzdem weiter trampen?

Jordan: Meistens trampe ich von öffentlichen Plätzen oder Raststätten aus. Dort kann ich selbst auf Leute zugehen. Falls ich doch auf der Straße stehen muss, nehme ich mir genügend Zeit, um auf Körpersprache, gepflegte Kleidung und das Innenleben eines Fahrzeugs zu achten.

SPIEGEL: Eine Garantie ist das natürlich nicht.

Jordan: Klar, aber wenn dort Bierdosen liegen, der Blick eines Mannes an meinem Körper entlangwandert und es kommt noch ein Zwinkern dazu, dann weiß ich: okay, nein! 

SPIEGEL: Was war das seltsamste Gefährt, in dem Sie per Anhalter gereist sind?

Jordan: Die getunten Trucks in Asien, vollgehängt mit Neonlichtern oder Discokugeln. Oft saß ich auch zwischen Kaffeebohnen oder Obst auf Ladeflächen. Ich bin mit Tuk-Tuks gefahren und Motorrädern. In Thailand hat sogar jemand versucht, mich mit dem Fahrrad mitzunehmen. Doch mein Reiserucksack war zu schwer, wir haben die Balance verloren.

SPIEGEL: Ist Reisen per Anhalter in manchen Ländern üblicher als in anderen?

Jordan: In Australien ist es gang und gäbe, in Indien trampen vor allem Männer, in China kennen viele das überhaupt nicht.

SPIEGEL: Wie sind Sie dann in China vorangekommen?   

Jordan: Mit einer Videobotschaft auf Chinesisch – es war die Idee der Mitbewohnerin eines privaten Gastgebers, bei dem ich in Shanghai übernachtet hatte. Sie bat die Menschen, mir zu helfen, nach Vietnam zu kommen und mir damit einen Eindruck von der chinesischen Gastfreundschaft zu vermitteln. Das hat super funktioniert, sofern jemand angehalten hat und auf mein Handy mit der Nachricht geschaut hat.

SPIEGEL: Wer hat Sie daraufhin mitgenommen?

Jordan: Ganz gemischt – gleichgültige bis superneugierige Menschen. Von manchen Familien wurde ich fast schon adoptiert. Sie haben mich in Restaurants ausgeführt, Hunderte Fotos gemacht und hätten mich vermutlich überall hingefahren.

SPIEGEL: Kann man sich als Westeuropäerin eigentlich guten Gewissens von ärmeren Menschen mitnehmen lassen?

Jordan: Natürlich. Zumindest, wenn man bereit ist, auch etwas zu geben. Damit meine ich kein Geld, sondern einen Beitrag zum kulturellen Austausch. Mir ist immer wichtig, den Fahrer zu unterhalten – und nicht still hinten zu sitzen und über Kopfhörer Musik zu hören. Sonst fühlt sich die Person am Steuer wie ein Taxifahrer.

SPIEGEL: Einer Familie in Kambodscha haben Sie aber einen Wochenvorrat an Lebensmitteln gekauft, schreiben Sie in Ihrem Buch.

Jordan: Wenn ich sehe, dass jemand zu kämpfen hat, versuche ich natürlich zu helfen. Doch viele Menschen in Asien lehnen Geld als Dankeschön ab. Die Familie hat meine Unterstützung erst angenommen, als ich Lebensmittel einkaufte und sagte, sie seien ein Geschenk. Deswegen habe ich auch oft Kaffee ausgegeben oder Obst am Straßenrand gekauft. In den meisten Ländern in Asien ist die Zeit, die du verschenkst, wertvoller als Geld.

SPIEGEL: War Byron Bay letztendlich der Sehnsuchtsort, den Sie sich erhofft hatten?

Jordan: Es ist ein sehr schöner Ort am Meer, aber er ist sehr oberflächlich. Stabilität findet man dort nicht. Viele reisen nach Byron Bay, um Spaß zu haben, Drogen zu nehmen und ihre Probleme zu vergessen.

SPIEGEL: Ihr Vater hat Ihnen eine Reise mit der Transmongolischen Eisenbahn von Moskau nach Peking spendiert. Wie hat das in Ihr Konzept gepasst, nur per Anhalter unterwegs zu sein?

Jordan: Ich fand es perfekt, das Trampen sollte auch kein Konzept sein. Der Zug war im Winter sehr leer. In dieser Phase des Alleinseins konnte ich die letzten Monate des Reisens, die Begegnungen und Erfahrungen, die unaufhörlich auf mich eingeprasselt waren, sacken lassen und verarbeiten. Ich konnte die Veränderungen in mir spüren.

SPIEGEL: Reisen als Therapie?

Jordan: Ja. Die Reise hat mich komplett verändert. Ich habe gelernt, Dinge zu akzeptieren und nicht immer zu hinterfragen. Ich habe mir angewöhnt, in allem das Positive zu sehen.

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