Sonnenaufgang am Chele La: Der Trans Bhutan Trail führt über Gebirgspässe und Wiesen, durch Flusstäler und Schluchten
Sonnenaufgang am Chele La: Der Trans Bhutan Trail führt über Gebirgspässe und Wiesen, durch Flusstäler und Schluchten
Foto: Nitish Waila / iStockphoto / Getty Images

Eröffnung des Trans Bhutan Trail Der Königsweg

Boten und Pilger liefen einst über den Weg durch den Himalaja, bald sollen es Touristen sein: Der 400 Kilometer lange Trans Bhutan Trail wird nach 60 Jahren wiedereröffnet.
Von Antje Blinda

Seit dem 16. Jahrhundert soll der majestätische Weg Festungen, sogenannte Dzongs, und auch heilige Stätten der Buddhisten im östlichen Himalaja miteinander verbunden haben. Dann machte ihn ein neu errichtetes Straßennetz überflüssig. Brücken und Treppen brachen zusammen, Pfade wurden zerstört. Der Handelsweg, der Transport- und Pilgerroute zugleich war, geriet jahrzehntelang in Vergessenheit. Im März wird der Weg nach 60 Jahren seine Wiedergeburt feiern – als »Trans Bhutan Trail«: ein rund 400 Kilometer langer Weitwanderweg, der vor allem Touristen in das kleine Königreich zwischen Tibet und Indien bringen soll.

Von Haa im Westen, an der Grenze zu Tibet, bis Trashigang im Osten führt die neue Route auf dem alten Pfad. Einst eilten sogenannte Garps hier entlang. Die schnellen Läufer überbrachten Nachrichten von Dzong zu Dzong, oft mit wenig Proviant und Pausen. Als Urlauber oder Urlauberin kann man gut auch vier Wochen für die gesamte Strecke veranschlagen. Mit vielen Pausen in den Dörfern entlang der Route, die über Gebirgspässe und Wiesen, durch Flusstäler und Schluchten führt und zu Klöstern, die sich wie Vogelnester an Felsen schmiegen.

Trans Bhutan Trail: Etwa 400 Kilometer zwischen Haa an der Grenze zu Tibet im Westen bis Trashigang im Osten

Trans Bhutan Trail: Etwa 400 Kilometer zwischen Haa an der Grenze zu Tibet im Westen bis Trashigang im Osten

Foto: Trans Bhutan Trail

2018 begann die Restaurierung, die Bhutans 41-jähriger König Jigme Khesar Namgyel Wangchuck angestoßen hatte. Umgesetzt und finanziert von der Bhutan Canada Foundation in Toronto und unterstützt von Bhutans Touristenzentrale, machten seither mehr als 900 Arbeiter den Trail zugänglich. Sie bauten 18 Brücken, Hunderte Kilometer Weg und mehr als 10.000 Treppenstufen. Ein »gemeindeorientiertes Projekt, das sowohl beim Bau als auch im Betrieb ein altes kulturelles Symbol wiederherstellt«, nannte es Sam Blyth, Vorsitzender der Bhutan Canada Foundation, in einer Erklärung.

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Trans Bhutan Trail: 400 Kilometer quer durch den Himalaja

Foto: Trans Bhutan Trail / G Adventures

Das Konzept des Trails legt Wert auf Nachhaltigkeit – sowohl die Einheimischen als auch die Umwelt sollen profitieren: Für jeden Besucher, jede Besucherin und jeden Mitarbeitenden werde ein Baum gepflanzt, steht auf der Website  des Projekts. Das Bauholz für die restaurierten Brücken stammt aus nachhaltiger Forstwirtschaft; Einmalplastik soll nicht genutzt werden, dafür wiederverwendbare Wasserflaschen; die Wegweiser bestehen aus recyceltem Kunststoff. »Die Menschen vor Ort profitieren unmittelbar vom gemeindeorientierten Tourismus, sei es über Privatunterkünfte, die lokale Beschaffung von Vorräten für mehrtägige Trips oder die Anstellung einheimischer Guides«, so Blyth.

Und der Stiftungschef sieht noch mehr in dem Projekt: »Der Pfad spiegelt auch die Philosophie des Bruttonationalglücks des Landes wider und wird es den Kindern Bhutans ermöglichen, in den Fußstapfen ihrer Vorfahren zu wandeln«, sagt Blyth. Das Königreich mit seinen rund 770.000 Einwohnern gehört nach Einschätzung der Vereinten Nationen zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt – und doch wird nach seiner Philosophie das allgemeine Wohlbefinden des Volkes höher geschätzt als ein Wirtschaftswachstum. Laut Verfassung müssen 60 Prozent des Landes mit Urwald bedeckt bleiben; zurzeit sind es 70 Prozent. Bhutan absorbiert mehr Klimaemissionen, als es ausstößt.

Lachen ist auch eine Sprache: Begegnung zwischen Wanderer und Mönchen

Lachen ist auch eine Sprache: Begegnung zwischen Wanderer und Mönchen

Foto: Trans Bhutan Trail

Bhutan hängt stark vom Tourismus ab und reglementiert ihn dennoch seit Jahrzehnten stark. Nur wenige Gäste dürfen kommen, und diese müssen für jeden Tag mindestens 250 Dollar im Voraus bezahlen – für Kost und Logis, einen Reiseführer, Transport und eine Nachhaltigkeitspauschale. Die Coronakrise bedeutete daher auch für den kleinen Staat heftige Einbußen.

Auch der Trans Bhutan Trail wird nur mit Guide begehbar sein. Die Angebote beginnen bei wenigen Tagen, gerichtet sind sie an Wanderer, Radfahrerinnen und Trailrunner, Vogelfans, Pilger und Fotografinnen. Auf der Trail-Website ist schon jetzt unter anderem eine 34-Tage-Tour buchbar für 11.215 US-Dollar (etwa 10.000 Euro, ohne Flug). Als erster ausländischer Veranstalter darf G-Adventure, ein kanadisches Unternehmen, ab Mai Trips auf dem Weg durchführen, für Preise ab etwa 2750 Euro für elf Tage (mit Unterkunft im Zelt, ohne Flug).

Mit dem Trans Bhutan Trail haben Weitwanderer ein neues attraktives Ziel in Asien. Als einer der schwierigsten Treks im Himalaja gilt der 25-tägige Snowman-Trail, der im Norden Bhutans 356 Kilometer lang über acht Pässe auf einer Höhe von durchschnittlich 4000 Metern verläuft. Ein Teil davon ist der etwas leichtere Chomolhari-Trek. Bisher gilt vor allem Nepal mit Treks wie der Annapurna- oder Manaslu-Runde als Sehnsuchtsland für Fans moderaterer Weitwandertouren, großer Höhen und vieler Tempel. Auch Ladakh in Nordindien bietet solche Trails etwa durch das Markha-Tal. In beiden Ländern lassen sich Touren auch selbst mit Guides vor Ort organisieren.

Wenn der König an der Tür klopft

Einen Haken hat die Eröffnung der neuen Attraktion in Bhutan: Das Königreich hat sich im Zuge der Coronakrise, bei der bisher weniger als 5000 Covid-19-Fälle registriert wurden, weitgehend abgeschottet. Wer Sehenswürdigkeiten wie die Hauptstadt Thimphu oder Klöster wie Taktshang-Lhakhang (Tigernest) im Parotal sehen will, muss sich zurzeit noch in eine mindestens zweiwöchige Quarantäne begeben  und einige formale Hürden nehmen. Bisher hat das – soweit bekannt – nur eine US-amerikanische Touristin auf sich genommen, die Bhutan schon zuvor ausgiebig bereist hatte.

Seit Beginn der Pandemie besuchte König Jigme Khesar immer wieder zu Fuß, mit dem Auto und zu Pferd abgelegene Dörfer, um die Coronamaßnahmen zu überwachen. Mit Baseballkappe auf dem Kopf, im knielangen traditionellen Gho-Gewand und mit Rucksack wanderte er durch Dschungel und über Berge, auch auf dem neuen Trail. »Die Anwesenheit Seiner Majestät ist weitaus wirkungsvoller als die Herausgabe öffentlicher Richtlinien«, sagte der Premierminister des Landes, Lotay Tshering, der Nachrichtenagentur Reuters. »Wenn der König meilenweit reist und anklopft... um die Menschen vor der Pandemie zu warnen, dann werden seine bescheidenen Worte respektiert und sehr ernst genommen.«

Die feierliche Freigabe des Trans Bhutan Trails steht jedoch bereits im Kalender des Königs. Im März wird Jigme Khesar den Weitwanderweg in der heiligen Stadt Trongsa in Zentralbhutan eröffnen. Gerade rechtzeitig zur Reisehochsaison, zu der in Nichtcoronazeiten die meisten Besucher kamen: Gruppenreisen finden meist zwischen März und Mai und zwischen September und November statt. Sollen dann mit den ausländischen Wanderern und Wanderinnen die dringend notwendigen Devisen ins Land kommen, müssten also bis dahin die Einreisebeschränkungen gelockert werden.