Transsibirische Eisenbahn Fahren wie im Autoscooter

Es herrscht fast militärische Ordnung: ein geregelter Tagesablauf mit festen Essens- und Lichtlösch-Zeiten, Tafeln mit Verhaltensmaßregeln, stete Kontrollen. Eine Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn ist eine körperlich und mental ruinöse Tortur. Doch zum Glück gibt es meist sehr rede- und trinkfreudige Abteilnachbarn.

Von Merle Hilbk


Transsib-Bahnhof: Gewirr aus Passagieren mit riesigen Taschen, Händlern, Gepäckträgern
Merle Hilbk

Transsib-Bahnhof: Gewirr aus Passagieren mit riesigen Taschen, Händlern, Gepäckträgern

Sie ist ein Mythos, der die unermessliche Weite Russlands symbolisiert: die Transsibirische Eisenbahn. Mit ihr begann die gezielte Besiedlung Sibiriens. 9258 Kilometer führt die Hauptstrecke von Moskau über Irkutsk nach Wladiwostok, mit deren Bau 1891 auf Befehl von Zar Alexander III. begonnen wurde, um Getreide in den Osten und Bodenschätze in den Westen zu befördern. 90.000 Arbeitern bauten vier Jahre lang an der ersten Trasse der anfangs eingleisigen Strecke, die über den Ural, durch Taiga, über Gebirge und sibirische Permafrostböden führte und während der großen russischen Landwirtschaftsreform von 1906 bis 1911 erweitert wurde.

Zuvor war die Durchquerung des Riesenreiches auf dem so genannten Moskauer Trakt, der einzigen, schlammigen Handelsstraße, ein Wagnis, dem sich nur wenige unterzogen. Die Bodenschätze Sibiriens blieben praktisch ungenutzt, Sibirien ein Landstrich, in dem es so gut wie keine Städte und keine Industrie gab. Mit der Fertigstellung begann die massenhafte Besiedlung und Industrialisierung.

Synonym für Deportation, Leiden und Not

1914 hatten sich bereits vier Millionen Arbeiter und Bauern aus dem europäischen Teil Russlands in den neu errichteten Siedlungen entlang der Magistrale niedergelassen; ihnen folgten unfreiwillig Millionen von Verbannten - Dekabristen, politische Häftlinge, aus der Wolgarepublik zwangsumgesiedelte Russlanddeutsche, Kriegsgefangene - die in der Kälte Sibiriens Dörfer errichteten mussten, Kolchosen, Kohlegruben, Stahlwerke, Fabriken bauen. Der Name "Transsibirische Eisenbahn" wurde zum Synonym für Deportation, Leiden und Not.

Autorin Hilbk vor der Transsib: Rattert und wackelt wie ein Autoscooter
Merle Hilbk

Autorin Hilbk vor der Transsib: Rattert und wackelt wie ein Autoscooter

Heute ist die "Transsib" DIE Touristenattraktion Russlands. Russische und ausländische Agenturen bieten Pauschalreisen mit Dolmetscherdienst, Quartier bei "echten sibirischen Familien" und Stadtführungen entlang der Strecke; Rucksacktouristen lassen sich von ihr zum Baikalsee transportieren. Und mehr als ein Transport ist es nicht, denn obwohl die gesamte Strecke inzwischen zweigleisig und durchgängig elektrifiziert ist, sind die Züge - abgesehen von ein paar wenigen teuren Luxuswaggons - bar jeden Komforts.

Es gibt ein zugiges Plumpsklo, das einen Großteil der Zeit geschlossen ist, einen einzigen Kaltwasserhahn, Zwei- und Vierbett-Abteile mit circa 1,70-Meter-langen Betten, die so eng sind, dass man in ihnen besser liegt als sitzt, einen Speisewagen im Sowjetdesign und einen Samowar mit heißem Teewasser auf dem Gang. Die meiste Zeit ruckelt der Zug mit dem Tempo eines deutschen Vorortzuges dahin und rattert und wackelt dabei wie ein Autoscooter. Ohne Unterbrechung ist die siebentägige Reise von Moskau nach Wladiwostok eine körperlich und mental ruinöse Tortur, die nur durch interessante Gespräche und regen Nahrungsmittel- und Starkgetränkeaustausch mit den meist sehr rede- und trinkfreudigen Abteilnachbarn zu ertragen ist.

Im Zug herrscht eine fast militärische Ordnung

Meine erste Fahrt mit der Transsib ist vergleichsweise kurz: 1846 Kilometer, 32 Stunden, von Nowosibirsk nach Irkutsk, eine für russische Verhältnisse äußerst kurze Reise. "Ne daleko", sagte man mir, als ich am Fahrkartenschalter nachfragte, wie weit es bis Irkutsk sei. Dann überreicht man mir die Platzkarten für den "Zug Nr.6", der um 22.50 Uhr Nowosibirsker Zeit den vor Bahnhof verlässt und ein Gewirr aus Passagieren mit riesigen Taschen, Händlern, Gepäckträgern zurücklässt.

Speisewagen: Reger Nahrungsmittel- und Starkgetränkeaustausch
Merle Hilbk

Speisewagen: Reger Nahrungsmittel- und Starkgetränkeaustausch

Im Zug herrscht eine fast militärische Ordnung. Pass- und Fahrkartenkontrolle (die Tickets sind auf den Namen ausgestellt), ein genau geregelter Tagesablauf mit festen Essens- und Lichtlösch-Zeiten, stete Kontrolle durch die Schaffnerinnen, Tafeln mit Verhaltensmaßregeln in den Gängen. Meine Abteilnachbarn, ein Pärchen um die 50 aus Wladiwostok, kommen aus dem Urlaub vom Schwarzen Meer. Eltschin ist Arzt für tibetische Medizin, stammt aus Aserbaidschan und hat, wie er sagt, "unter dem wachsenden Rassismus in Russland zu leiden": "Mit meiner dunklen Haut traue ich mich nachts in Petersburg oder Moskau nicht auf die Strasse".

In Wladiwostok sei es ruhiger, außerdem habe Luda, seine Frau dort ein Reisebüro aufgemacht. Das, sagt sie, laufe leider noch nicht besonders gut: "In den ausländischen Reiseführern steht, Wladiwostok sei eine Stadt ohne Attraktionen." Das sei ganz und gar nicht wahr: Es gebe das Meer, den Hafen, Denkmäler. Und neuerdings auch Hotels mit westlichem Standard. Ihr großer Traum sei es, mit ihrem Mann, den sie erst vor drei Jahren auf einer Reise nach Osteuropa kennen gelernt hat, zusammenzuarbeiten: "Pauschalreisen mit naturmedizinischer Behandlung."

Von der Landschaft sehen wir wenig, die Fenster sind mit Gardinen und Übergardinen verhangen, die bei jedem unvorsichtigen Daran-Ziehen aus der Befestigung zu reißen drohen. Auf den ersten paar hundert Kilometern zwischen Nowosibirsk und Krasnojarsk ist das auch nicht weiter schlimm. Sibirien liegt platt wie ein Pfannkuchen da, bis zum Horizont erstreckt sich Grasland, dazwischen vereinzelt Birkenhaine, von Kartoffelfeldern umzingelte Dörfer mit verwitterten Holzhäusern. Wenig Halt für die Augen, die gespannt durch die Vorhangritzen spähen.

"Mondscheintarif" in Nowosibirsk

Wir reden über Bücher. Lesen war und ist eine der Hauptbeschäftigungen vieler Russen. Buchläden gibt es in Sibirien fast so viel wie die - wohl wegen des gesundheitsbelastenden Klimas - schon reichlich vorhandenen Apotheken, Bücher sind nach wie vor relativ günstig und Klassiker, Sachbücher und Belletristik aus dem Ausland überall auf dem Markt: Haruki Murakami, der in Russland ein fast noch größerer Star ist als in Japan, Paul Auster, Henning Mankell und nicht zuletzt Ildikó von Kürthys "Mondscheintarif", der in Nowosibirsk und Krasnojarsk in den Schaufenstern steht.

Wohnblocks in Irkutsk: Stadtmonster außerhalb des Zentrums
Merle Hilbk

Wohnblocks in Irkutsk: Stadtmonster außerhalb des Zentrums

Lesen wird schon im Kindergarten gefördert; viele Eltern lesen ihren Kindern schon vor der Einschulung Tolstoi und Bulgakov vor, und in der Grundschule verteilen die Lehrerinnen Leselisten. Auch im Zug wird gelesen: Der Ölarbeiter aus dem Nachbarabteil hat einen dicken Krimi auf den Knien, auf dem Gang sind zwei Männer in einen Historienroman aus der Zarenzeit vertieft, und die Bedienung im Speisewagen brütet über einem "Internet für Anfänger" -Lehrbuch.

Wir unterhalten uns über die Unwirtlichkeit der Tokioter Vorstädte, wie sie in Murakamis "Mister Aufziehvogel" beschrieben wird, während der Zug durch die Industriekulisse am Rande von Krasnojarsk rollt: verfallene Gebäude, geborstene Leitungen, verrostete Schornsteine, aus denen schwarzer Rauch die Hügel hinter dem Jennisej hinaufweht - 120 Industriebetriebe machen, wie es im Reiseführer heißt, Krasnojarsk zu einem "bedeutenden wirtschaftlichen Zentrum Russlands".

Bedeutendster Industriezweig ist die Metallproduktion, des Weiteren beherbergt die 875.000-Einwohner-Stadt, die wegen ihrer Holz-Architektur und ihrer Parks zu einer der schönsten Städte Sibiriens zählen soll, Dutzende von Maschinenbau-Betrieben, Chemiewerke, Textil- und Holzindustrie.

Ich verlasse den Zug nur, um während des 20-minütigen Aufenthaltes eine Tüte Blaubeeren bei den Babuschkas zu kaufen, die in einer langen Reihe auf dem Bahnsteig sitzen und aus bauchigen Einweckgläsern heraus ihre Gartenerzeugnisse verkaufen. Meine Gesprächspartner verschwinden für eine schnelle Zigarette hinter das Bahnhofsgebäude, dann mahnt auch schon die gestrenge, uniformierte Schaffnerin, die wie eine Matrone über die Passagiere wacht, zum Einsteigen.

"Paris des Ostens"

Hinter Krasnojarsk wird das Bettzeug verteilt, in den Abteilen werden Wodka- und Weinflaschen mit schwerem moldawischem Roten geöffnet und Tüten mit getrocknetem Fisch, Schwarzbrot und Käsestückchen gezückt, und die restlichen 19 Stunden bis Irkutsk verbringen wir dösend und uns in Trinksprüchen auf unsere Bekanntschaft überbietend.

Russisch-orthodoxe Kirche in Irkutsk: Beinahe heitere, europäische Stadt
Merle Hilbk

Russisch-orthodoxe Kirche in Irkutsk: Beinahe heitere, europäische Stadt

Morgens gegen 7 Uhr treffen wir in Irkutsk ein, das das "Paris des Ostens" genannt wird wegen der pastellfarbenen Häuser und orthodoxen Kirchen, der vielen architektonischen Epochen, die hier versammelt sind, dem Fluss, der Angara, die sich in großem Bogen durch die Stadt windet, der für Sibirien enormen Museendichte - und nicht zuletzt wegen der Warenvielfalt, die es hier zu bestaunen gibt: In der neuen Markthalle werden Rosen aus dem Kaukasus, Würste und Schokolade aus Deutschland, T-Shirts aus China feilgeboten, in den Glasvitrinen der Läden rund um die "Uliza Karla Marxa" französisches Parfüm, italienische Designerkleidung, japanische Stereoanlagen, Filme aus aller Welt auf DVD.

Die Häuser haben einen frischen Anstrich, die Kirchen sind restauriert, es gibt Kinos, Theater mit landesweitem Ruf, neue Cafés. In Jugendstil-Restaurants versammeln sich zur Mittagszeit die "Businessmeni" zum Geschäftsessen, die Bierzelte, die auf den großen Plätzen aufgebaut sind, sind voller Jugendlicher und Touristen, die mit einiger Sicherheit schnell anhand ihrer Kleidung - Turnschuhe, Gürteltaschen und Trekkinghosen zu identifizieren sind. Die meisten verbringen in Irkutsk nur ein paar Stunden, auf der Durchreise zum Baikalsee, dessen touristisch gut erschlossenes Westufer eine Stunde mit dem Linienbus vom Stadtzentrum entfernt liegt.

Es ist eine heitere, gelassene Sommeratmosphäre, die für ein paar Stunden die tristen Plattenbauten und Brachflächen, die grell blinkenden Chinesenmärkte, verstopften Straßen und die gefährlich maroden Kombinate, das ganze wild wuchernde, an "Blade Runner"-Filme erinnernde Stadtmonster, das Irkutsk außerhalb der Innenstadt ist, vergessen. "Als ich vor 20 Jahren das erste Mal hier war", sagt ein Engländer im "Wiener Café", der hier als Wissenschaftler arbeitet, "da herrschte in Irkutsk eine düstere Atmosphäre, die mich an die viele Deportierten denken ließ, die hier neu anfangen mussten. Heute sehe ich eine beinahe heitere, europäische Stadt, in der man sich mit ein bisschen Geld ganz gut einrichten kann."



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.