Traumstrand Das Lebensgefühl der Copacabana

Im Süden der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro reiht sich Strand an Strand. Aber auch wenn Ipanema und Leblon bei Einheimischen als die feineren Adressen gelten: Das Viertel der Copacabana repräsentiert sämtliche Kontraste dieser Stadt.


Rio de Janeiro - Wie eine Sichel aus weißem Sand krümmt sich der Strand zwischen Zuckerhut und der Landzunge von Forte Copacabana. Er ist ein heller Streifen, der das stetig heranrollende Wasser des Atlantiks trennt von den Hochhausfassaden der Hotels, dem sich ausbreitenden Häusermeer dahinter und den Favelas genannten Armensiedlungen. Deren Hütten klammern sich in aus der Not geborenem, verschachteltem Chaos aus Backstein, Blech und Holz an die grünen Berghänge.

Die Copacabana in Rio de Janeiro
GMS

Die Copacabana in Rio de Janeiro

Am Strand spielen Kinder barfuß Fußball. Wer ihnen zusieht, wie sie den Ball in der Luft halten, damit er nicht im tiefen Sand versinkt, der versteht, warum diese Nation so viele Ballkünstler hervorbringt. Fast ebenso populär wie Fußball ist mittlerweile Beach-Volleyball, allerdings eher bei den jungen Erwachsenen. Und auch die spärlich bekleideten Frauen, von denen jede zweite Postkarte aus Rio kündet, flanieren in Scharen an der Küste entlang.

Die dunkle Seite des Ferientraums sind Diebstahl und Prostitution. Wer glaubt, an der Copacabana mit teurer Uhr am Handgelenk und Goldkettchen um den Hals Eindruck schinden zu müssen, hat beides möglicherweise schnell verloren. Einige Hotels lassen deshalb mittlerweile ihre Strandabschnitte bewachen - ein Stück Sicherheit, das allerdings mit der Aufgabe von Bewegungsfreiheit zu bezahlen ist: Die gut gebauten Herren von der Strandpatrouille sorgen für ein eher zwiespältiges Gefühl.

Berühmt nicht nur wegen der kilometerlangen Sandstrände, sondern auch wegen der schönen Frauen
DPA

Berühmt nicht nur wegen der kilometerlangen Sandstrände, sondern auch wegen der schönen Frauen

Gäste sind gut beraten, die Ratschläge der Rezeptionisten zu befolgen: "Niemals mehr Bargeld als nötig am Leib tragen. Aber 20 Dollar sind die Lebensversicherung." Ihr Rat: Wer von einem bewaffneten Räuber bedroht wird, sollte zumindest etwas Geld in der Tasche haben und sofort zahlen. Dennoch tun Fremde gut daran, sich nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr in die schummerigen Seitengassen der Copacabana zu wagen. Während parallel zum Strand auf der Avenida Atlantica der Autoverkehr abebbt und die großen Stichstraßen mit ihren Läden und Bars zu umtriebigem Leben erwachen, wechseln in dunklen Gassen Drogen und Waffen die Besitzer.

Wer eine heile Welt in behüteter Umgebung sucht, sollte die Copacabana von der Liste seiner Traumziele streichen. Wer sich aber an die ungeschriebenen Gesetze für Besucher hält, dem bietet sie jenes Lebensgefühl, das ganz Rio beherrscht. Dazu gehört dann auch, auf der Terrasse einer Bar mit Blick auf den Atlantik einen Caipirinha zu trinken - das Nationalgetränk der Brasilianer aus Zuckerrohrschnaps, Limetten, braunem Zucker und zerstoßenem Eis.

Von Matthias Huthmacher, gms



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.