Tevin Kim, 16, machte diese Aufnahme in den Teton Mountains, Wyoming
Tevin Kim, 16, machte diese Aufnahme in den Teton Mountains, Wyoming
Foto:

Alessandro Bergamini / www.tpoty.com

Ausgezeichnete Reisefotos Augenblick mal!

Ein Blick wie ein Sog, Küsten wie Kunstwerke und vor allen: neue Menschen. Trotz Pandemie reisen Fotografen durch die Welt – oft mutig, immer hungrig nach Motiven. Eine Jury kürte nun die besten Bilder.
Von Julia Stanek
Kleine Insel, großer Auftritt: die schottische Insel Eigg

Kleine Insel, großer Auftritt: die schottische Insel Eigg

Foto: Fortunato Gatto / www.tpoty.com

Über mit Wasser gefüllten Prielen geht die Sonne auf, ihr grelles Orange spiegelt sich unregelmäßig auf dem nassen Sand: Mit dieser Luftaufnahme der Insel Eigg hat der Italiener Fortunato Gatto den Wettbewerb »Travel Photographer of the Year 2021« (TPOTY ) gewonnen. Seit 2007 lebt er in Schottland, ein Land, für das der Fotograf eine »tiefe Liebe« empfindet, wie es in der Verkündung des Wettbewerbs heißt. Eigg gehört zu den schottischen Inneren Hebriden und ist eine der sogenannten Small Islands. Sie zählt um die hundert Einwohnerinnen und Einwohner.

Mormon Row, eine historische Siedlung im Grand-Teton Nationalpark

Mormon Row, eine historische Siedlung im Grand-Teton Nationalpark

Foto: Tevin Kim / www.tpoty.com

Im August 2021 konnte man an manchen Tagen kaum etwas von den Spitzen der Teton Range sehen, einer Bergkette in den Rocky Mountains. Dichte durch Waldbrände verursachte Rauchschwaden haben die Sicht auf die rund 4000 Meter hohen Riesen versperrt, die spektakuläre Natur im Westen der USA lag unter einer gelblich-grauen Dunstglocke. Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – ist Tevin Kim dieses Foto gelungen. Der 16-Jährige hat beim TPOTY-Wettbewerb einen Preis gewonnen: Er ist der beste »Junge Reisefotograf des Jahres« in der Altersklasse von 15 bis 18 Jahren. Das Foto entstand im südöstlichen Teil des Grand-Teton-Nationalparks, Wyoming, wo die historischen Häuser und Scheunen der früher hier lebenden Mormonen zu besichtigen sind.

Hirte mit besonderem Haargel, Südsudan

Hirte mit besonderem Haargel, Südsudan

Foto: Trevor Cole / www.tpoty.com

Das Foto des jungen Mundari-Hirten hat Trevor Cole gemacht. Der Ire schaffte es mitten in der Pandemie bis in den Südsudan – und brachte unter anderem dieses Motiv mit, er gewann damit in der Kategorie »Menschen und ihre Geschichten«. Der Hirte ist gerade dabei, sich den Urin eines Watussi-Rinds in die Haare zu schmieren. Dieser soll eine natürliche antiseptische Wirkung haben und sogar Haare bleichen können – zumindest das könnte das Foto bezeugen. »Ein starkes und unkonventionelles Porträt«, urteilt die Jury.

Made in Vietnam: Schuhe, kunterbunt

Made in Vietnam: Schuhe, kunterbunt

Foto: Viet Van Tran / www.tpoty.com

Noch mehr Menschen und ihre Geschichten: Der renommierte Fotojournalist Viet Van Tran, der als Reporter für eine der größten Zeitungen Vietnams arbeitet, hat in Ho-Chi-Minh-Stadt einen Schuhmacher porträtiert. Trinh Ngoc ist mehr als 90 Jahre alt und hat den Angaben zufolge die Füße vieler Berühmtheiten ausgestattet, darunter Mitglieder der kambodschanischen Königsfamilie, von der Königin bis zu Prinz Sihanouk.

Melken per Hand, eine bewusste Entscheidung im Veltlin

Melken per Hand, eine bewusste Entscheidung im Veltlin

Foto: Beniamino Pisati / www.tpoty.com

Arbeitsplatz mit Aussicht: Seit er 16 Jahre alt ist, arbeitet Simone Marchetti auf der Alm im Veltlin, einem Teil der norditalienischen Lombardei. »Auch wenn die Käseproduktion in den Bergen gute Erträge garantiert, und die Hirten zur Arbeitserleichterung Melkmaschinen anschaffen könnten, melken einige von ihnen noch immer per Hand«, schreibt Fotograf Beniamino Pisati. »Für diese Leute ist das keine Frage des Geldes, sondern eine Lebenseinstellung.« Pisati ist gebürtiger Mailänder, lebt aber in Sondrio, dem größten Ort des Veltlins. Er begleitet die Hirten der Region inzwischen seit mehr als zehn Jahren. Das erklärt die Nähe zu Mensch und Tier, die das Foto vermittelt.

Ein Blick wie ein Sog: Porträt einer Inderin in Pushkar

Ein Blick wie ein Sog: Porträt einer Inderin in Pushkar

Foto:

Alessandro Bergamini / www.tpoty.com

Ganz nah dran war auch der Italiener Alessandro Bergamini, der in Indien diese Frau fotografierte. Ihre grünbraunen Augen schauen direkt in seine Kamera – ein Blick, dem man beim Betrachten des Fotos nicht ausweichen kann. Aber wenn Sie Bergamini fragen, hat ein anderes Detail für den vereinnahmenden Effekt gesorgt: dass sich die Frau mit ihrer hennagefärbten Hand ihr Tuch vor den Mund zog. Die Folge: »Die tiefe, magnetische Farbe ihrer Augen sticht dadurch nur noch mehr heraus«, sagt der Fotograf.

Die Juroren sagen, Bergamini würde mit seinen Fotos »auf außergewöhnliche Weise visuelle Brücken bauen zwischen Gesichtern und Orten, zwischen Farben und Duft«. Seine künstlerische Linie zeichne sich dadurch aus, dass er die Schönheit von Blicken und Gestik einfange – ohne den Respekt vor Privatheit und verschlossenen Kulturen zu verlieren. Das Foto entstand in Pushkar im indischen Bundesstaat Rajasthan.

Tafel(n) in Trümmern

Tafel(n) in Trümmern

Foto: Mouneb Taim / www.tpoty.com

Schutt und Asche und eine sehr lange Tafel: In der Stadt Idlib, der letzten Rebellenhochburg im Bürgerkriegsland Syrien, sind die Folgen der Bombardements  unübersehbar. Inmitten der Trümmer aber treffen sich die Menschen zum gemeinsamen Fastenbrechen am Ende des Ramadan, was der junge syrische Fotojournalist Mouneb Taim dokumentiert hat. Die Juroren waren von dem Foto beeindruckt, weil es die »Zusammengehörigkeit« einer durch den Krieg auseinandergerissenen Community zeige. Es sei auch deshalb ein starkes Bild, weil es dazu auffordere, genauer hinzuschauen, das Motiv mit den Augen zu »erforschen«. Fotograf Taim hat in den vergangenen Jahren viel über Massaker und Zerstörung durch Luftangriffe berichtet und dafür internationale Auszeichnungen erhalten.

Nordkorea oder nicht Nordkorea, das ist hier die Frage

Nordkorea oder nicht Nordkorea, das ist hier die Frage

Foto: Alain Schroeder / www.tpoty.com

22 Meter hoch sind die Bronzestatuen von dem in Nordkorea verehrten Staatsgründer Kim Il Sung und seinem Sohn, dem 2011 verstorbenen kommunistischen Diktator Kim Jong Il. Neben dem Monument in der Hauptstadt Pjöngjang steht eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern, die der belgische Fotojournalist Alain Schroeder fotografiert hat. Er betont, dass solch ein Foto natürlich nicht die Realität der Menschen abbildet, die hier in Armut und Unfreiheit leben. Als Fotograf bekomme man aber genau gesagt, was man anschauen und fotografieren darf.

Wer als Ausländer nach Nordkorea reist, muss sich geführten Touren anschließen, die nichts als Propagandatouren sind. »Es gibt einen festen und unflexiblen Zeitplan dafür, alles ist hier kontrolliert«, sagt Schroeder, »es gibt keine andere Wahl, als die Regeln zu befolgen.«

Daher rät er dazu, die Dinge wie der Surrealist René Magritte zu sehen. Der belgische Maler schrieb 1929 unter sein Gemälde von einer Pfeife den Satz »Ceci n'est pas une pipe«, auf Deutsch: Dies ist keine Pfeife. Man könne sich also beim Betrachten von Fotos aus Nordkorea auch einfach sagen: Dies ist nicht Nordkorea. Während die Schulkinder vermutlich zu hören bekommen, was für ein wunderbares Land Nordkorea sei, hätte die alte Frau links im Bild wohl ihre ganz eigenen Geschichten zu erzählen.

Freeski-Profi in Alaska: Adrenalin auf dem Speicherchip

Freeski-Profi in Alaska: Adrenalin auf dem Speicherchip

Foto: Fabain Lentsch / www.tpoty.com

Pally Learmond aus Großbritannien fotografierte den österreichischen Freeski-Profi Fabian Lentsch, wie der sich halsbrecherisch einen Hang in Haines, Alaska, hinunterstürzte. Damit gewann er in der Kategorie Landschaft und Abenteuer.

Verschachtelt und verlassen: Lehmhäuser in der Oase Fachi, Niger

Verschachtelt und verlassen: Lehmhäuser in der Oase Fachi, Niger

Foto: Michael Runkel / www.tpoty.com

Der deutsche Fotograf Michael Runkel gilt als einer der meistgereisten Menschen der Welt. Ein Ort, an den es ihn schon mehrfach gezogen hat, ist die Sahara – er nennt sie einen »magischen Platz«. Mitten in der Pandemie reiste Runkel in den Niger, wo unter anderem dieses Foto entstand, für das er eine besondere Erwähnung in der Kategorie Landschaft und Abenteuer bekam. Das Bild zeigt die Oase Fachi in der Ténéré, einer Sandwüste in der südlichen Sahara. Runkel nahm die verlassene Kasbah mit ihren Gebäuden aus Lehm aus der Luft auf.

Im vergangenen Jahr ist der Fotograf aus Bayern außerdem in Saudi-Arabien unterwegs gewesen. »Wer neugierig ist auf Orte, die noch nicht überlaufen sind, sollte schnell hinfahren«, sagt Runkel. Das Land setzt derzeit viel daran, seinen Tourismussektor massiv auszubauen. Runkels Impressionen aus dem Land gibt es hier.

Flug der Flamingos über dem Magadisee, Kenia

Flug der Flamingos über dem Magadisee, Kenia

Foto: Jie Fischer / www.tpoty.com

Flamingos über dem Magadisee in Kenia: Die US-Amerikanerin Jie Fischer ist Hobbyfotografin und interessiert sich für Wildlife- und Landschaftsfotografie. Aus der Luft betrachtet ist dieser abflusslose Sodasee im östlichen Arm des Ostafrikanischen Grabens besonders spannend. Eigentlich handelt es sich um ein Seebecken, das nur zur Regenzeit von Wasser bedeckt wird. Durch die gewaltigen Vorkommen des Minerals Trona entstehen interessante Muster.

»Die vergangenen zwei Jahre waren hart für alle – und die Möglichkeiten für Fotografen sehr begrenzt«, sagt Chris Coe, Gründer des Fotowettbewerbs, in Bezug auf die Coronakrise und die damit verbundenen Reiseeinschränkungen. Diese Fotos hier bezeugten jedoch umso mehr »die Beharrlichkeit, Kreativität und Genialität reisender Fotografen«, findet Coe.