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Wandern mit Leichtgepäck: Mit wenigen Kilo tagelang unterwegs

Foto: Stefan Dapprich

Tricks der Leichtgepäck-Gurus Wie Reiseprofis ihren Rucksack packen

Klopapier? Unnötig. Zweitschuhe? Braucht kein Mensch. Zahnbürste? In der Mitte durchsägen. Ultraleicht-Backpacker kämpfen mit irrwitzigem Eifer um jedes Gramm, das sie beim Gepäck sparen können. Auch Normalreisende können einiges von den Meistern der Reduktion lernen.

Überflüssige Pfunde loswerden ist nichts, was sich mal eben nebenher bewerkstelligen lässt. Schon 100 Gramm sind manchmal echte Arbeit, damit kennt sich Abspeck-Experte Stefan Dapprich aus. Trotzdem klingt sein wichtigster Tipp für Anfänger erst mal ziemlich simpel: Kauft euch eine Waage!

Er meint damit eine Küchenwaage, weil die genauer ist, keine Personenwaage. Bei Dapprichs Spezialgebiet geht es nicht um übergewichtige Menschen, sondern um übergewichtiges Gepäck. Wenn er zehn Tage lang in Norwegen durch die Wildnis wandert, hat er ein Idealgewicht von knapp zehn Kilo dabei - inklusive kompletter Verpflegung, Kochgeschirr, Zelt und warmer Kleidung. Ein Gewicht, mit dem die meisten schon bei einer Zweitagestour kaum auskommen.

Vor allem in den USA ist Ultraleicht-Wandern schon seit Jahren ein Betätigungsfeld von Outdoor-begeisterten Tüftlern und Materialexperten. Die echten Profis entfernen die Ringe unter dem Deckel von Plastikflaschen, schneiden Streichhölzer und Zahnbürsten in der Mitte durch und entfernen Schildchen von T-Shirts und Unterhosen: Hurra, wieder drei Gramm weniger. Auf einer Liste wird dann präzise das Gewicht jedes Gegenstands vermerkt.

Jeden Gegenstand hinterfragen

"Seien Sie kreativ destruktiv!", empfiehlt der promovierte Naturwissenschaftler Dapprich in seinem Buch "Trekking ultraleicht". Jeder Teil des Reisegepäcks sollte hinterfragt werden, jeder unnötige Riemen am Rucksack kann weg. Die wichtigste Grundidee ist jedoch, Ausrüstungsgegenstände mehrfach zu verwenden: Der Trekkingstock wird nachts zur Zeltstange, der Regenponcho bei geübten Baumeistern sogar zum improvisierten Zeltdach.

Überhaupt, der Regenponcho: Er ist wohl nichts für Kletterer oder Hochtourengänger, kann aber auf weniger anspruchsvollen Wanderungen Regenjacke, Regenhose und Rucksackcover überflüssig machen und zählt vielleicht zu den meistunterschätzten Outdoor-Utensilien überhaupt.

Trotzdem wird man die praktische Plane niemals auf einem Werbeposter von Jack Wolfskin oder The North Face entdecken, denn sie hat einen entscheidenden Nachteil: Das Erscheinungsbild ihrer Benutzer erinnert an einen wandelnden Müllsack, an ein raschelndes Schreckgespenst aus der Urzeit der Outdoor-Modesünden.

Das ist umso fataler, weil sich das Image der Reise- und Wandermode in den vergangenen Jahren extrem gewandelt hat: Wer heute eine Outdoor-Jacke kauft, will nicht nur Everest-taugliche Hightech-Materialien, sondern auch noch gut darin aussehen. Wer dagegen konsequent Gewicht sparen will, muss auch mal zu modischen Kompromissen bereit sein. Wie weit man dabei geht, muss jeder selbst entscheiden. Es wurden schon Wanderer gesichtet, die abends im Camp ihren Schlafsack unter eine viel zu große dünne Jacke stopften - und damit eine Daunenjacke überflüssig machten.

Draußen zu Hause - mit Espresso und Campingstuhl

Eine Milliarden-Euro-Industrie lebt davon, dass Outdoor-Fans immer neue Dinge kaufen, die das Leben unterwegs angeblich vereinfachen. Von Lebensmittelbehältern in Bananenform bis zu Espressomaschinen für unterwegs, von winzig zusammenfaltbaren Campingstühlen bis zu 60-Euro-Teebechern aus mehrfach gehärtetem Titan. Der Trend geht dahin, immer leichtere Dinge mitzunehmen - und immer mehr davon, so dass die Gewichtsersparnis nachher minimal ist. Denn wer Hunderte Euro für einen Hightech-UV-Strahlungs-Wasserbakterienkiller zahlt, lässt den natürlich anschließend nicht zu Hause, nur weil einfache Wasserreinigungstabletten viel weniger wiegen.

Noch ein Beispiel: Wer braucht eigentlich diese superedlen Bärentöter-Messer mit riesigen Klingen, die im Handel als Überlebenswerkzeug angepriesen werden? "Manche davon sind eher kleine Macheten", sagt Dapprich. "Ich habe so ein Gerät noch nie draußen gebraucht. Was wollen die Leute damit? Bäume fällen?"

Er nimmt in die Wildnis ein winziges Messer mit drei Zentimeter langer Klinge mit. Der US-Leichtgewichtsguru Mike Clelland geht sogar noch weiter: Er empfiehlt eine Rasierklinge mit einseitiger Schneide, die er zum Schutz vor Verletzungen in einer winzigen Box aus Kartonpappe und Tesafilm verpackt.

Clelland ist davon überzeugt, dass Reisende ihr Denken komplett umstellen müssen, um konsequent Gewicht zu sparen. "Camping ist zu einer Reflexion unseres Gadget-hungrigen Bewusstseins geworden", schreibt er in seinem Buch "Ultralight Backpackin' Tips". Viele haben vergessen, welchen Komfortgewinn schon einige hundert Gramm Reduktion unterwegs ausmachen. "Traditionelle Wanderer fühlen sich an der Campingstelle wohl, nachdem sie den Schmerzen verursachenden Rucksack von ihrem Rücken gewuchtet haben. Ultraleicht-Camper fühlen sich auf dem Weg wohl", schreibt Clelland .

Diese Reduktion auf das Wesentliche lehrte ihn wertvolle Lektionen für den Alltag, ist für ihn eine ganze Lebensphilosophie. "Ich führe ein sehr einfaches Leben. Viele Dinge, die mir früher wichtig waren, haben keine Bedeutung mehr, es blieb nur noch ein Kern von wunderschönen Sachen, die wirklich lebenswichtig sind", schreibt er.

Stinken ist okay

Wenn er in der Natur unterwegs ist, nimmt Clelland nicht mal Wechselwäsche mit. Nachts zieht er alle Schichten an, um einen leichteren Schlafsack mitnehmen zu können. "Es gibt eine Norm, dass wir unsere Klamotten und uns selbst in jeder möglichen Situation regelmäßig waschen müssen." Dabei gebe es überhaupt keinen Grund, sich verrückt zu machen, wenn man für eine Zeit damit pausiert. "Nach einiger Zeit riecht jeder ein bisschen streng, und das ist okay so."

Er empfiehlt außerdem, unterwegs auf Klopapier zu verzichten, das in der Wildnis unschönen Müll verursacht. Zahlreiche Ersatzmethoden stellt er in seinem Buch vor, bei denen Steine, Schneeklumpen oder Wasser zum Einsatz kommen. Im Internet ist ein sehenswerter kleiner Kurs  zu sehen.

Wer weniger Gewicht schleppt, kann auch mit leichteren Schuhen losziehen: Bei 18 Kilo auf dem Rücken sind stabile Wanderstiefel bis über die Knöchel Pflicht, bei acht Kilo tun es auch sportliche Trailrunning-Schuhe. "Gewichtsersparnisse bei den Schuhen machen fünfmal so viel aus wie auf dem Rücken", sagt Dapprich. Das habe ein Feldversuch mit US-Soldaten ergeben, bei dem mit verschiedener Ausrüstung getestet wurde, wie groß die Erschöpfung war.

Auch Rucksack-Tragesysteme müssen nicht so ausgefeilt sein, wenn man sowieso relativ wenig Gewicht schleppt. Die meisten Leichtgepäck-Wanderer nutzen sehr simple Rucksäcke ohne aufwendige Rückenpolster oder sonstige Gimmicks, die erheblich weniger wiegen als die Modelle, die üblicherweise empfohlen werden.

Wenn Dapprich mit seinem Leichtgepäck in einer Berghütte ankommt, erntet er häufig verwirrte Blicke. "Manche Leute sagen dann, ich sei leichtsinnig und könne mich glücklich schätzen, noch am Leben zu sein", sagt Dapprich. Dabei sei es ihm wichtig, trotz des geringen Gewichts für jede Situation gerüstet zu sein. "Ich will kein Überlebenstraining machen." Außerdem könne man den Leichtgewichtswahn auch übertreiben, man müsse nicht um jedes halbe Gramm kämpfen. Ob er seine Zahnbürste abgesägt hat? "Ja, aber nur, damit die in meinen Kochtopf passt", sagt Dapprich.

Fünf Leichtgewicht-Reisetipps für Anfänger

1. Niemals komplette Duschgel- oder Shampoo-Packungen einpacken - wer die Flüssigkeiten in ein 25-Milliliter-Gefäß umfüllt, spart viel Gewicht (und kann sie auch im Flugzeug-Handgepäck mitnehmen).

2. Zahnpasta wird von vielen Herstellern auch in Reisegrößen angeboten. An sich eine gute Idee - doch sie verlangen unfassbare Wucherpreise dafür. Genauso gut funktioniert ein kleines Gefäß mit Schraubverschluss, dessen Öffnung gerade groß genug für den Zahnbürstenkopf ist: umfüllen und Geld sparen!

3. Wer Wandern geht, braucht als erste Bekleidungsschicht eigentlich nur ein T-Shirt, ein Thermo-Longsleeve und zwei Unterhosen - das jeweils ungenutzte Teil kann gewaschen werden und tagsüber trocknen. Wie Sie verschiedene Ausrüstungsgegenstände am besten in Ihrem Rucksack verteilen, lesen Sie hier.

4. Nüsse und Studentenfutter haben ein besonders gutes Gewicht-Kalorien-Verhältnis - perfekte Energienahrung für unterwegs!

5. Ein kleines Outdoor-Handtuch, etwa 30 mal 30 Zentimeter groß, ist auch für eine mehrwöchige Reise völlig ausreichend, wenn man sich nicht am Fensterleder-Gefühl auf der Haut stört.

Fünf Leichtgewicht-Reisetipps für Profis

1. Viele Extrembergsteiger verwenden statt eines kompletten Schlafsacks einen sogenannten Halfbag, der nur die Beine bedeckt. Darüber behalten sie einfach die Daunenjacke an, die sonst nachts nutzlos wäre.

2. Ein Tarp (einfacher Regenschutz aus einer einzigen Plane) kann in vielen Fällen ein Zelt ersetzen, wenn die Witterungsbedingungen nicht zu extrem sind. Damit ist man weniger isoliert von der Natur - was allerdings je nach vorhandener Tierwelt auch ein Nachteil sein kann. Wer besonders viel Gewicht sparen will (und sich an dem Knistern nicht stört), nutzt als Unterlage silberne Überlebensfolie.

3. Ein stabiler Müllsack (circa 40 Gramm), der den Rucksack innen auskleidet, macht eine äußere Regenhülle (circa 180 Gramm) überflüssig - der Stoff außen wird zwar nass, aber der Inhalt bleibt trocken.

4. US-Firmen wie Gossamer oder GoLite bieten Ultraleicht-Rucksäcke an, die entweder keine oder herausnehmbare Rückenpolster haben. Bei diesen Systemen sorgt die Isomatte für eine weiche Auflage auf dem Rücken.

5. Als leichtesten (und billigsten) Outdoor-Kochtopf der Welt empfiehlt Buchautor Mike Clelland eine oben abgesägte Bierdose.